Tsara’at

Vorsicht, ansteckend!

Wer das Leben der Gemeinschaft bedroht – zum Beispiel durch üble Nachrede –, bringt alle in Gefahr. Foto: Thinkstock

Als Ignaz Semmelweis, der spätere »Retter der Mütter«, 1846 seine medizinische Laufbahn als Assistent an der Geburtshilflichen Klinik in Wien begann, galt das Kindbettfieber, an dem so viele junge Mütter nach der Entbindung starben, als etwas Schicksalhaftes, Unbeeinflussbares.

Semmelweis entdeckte zwar den Übertragungsweg – schmutzige Hände, verunreinigte Instrumente und unzureichend gesäuberte Bettwäsche –, aber man glaubte ihm nicht. Es vergingen noch weitere drei Jahrzehnte, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, woher die todbringende Sepsis (im Volksmund »Blutvergiftung« genannt) kam und wie sie Menschenleben zerstörte.

Krankheiten In biblischen Zeiten kannte man die Lehre von der Krankheitsübertragung noch nicht, aber die Menschen waren gute Beobachter. Auch wenn sie die Zusammenhänge nicht verstanden, erkannten sie verschiedene Krankheiten und deren Verläufe. Eine gefürchtete Erkrankung jener Zeit war der Aussatz (hebräisch: Tsara’at), ein Sammelbegriff für unterschiedliche Krankheiten einschließlich der gefürchteten Lepra.

All diese Erkrankungen waren sehr gefährlich. Und so mahnt der Ewige: »Gebiete den Kindern Israels, dass sie aus dem Lager schaffen jeden Aussätzigen, jeden, der mit dem bösen Fluss behaftet ist oder sich an einer Leiche verunreinigt hat. Es mag eine männliche oder weibliche Person sein, so müsst ihr sie fortschaffen, nämlich aus dem Lager hinausschicken, damit sie nicht ihr Lager verunreinigen, in welchem Ich unter ihnen Residenz halte« (4. Buch Mose 5, 2–3).

Noch war den Menschen der Unterschied zwischen Sauberkeit und religiöser Reinheit nicht ganz klar. Im Judentum hat religiöse Reinheit nicht ausschließlich mit einer geistigen Reinheit zu tun, sondern ganz konkret auch mit Körperhygiene. Noch waren die Ansteckungswege nicht bekannt. Das Gebot des Ewigen wurde als solches von den Kindern Israels befolgt.

Man erinnere sich: Zu den Zeiten, als die Pest und andere Seuchen durch Europa zogen, waren die Juden von diesen tödlichen Krankheiten deutlich weniger betroffen, durch Netilat Jadajim, das Händewaschen vor dem Essen, aber auch durch die Tvila, das regelmäßige Untertauchen in der Mikwe (die wiederum befüllt wurde durch fließendes Wasser, nicht durch stehendes und damit möglicherweise fauliges).

Götzendienst Und doch hat das Gebot des Ewigen hinsichtlich ansteckender Krankheiten nicht nur eine physische Komponente. Der Midrasch (Bemidbar Rabba) weist uns auf einen übertragenen Sinn von Aussatz, Ausfluss und »Verunreinigung durch eine Leiche« hin: Aussatz, das sei der Götzendienst – im weiteren Sinne das Sich-Abkehren vom Ewigen, durch einen unsozialen Lebenswandel. Hierzu gehört auch Laschon Hara, die üble Nachrede, wie wir am Beispiel von Mirjam gesehen haben. Ausfluss – dies weise hin auf sexuelle Verfehlungen; und mit der Verunreinigung durch eine Leiche sei ungerechtes Blutvergießen gemeint. Um dieser Dinge willen, sagt der Midrasch, seien der Tempel zerstört und das Volk Israel aus seinem Land vertrieben worden: Sie seien quasi aus dem Lager geschafft worden.

Auch in unseren modernen Zeiten gilt innerhalb Israels und in den Ländern der Diaspora: Wenn einer das Leben der Gemeinschaft bedroht – sei es durch Vermittlung falscher Maßstäbe, durch sexuelles Fehlverhalten, durch die »böse Zunge« (Laschon Hara) oder durch andere Schäden, die er den Mitmenschen an Körper, Geist, Ansehen oder Vermögen verursacht –, so muss sein Verhalten beanstandet werden, damit er nicht alle in Gefahr bringt. Aber manchmal wird ein Mensch auch zu Unrecht eines Fehlverhaltens beschuldigt, wie im Fall der »Sota« beschrieben, wo es darum geht, dass ein Ehemann seine Frau der Untreue verdächtigt, es aber nicht beweisen kann. Es war kein angenehmes Ritual, und manche Kommentare beschreiben es als entwürdigend. Entwürdigend? Was kann denn, bitte schön, entwürdigender sein für einen Menschen als ein ungerechter Verdacht? Man kann das Ritual auch als etwas anderes sehen, nämlich als Möglichkeit, seine Würde, seine Glaubhaftigkeit wiederzuerlangen in den Augen der Menschen.

Niedertracht Vielfältig sind die Masken der Niedertracht und vielfältig die Gründe, weshalb Menschen anderen mit Verdächtigungen, Halbwahrheiten oder schlicht falschen Behauptungen das Leben schwer machen. Wie bei den Bakterien und Viren sieht man auch hier die schädliche Wirkung auf den Organismus der Gemeinschaft erst, wenn die schlimmen Folgen sichtbar werden, und dann kann es für den einen oder anderen schon zu spät sein.

Alles Vorherige geschieht im Dunkeln, im Verborgenen. Aus einem winzigen Beginn, so harmlos er scheinen mag, kann das größte Unheil entstehen. Und so wie die Bakterien manchmal »Mörder aus dem Dunkeln« genannt werden, deren Übertragungswege es zu unterbrechen gilt, so sind auch wir aufgefordert, unsoziales, der Gemeinschaft schadendes Verhalten zu unterbinden, uns nicht an der Weiterverbreitung zu beteiligen, schon gar nicht mit der Begründung »Das machen doch alle so«.

Wagen wir es, uns solchem Fehlverhalten aktiv entgegenzustellen, wenn es uns begegnet – und es begegnet uns fast täglich, und wäre es nur in rassistischen oder frauenfeindlichen Witzen oder der Verbreitung von bösen Gerüchten (»Hast du schon gehört ...«). Wagen wir es, auch wenn wir uns so unbeliebt machen wie seinerzeit Ignaz Semmelweis, der durch sein konsequentes Verhalten den Unwillen seiner Kollegen auf sich zog, aber in der Folge unzählige Menschenleben rettete.

Die Autorin ist Ärztin und Vorstandsmitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

Inhalt
Der Wochenabschnitt Nasso setzt die Aufgabenverteilung beim Transport des Stiftszelts fort. Es folgen verschiedene Verordnungen zum Zelt und ein Abschnitt über Enthaltsamkeitsgelübde. Dann wird der priesterliche Segen übermittelt. Den Abschluss bildet eine Schilderung der Gaben der Stammesfürsten zur Einweihung des Stiftszelts.
4. Buch Mose 4,21 – 7,89

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