Kirche

»Vatikan unterschlug Dokument zum Holocaust«

Papst Pius XII. Foto: dpa

Der Vatikan hat nach Meinung des Münsteraner Kirchenhistorikers Hubert Wolf ein Schlüsseldokument zur Politik von Papst Pius XII. (1939-1958) während der NS-Zeit zurückgehalten. Konkret geht es um ein Schriftstück von 1942 aus der Feder des damaligen Vatikan-Mitarbeiters und späteren Kardinals Angelo Dell’Acqua, wie Wolf am Freitag dem Portal kirche-und-leben.de sagte. Darin bezweifelte Dell’Acqua die Glaubwürdigkeit der Angaben einer jüdischen Organisation sowie des damaligen Lemberger Erzbischofs Andrej Szeptyzkyj über die Ermordung einer halben Million Juden innerhalb eines halben Jahrs in der Ukraine.

Dell’Acqua hatte laut Wolf geschrieben, Juden könne man ohnehin nicht trauen und ebenso wenig orientalischen Katholiken, weil sie zu Lügen und Übertreibungen neigten. Diese antisemitische Äußerung sei bewusst nicht in die 1965 publizierte elfbändige Aktensammlung über das Pontifikat, den »Actes et documents du Saint Siege relatifs au Deuxieme Guerre Mondiale«, aufgenommen worden.

Es lege aber Gründe offen, warum Pius XII. nicht laut gegen den Holocaust protestiert habe. Es belege, dass der Heilige Stuhl die Informationen über die Ermordung von Juden durch eigene Quellen bestätigen konnte. Um den Papst davon abzuhalten, der amerikanischen Regierung gegenüber die Glaubwürdigkeit der jüdischen Informationen über die Ermordung hunderttausender Juden zu bestätigen, oder gar sich einem öffentlichen Protest der Alliierten gegen den Holocaust anzuschließen, habe Dell’Acqua die beiden voneinander unabhängigen Zeugnisse als unglaubwürdig hingestellt.

Nach den Worten von Wolf wird man der gesamten elfbändigen Dokumenten-Edition über das Pontifikat von Pius XII. gegenüber skeptisch sein und sie Blatt für Blatt überprüfen müssen. Vier Jesuiten hatten in den 1960er-Jahren von Papst Paul VI. den Auftrag erhalten, die Akten des Heiligen Stuhls vom 1939 bis 1945 durchzuarbeiten und eine Auswahl der wichtigsten Dokumente zu veröffentlichen.

Wolf leitet ein aus sieben Personen bestehendes Forscherteam, das neben vielen anderen Historikern im Vatikan die Archive zu Pius XII. erforschen will. Die Arbeiten begannen Anfang März 2020, mussten aber wegen der Corona-Krise nach kurzer Zeit unterbrochen werden.

Prägend für das öffentliche Bild von Pius XII. im deutschsprachigen Raum ist das 1963 uraufgeführte Theaterstück »Der Stellvertreter« von Rolf Hochhuth. Darin wirft der Schriftsteller dem Papst vor, in der NS-Zeit zu wenig gegen den Mord an den Juden getan zu haben. Seit Längerem läuft ein Verfahren zur Seligsprechung von Pius XII.  kna

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  04.05.2026

Berlin

Merz: Jüdisches Leben so bedroht wie lange nicht mehr

Es ist Termin mit hoher Symbolkraft: Das Präsidium der CDU trifft sich am Montag in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin. Kanzler Merz macht deutlich, warum das wichtig ist

von Detlef David Kauschke  04.05.2026 Aktualisiert

Wale

Leviathan in der Ostsee

Die Aufregung um »Timmy« zeigt: Riesige Meerestiere faszinieren die Menschen bis heute. Schon die Gelehrten im Talmud hatten ihre Theorien über die Bewohner der Tiefe

von Vyacheslav Dobrovych  03.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  03.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  02.05.2026

Talmudisches

Richtig beten

Kawana: Eine bestimmte geistige Haltung ist Vorbedingung für das innere Gespräch mit G’tt

von Yizhak Ahren  01.05.2026

Feiertage

Besondere Zeiten

Die Tora möchte, dass wir uns immer wieder aus unserer Routine lösen, um uns mit unseren Mitmenschen zu verbinden

von Miksa Gáspár  01.05.2026

Forschung

Der Fuchs, die Gans und der Rambam

Eine Illustration in der Kölner Abschrift der »Mischne Tora« scheint auf das Volkslied anzuspielen. Doch dies entstand viel später

von Lorenz Hegeler  30.04.2026

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026