Gesellschaft

Vom Wert des Lebens

Wie wir ältere Menschen daran hindern können, ihre Existenz als sinnlos zu empfinden

von Rabbiner Avraham Radbil  27.04.2015 22:56 Uhr

Von Generation zu Generation: Enkel profitieren von der Lebenserfahrung und den Ratschlägen der Großeltern. Foto: Thinkstock

Wie wir ältere Menschen daran hindern können, ihre Existenz als sinnlos zu empfinden

von Rabbiner Avraham Radbil  27.04.2015 22:56 Uhr

Unsere Gesellschaft ist sehr leistungsorientiert. Viele Betriebe haben bestimmte Jahrespläne, die sie erfüllen müssen, um bestehen zu können. Wenn ein Mitarbeiter nicht die nötige Leistung bringt, muss er gefeuert werden. Auch in anderen Bereichen des alltäglichen Lebens ist es so, dass diejenigen, die einen großen Beitrag für die Gesellschaft leisten, mehr geachtet werden als diejenigen, die das nicht tun.

Doch was ist mit älteren Menschen, die ihren Beitrag bereits geleistet haben, die nicht mehr arbeiten können und oft von anderen betreut und gepflegt werden müssen? Viele sehen sie als eine Last für die Gesellschaft an. Es gibt aber auch zahlreiche ältere Menschen, die sich selbst als eine Last für ihre Angehörigen betrachten und sich für einen Suizid entscheiden, um die anderen von dieser Last zu befreien.

einstellung Doch ist das die richtige Einstellung aus Sicht des Judentums? Sehen auch wir unsere betagten Eltern oder Großeltern nur als Last an? Und dürfen sich ältere Menschen tatsächlich für einen Selbstmord entscheiden? Das Judentum lehrt, dass jedes Leben einen unendlichen Wert besitzt. Wenn man über ein Leben spricht, unterscheidet man nicht zwischen guter und schlechter Lebensqualität oder kurzer oder langer Lebenserwartung. Selbst die letzten Lebensmomente eines Gosses, also jemand, der ganz sicher in absehbarer Zeit sterben wird, dürfen nicht einmal um wenige Sekunden verkürzt werden. Und wer dies dennoch tut, wird als Mörder bezeichnet.

Wir glauben, dass jeder Mensch eine Aufgabe in dieser Welt zu erfüllen hat. Insofern kann weder er selbst noch irgendein anderer entscheiden, wann diese Aufgabe erfüllt ist. So steht es auch in den Sprüchen der Väter: Wir können weder den Zeitpunkt unserer Geburt noch den unseres Todes selbst auswählen.

Downsyndrom In einem seiner Bücher beschreibt Rabbiner Yissocher Frand, wie er zu einem Vortrag in eine jüdische Schule für Kinder mit Downsyndrom eingeladen wurde. Er sprach darüber, dass jeder Mensch eine enorm wichtige und einzigartige Aufgabe in dieser Welt zu erfüllen hat. Daraufhin stand ein Junge auf und sagte: »Rebbe, was erzählen Sie mir? Ich bin behindert und lebe in einem Internat. Meine Möglichkeiten sind total eingeschränkt, ich kann weder Arzt noch Rechtsanwalt, weder Mathematiker noch Physiker werden. Wie soll ich denn den Menschen helfen? Ich werde niemals einen einzigartigen Beitrag für die Gesellschaft leisten können.«

Daraufhin fingen alle Kinder an zu weinen. Doch Rabbiner Frand erwiderte: »Schau, mein Lieber, nur mit einigen Worten hast du es geschafft, die ganze Schule zum Weinen zu bringen. Das zeigt, welchen Einfluss du hier auf alle hast. Genauso kannst du deine Mitschüler motivieren und inspirieren. Du darfst niemals dich und deinen Beitrag unterschätzen.«

Ein Beitrag für die Gesellschaft kann ganz unterschiedlich aussehen. Es muss nicht gleich ein Heilmittel für Krebs oder die Konstruktion eines spektakulären Rennwagens sein. Dieser Beitrag kann auch in Form einer Inspiration oder der Teilung der eigenen Erfahrungen erfolgen. Und gerade dies können auch ältere Menschen besonders gut.

evolutionstheorie Als Rabbiner Jakow Kaminetzki eines Tages eine lange Reise mit dem Flugzeug antreten musste, saß er neben einem berühmten Biologen, der die darwinistische Evolutionstheorie weiterentwickelte. Lange diskutierten sie über die Existenz G’ttes und über die Evolutionstheorie.

Im Flugzeug saßen auch die Enkelsöhne des Rabbiners. Leider bekamen sie keinen Platz neben dem Großvater, doch alle fünf Minuten kam einer von ihnen und fragte den Rabbiner, ob er etwas brauche, ob man ihm etwas zu essen oder zu trinken bringen solle, ob er ein Buch haben wolle, ob man ihn vielleicht auf die Toilette begleiten könne.

Am Ende der Reise fragte der Biologe den Rabbi verwundert: »Lieber Herr Rabbiner, ich habe auch Enkelkinder, doch die meiste Zeit wollen sie mit mir nichts zu tun haben. Sie schämen sich meiner in der Öffentlichkeit, besuchen mich kaum, und von Hilfe kann gar nicht die Rede sein. Wie kommt es, dass sich Ihre Enkelkinder so sorgfältig um Sie kümmern?«.

Respekt »Es ist ganz einfach, Herr Professor«, erwiderte der alte Rabbiner. »Ihre Enkelkinder sind der Meinung, dass die Menschen vom Affen abstammen. Wenn das der Fall ist, dann sind Sie für ihre Enkelkinder das Verbindungsglied zu den Affen.«

»Kein Mensch identifiziert sich gern mit einem Affen«, fuhr der alte Rabbiner fort. »Aus diesem Grund schämen sich Ihre Enkel in Ihrer Gegenwart. Meine Enkelkinder aber glauben fest daran, dass wir eine große Tradition unserer Vorväter weiterführen, also bin ich für sie ein Verbindungsglied zu Awraham, Jitzchak, Jakow, Mosche, David und Schlomo. Aus diesem Grund erweisen sie mir den gebotenen Respekt. Wenn Ihre Enkelkinder Sie sehen, denken sie an die Affen. Wenn meine mich anschauen, erinnern sie sich an die Tora und unsere jahrtausendalte Geschichte.«

Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft. Aus diesem Grund brauchen wir die älteren Generationen, ihre Lebenserfahrung, ihre Ratschläge, ihre Geschichte, denn das sind unsere Wurzeln, und das ist ihr unermesslicher Beitrag für die Gesellschaft. Wir müssen unseren älteren Menschen stets das Gefühl geben, gebraucht zu werden. Selbstverständlich ist Alterssuizid aus jüdischer Sicht keine Option – und halachisch strikt abzulehnen. Doch jeder von uns muss dazu beitragen, dass solche Gedanken bei älteren Menschen am besten gar nicht erst aufkommen.

Ganz persönlich möchte ich hinzufügen, dass der letzte Pessachseder für mich etwas Besonderes war, weil an unserem Tisch eine Auschwitz‐Überlebende saß. Sie mag nicht viel gesagt haben. Doch jemanden dabei zu haben, der die Befreiung selbst erlebte, half uns allen, das Fest der Freiheit mit noch mehr Gefühl und Inspiration zu feiern.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.

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