Charedim

Talmudstudium am Telefon

Rabbiner Chaim Kanievsky im Dezember 2019 in Bnei Brak (Israel) Foto: Flash 90

Corona hat die ultraorthodoxe Gesellschaft in Israel besonders hart getroffen. Mit ihren dicht bevölkerten Städten in Bnei Brak und Jerusalem verzeichnet sie im Vergleich zur israelischen Gesamtbevölkerung einen relativ hohen Prozentsatz an Menschen, die mit dem Virus infiziert sind.

Deswegen hatte die Regierung von Benjamin Netanjahu Bnei Brak vom 3. bis zum 16. April mithilfe des Militärs vom Rest des Landes abgeschottet.

Doch für die Charedim war das vielleicht nicht einmal die schlimmste Einschränkung. Als viel einschneidender empfanden viele die Schließung der Jeschiwot, die seit dem 26. April den Betrieb wieder aufgenommen haben – allerdings lernen die Talmud- und Toraschüler jetzt von zu Hause aus, und der Unterricht wird mithilfe von koscheren (internetlosen) Telefonen erteilt.

STREIT Diese Regelung hatten der wichtigste litwische Gelehrte, Rabbiner Chaim Kanievsky (92), und der führende Rabbiner der Ponovitch-Jeschiwa, Rabbiner Gershon Edelstein (97), beide aus Bnei Brak, einige Tage zuvor bekanntgegeben – und damit einen heftigen Streit hinter den Kulissen beendet.

Laut Fernsehberichten wollte Kanievsky in einem Brief an die erzkonservative charedische Zeitung »Jated Neeman« die Öffnung der Jeschiwot fordern, was angeblich durch Edelstein verhindert wurde.

Kanievsky hatte sich schon Anfang März heftig gegen die Schließung von Jeschiwot gewehrt, Ende März aber in einer halachischen Entscheidung geurteilt, wer die Regeln der Regierung breche und in Gruppen bete statt allein, könne als »Rodef« gelten – ein talmudischer Begriff für einen Menschen, der andere in Lebensgefahr bringt.

Der Unterricht wird mithilfe von koscheren – das heißt internetlosen – Telefonen erteilt.

All diese Widersprüchlichkeiten zeigen: Die Einschränkungen wegen der Pandemie rühren an das Selbstverständnis der charedischen Gemeinschaft. Das gemeinschaftliche Pflichtgebet aufzugeben, zu dem normalerweise alle Männer dreimal am Tag in vollen Synagogen zusammenkommen, und der Verzicht auf das nahezu ununterbrochene kollektive Toralernen in Talmud-Hochschulen gehen in einer Welt ohne Smartphones und Internet an die Substanz.

Doch schließlich beugten sich die meisten Rabbiner den Vorgaben des Gesundheitsministeriums, und auch »Jated Neeman« und eine weitere charedische Zeitung, »Hamodia«, veröffentlichten Aufrufe führender litwischer und chassidischer Rabbiner wie Kanievksy, die neuen Maßnahmen einzuhalten. Ähnlich äußert sich auch der oberste Richter der extremen »Eda HaCharedit«, der »charedischen Gemeinschaft« in Jerusalem, Rabbiner Moshe Sternbuch (94).

PELEG Doch da die charedische Welt in sich selbst zutiefst gespalten ist, gibt es auch unnachgiebigere Stimmen. Am rechten Rand des litwischen Teils der Ultraorthodoxie befindet sich der sogenannte »Peleg Jeruschalmi«, die »Jerusalemer Fraktion« – eine Gruppe von einigen Tausend Mitgliedern, die vor allem durch ihre vielen Demonstrationen gegen den Armeedienst bekannt ist.

Die Rabbiner dieser Gruppe wiesen ihre Anhänger an, ihre religiöse Routine in keiner Form einzuschränken. Der Peleg, ebenso wie einige wenige chassidische Gemeinschaften, verspotten die Corona-Richtlinien und sehen darin nur einen neuen Versuch des säkularen Staates, den halachischen Lebensstil der Ultraorthodoxie zu bekämpfen.

Doch auch für die Mehrheit der Charedim, die diese Richtlinien befolgt, ist der momentane Zustand alles andere als leicht. Als Menschen, die sich gewöhnlich der Einhaltung der Gebote und dem Studium der Tora rigoros hingeben, ist dieser plötzliche Einschnitt Grund für eine kollektive und viele persönliche Krisen.

Einer der wichtigsten Werte in der ultraorthodoxen Welt ist die unanfechtbare Einhaltung der Worte der antiken talmudischen Weisen sowie der gegenwärtigen rabbinischen Autoritäten, die diese auslegen. Darin, so die Vorstellung, offenbart sich der Wille Gottes.

MEDIEN Doch durch den zunehmenden Zugang zu öffentlichen Medien hat das vor einigen Jahrzehnten noch sehr feste Band zwischen der sehr alten rabbinischen Führung und der im Durchschnitt sehr jungen Gemeinschaft unter der Oberfläche bereits einige Risse bekommen.

Manches deutet darauf hin, dass die Corona-Krise und ihre ökonomisch desaströsen Auswirkungen auf die Ultraorthodoxie diesen Prozess noch beschleunigen könnten. Die israelische Telekommunikationsgesellschaft Bezeq hat eine Statistik veröffentlicht, in der sie einen dramatischen Anstieg von Internetverbindungen in den ultraorthodoxen Städten des Landes feststellt. Die Folgen dieser Entwicklung sind noch nicht absehbar.

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