Wüstenwanderung

Visitenkarte G’ttes

»Moses zerbricht die Tafeln« (Farblithografie, 1886) Foto: Getty Images

Ich bin der Ewige, euer G’tt, der dich aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft, herausgeführt hat» (5. Buch Mose 5,6). Donnernd fuhren diese Worte vom Berg Sinai herab und ließen jeden Anwesenden zusammenfahren, erzittern. Es handelt sich um den Auftakt der Zehn Gebote, quasi die Visitenkarte G’ttes für das jüdische Volk, das Er nach all den Zeichen und Wundern beim Auszug aus Ägypten zum ersten und einzigen Mal direkt anspricht und sich ihm mit den obigen Worten «vorstellt».

Aus diesen Worten leitet Maimonides, der Rambam, das erste Gebot ab, welches er in seinem großen halachischen Werk Mischne Tora erläutert: nämlich zu wissen, dass es Einen G’tt gibt (Hilchot Jesode Hatora 1,1).

Wäre es jedoch nicht naheliegender gewesen, sich mit folgenden Worten zu präsentieren: «Ich bin G’tt, der dich, den Menschen, und den Himmel und die Erde erschuf»? Diese Frage stellte Rabbi Jehuda Halevi seinem Schwiegersohn Ibn Esra. Jehuda Halevi bemerkte in seinem Werk Hakusari: Ist doch der G’tt der Schöpfung der Allmächtige, der alles und alle erschuf, von universeller Bedeutung. Hingegen stellt der Auszug aus Ägypten nur einen kleinen Teil seines Seins dar, welcher auf bloß eine Nation fokussiert und somit beschränkt ist.

Weltgeschehen Viele Menschen teilen den Glauben, dass G’tt (oder auch eine «höhere Macht») die Welt erschuf. Sogar die griechisch-philosophische Auffassung in HaKusari, die G’ttes Präsenz aus dem Weltgeschehen weitestgehend ausklammert, stimmt mit diesem Punkt prinzipiell überein.

Das erste der Zehn Gebote aber betont eine Neuigkeit, die bei vielen Weltanschauungen und Philosophen auf Widerstand stößt, zugleich jedoch Basis und Grundstein des jüdischen Glaubens ist: G’tt ist nicht nur der Schöpfer der Welt, Er ist auch der G’tt der Geschichte, Er lenkt sie und offenbart sich in ihr.

In Anbetracht jenes historischen Ereignisses, das die Aktivität G’ttes in der Geschichte für die damaligen Zeitgenossen unbestreitbar bezeugt (und somit im nationalen Gedächtnis der Israeliten auf ewig eingebrannt ist) – den Auszug aus Ägypten –, wird dieser fundamentale Grundsatz des jüdischen Glaubens und des G’ttesbezuges (wortwörtlich) in Stein gemeißelt. Weshalb muss gerade dieser Punkt so stark betont werden, dass ihm sogar im ersten Gebot Platz eingeräumt wurde?

Menschheit Nicht immer tritt diese Tatsache so deutlich zutage, wie es beim Auszug aus Ägypten der Fall war. Oft ist die g’ttliche Lenkung der Geschichte dem menschlichen Auge verdeckt, oft bedient sich G’tt verborgener Mittel und Kräfte, um die Menschheit zu leiten, was vom Menschen nicht immer erkannt wird und werden kann.

Nicht selten muss man sich scheinbaren Widersprüchen stellen, auf viele Fragen finden sich keine Antworten, Fragen nach nachvollziehbarer Logik oder Gerechtigkeit bleiben unbeantwortet. Dies liegt daran, dass das menschliche Auge wenig erkennt, der menschliche Verstand in seiner Begrenztheit nur einen kleinen Bruchteil des g’ttlichen Planes erfassen und noch weniger verstehen kann, wie die Worte Jeschajahus (55,8) es ausdrücken: «›Denn Meine Gedanken sind nicht (wie) eure Gedanken und eure Wege nicht die Meinen‹, spricht G’tt.»

Eine starke und fundierte Glaubenskraft ist erforderlich, damit der Mensch die Brücke über das ihm Unverständliche schlagen kann, damit der Glaube jene Lücken schließt, die das Verständnis zurücklässt. Es ist der Glaube daran, dass sich jedes Teil und jeder Abschnitt in der Geschichte zu einem Ganzen zusammenfügen lassen, dass die gesamte Geschichte und alles in ihr in ein und dieselbe Richtung führt, einem Ziel entgegenstrebt. Dieses Ziel nennen wir Maschiachs Tage und die Zeit der Erlösung.

Der Talmud (Schabbat 30b) berichtet, dass der Mensch nach seinem Tod nach verschiedenen Aufgaben befragt wird, die er im Leben erfüllt haben soll. Eine dieser Fragen lautet: «Hast du die Erlösung erwartet?»

Hier wäre eine Gegenfrage angebracht: Wo wurde uns dies befohlen? Der Sefer Mizwot katan («Semak») beantwortet diese Frage: Die Aufforderung dazu findet sich im ersten der Zehn Gebote, denn mit dessen speziellem Wortlaut möchte G’tt darauf hinweisen: «Genauso wie Ich euch aus Ägypten geführt und erlöst habe, (was ihr ja mit eigenen Augen gesehen habt), so sollt ihr auch daran glauben, dass Ich euer G’tt bin und euch in der Zukunft erlösen werde!»

Diese direkte Verknüpfung zwischen den beiden Erlösungen, derjenigen aus Ägypten und der künftigen zu Maschiachs Zeiten, wird auch im dritten Segensspruch des Schema, sowohl im Morgen- als auch im Abendgebet, hergestellt und die Hoffnung auf die künftige Erlösung mit der Tatsache der bereits erfahrenen Erlösung aus Ägypten untermauert.

Fingerzeig In unserer Generation haben wir das große Glück, in einer Zeit zu leben, in der G’ttes Fingerzeige immer wieder zu entdecken sind und in der Seine Spuren sich zu erkennen geben.

Die Rückkehr des jüdischen Volkes in sein ursprüngliches Land und die Entstehung des Staates Israel aus den Schrecken der 2000-jährigen Diaspora und der Asche der Schoa etwa, oder der jähe Zusammenbruch der Sowjetunion nach rund 70-jähriger Herrschaft, also fünf Minuten vor Zwölf, bevor mehr als eine Million Juden ihre jüdische Identität in der vierten Generation vielleicht vollkommen verloren hätten – all diese und viele weitere Ereignisse und Merkmale können als solche ausgemacht werden.

Nicht umsonst sehen viele der Toragrößen in unserer Zeit die sogenannte «Ikweta deMeschicha», die Spuren des nahenden Maschiach.

Jeden Morgen erkennen wir in den Lobespsalmen (im Abschnitt «jehi chawod») G’tt als den wahren und ewigen König an: «Der Ewige ist König, der Ewige regierte, der Ewige wird für immer und ewig regieren!» «Der Ewige ist König, der Ewige regierte»: Damit bekennen wir, dass G’tt die Natur aufrecht erhält, ihre Kräfte ständig erneuert und für die notwendigen Lebensbedingungen aller Lebewesen sorgt.

Der Höhepunkt des Bekenntnisses, die Essenz der Anerkennung, besteht jedoch in der letzten Aussage: «Der Ewige wird für immer und ewig regieren.» Er lenkt darüber hinaus auch alle geschichtlichen Ereignisse und führt sie dem Tage entgegen, an dem allen deutlich werden wird: «Und der Ewige wird König über die ganze Erde sein, an jenem Tage wird der Ewige einzig und Sein Name einzig sein» (Secharja 14, 9).

Der Autor ist Rabbiner in Karmiel/Israel.

inhalt
Der Wochenabschnitt Wa’etchanan beginnt mit der erneuten Bitte von Mosche, doch noch das Land betreten zu dürfen. Aber auch diesmal wird sie abgelehnt. Mosche ermahnt die Israeliten, die Tora zu beachten. Erneut warnt er vor Götzendienst und nennt die Gebote der Zufluchtsstädte. Ebenso wiederholt werden die Zehn Gebote. Dann folgt das Schma Jisrael, und dem Volk wird aufgetragen, aus Liebe zu G’tt die Gebote einzuhalten und die Tora zu beachten. Den Abschluss bildet die Aufforderung, die Kanaaniter und ihre Götzen aus dem Land zu vertreiben.
5. Buch Mose 3,23 – 7,11

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