17. Tamus

Verwechselt und verloren

Weißlinienstich aus einer englischen Ausgabe (18. Jahrhundert) eines Werks des römisch-jüdischen Historikers Flavius Josephus. Er beschrieb die Zerstörung Jerusalems im 1. Jahrhundert n.d.Z. Foto: Ullstein

Mit dem 17. Tamus, Schiw’a Assar BeTamus, beginnen die drei Trauerwochen im jüdischen Jahr, die bis zum 9. Aw, Tischa beAw, dauern. Diese Trauerperiode vereint den Einzelnen in seinem Schmerz mit der ganzen Gemeinschaft des jüdischen Volkes.

In den drei Wochen im Vorfeld von Tischa beAw trauern wir wegen der Eroberung Jerusalems durch die Römer und der Zerstörung des Tempels. Die gedämpfte Trauer dieser drei Wochen ist auch durch äußerlich wahrnehmbare Zeichen im Gemeindeleben erkennbar.

Melodien In vielen Gemeinden, in denen die Traditionen aus der Zeit vor der Schoa weiterleben, ändert man beim Freitagabend-G’ttesdienst, Kabbalat Schabbat, die bekannte fröhliche Melodie der Schabbathymne »Lecha Dodi« in eine traurigere Weise. Gewöhnlich führt man in den Gemeinden in den »Dreiwochen« keine Hochzeiten durch. Auch meidet man sonstige fröhliche Festivitäten.

Der Talmud berichtet über jene fünf Schicksalsschläge, die unsere Vorfahren am 17. Tamus erleiden mussten: Apostamus, ein Offizier der römischen Besatzungstruppen, verbrannte an diesem Tag öffentlich eine Torarolle und stellte ein Götzenbild im Heiligen Tempel in Jerusalem auf; nach der jüdischen Zeitrechnung eroberten die Römer unter dem späteren Kaiser Titus im jüdischen Jahr 3760 die innere Mauerbefestigung der Heiligen Stadt; die römischen Eroberer zerstörten die steinernen Tafeln des Bundes; und schließlich verboten die Römer die Darbringung der regelmäßigen, in der Tora vorgeschriebenen Tempelopfer (Talmud b. Taanit 28b).

Churban Die heutige Wirklichkeit führt uns vor Augen, dass die Gesellschaft um uns herum die Erinnerung an Kataklysmen verdunkeln kann und die bereits bewältigten geschichtlichen »Vorkommnisse« oft verklärt. Bereits die alten Meister des Talmud wollten dies verhindern. Der Churban – die Zerstörung Jerusalems – wie auch die Vertreibung werden aus der talmudischen Sichtweise anders »bewältigt«.

In den Lehrhäusern in Jeschiwot und Synagogen pflegte man in den drei Trauerwochen den talmudischen Abschnitt über die Erzählung »Kamza und Bar-Kamza« aus dem Traktat Gittin des Babylonischen Talmuds (55b–56a) zu lernen. Natürlich studierte man auch andere Stellen der traditionellen Literatur mit prägnanten Begründungen für die Katastrophe: »Wegen drei Verfehlungen unserer Väter wurde das Salomonische Heiligtum zerstört: wegen Götzendienst, wegen Inzest und Blutvergießen …« (Talmud b. Joma 9b).

Festmahl Die Geschichte der beiden Männer namens Kamza und Bar-Kamza dient, so meine ich, dazu, einen historischen, tragischen Vorgang mit einfachen Mitteln zu erklären: Es gab einen betuchten Mann, zu dessen Freunden Kamza gehörte. Bar-Kamza aber galt als sein Feind. Eines Tages veranstaltete der reiche Mann ein Festessen. Er ließ durch einen Lakaien seinen Freund Kamza einladen. Der Diener verwechselte beide Namen und lud stattdessen Bar-Kamza ein. Dieser nahm die Einladung als eine vermeintliche Geste der Versöhnung auch an.

Als der Hausherr Bar-Kamza unter den Gästen erblickte, forderte er ihn vor allen anderen Eingeladenen grob auf, sein Haus zu verlassen. Bar-Kamza sagte darauf: »Da es sich nun einmal so gefügt hat, dass ich hergekommen bin, so lass mich bleiben. Ich werde dir den Betrag dessen ersetzen, was ich an deinem Tisch konsumiere.«

Der Hausherr lehnte dies aber kategorisch ab. Darauf bot ihm Bar-Kamza, nur um seine Erniedrigung vor allen zu vermeiden, eine Summe an, von der beinahe die ganze Feier hätte bestritten werden können. Auch dies lehnte der Gastgeber barsch ab, und Bar-Kamza wurde vor den Augen aller Gäste hinausgeworfen!

Bar-Kamza war öffentlich gedemütigt worden und darüber sehr erbost. Er stellte fest, dass unter den Gästen zahlreiche namhafte Gesetzeslehrer gewesen waren, die den Hausherrn nicht zurechtwiesen, als ob sie seine Handlungsweise voll gebilligt hätten.

Verrat Bar-Kamza beschloss, die Schandtat, die ihm angetan wurde, auf seine Weise zu vergelten, und zwar durch einen verhängnisvollen, schändlichen, verräterischen Akt. Er verleumdete kurzerhand seine Landsleute, wegen jener, die beim besagten Festmahl geschwiegen hatten, bei den römischen Herrschern Judäas. Er ließ den Kaiser über die Pläne eines angeblichen jüdischen Aufstandes informieren. Die Römer ihrerseits nahmen die Herausforderung an und zerstörten daraufhin Jerusalem und den Tempel, den Beit Hamikdasch. Kamza wurde mit Bar-Kamza verwechselt, deshalb musste Jerusalem untergehen!

Ein zeitgenössischer talmudischer Meister, Rabbi Jochanan, merkte noch an (b. Gittin 56a): »Die Sanftmut des Gelehrten Rabbi Zecharja ben Awkolas (Tannait und Mischnalehrer der 1. Generation; lebte im 1. Jahrhundert n.d.Z.) führte dazu, dass unser Tempel zerstört und wir aus unserem Land vertrieben wurden. Er war bei dem Festmahl dabei gewesen und hatte geschwiegen.«

Sicherlich gibt es für die historische Wissenschaft komplexere Gründe und Erläuterungen für den Untergang Jerusalems. Jedoch nicht jeder Schüler oder jede Schülerin der jüdischen Bildungsanstalten wird zu jeder Zeit die Argumente der Fachhistoriker rekapitulieren oder nachvollziehend aufnehmen können, um sie sich zu vergegenwärtigen. Aber alle Schüler könnten leicht die Lehren aus dem Talmud verstehen, um zu lernen, Fehler und Verfehlungen zuerst bei sich zu suchen und nicht bei anderen. Damit, wie einst verkündet, aus dem »Neunten Aw« eines Tages ein Freudenfest werden kann.

Der Autor war bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.

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