Symbolik

Sich Seinem Willen unterordnen

Die Olive war in Ägypten ein Luxusartikel – beliebt, aber nicht immer verfügbar. Foto: Thinkstock

Symbolik

Sich Seinem Willen unterordnen

Wofür die Olive in der biblischen und talmudischen Tradition steht

von Chajm Guski  06.03.2017 19:56 Uhr

Die Tora nennt nie ein Detail, wenn es nicht auch eine Bedeutung hat. Kein Baum steht zufällig in der Gegend herum, kein Tier wird zufällig genannt. Es ist nicht wie bei Tschechow, wo der Leser in die Lage versetzt wird, sich einen Raum genauestens vorzustellen, obwohl dort noch niemand ist. Die Tora geht recht ökonomisch mit solchen Beschreibungen um und konzentriert sich auf die wesentlichen Dinge.

So ist es auch in unserem Wochenabschnitt. Dort heißt es: »Und du gebiete den Kindern Israels, dass sie dir Olivenöl bringen – reines, ausgepresstes, zur Beleuchtung, um die Lampen beständig anzustecken« (2. Buch Mose 27,20).

Im vorangegangenen Wochenabschnitt wurde unter anderem die Form der Menora im Mischkan (Stiftszelt) diskutiert. Hier wird nun beschrieben, womit diese Menora befüllt werden soll: mit Olivenöl.

Bevor wir betrachten, was hinter der Olive steckt, müssen wir uns die Situation der Kinder Israels anschauen: Sie sind noch auf dem Weg von Ägypten ins Gelobte Land und erhalten nun eine Anweisung, in der es um »reines Olivenöl« geht, also um Öl, das nicht durch eine Ölmühle lief, sondern handgepresst wurde. Auf diesen Unterschied legt Raschi (1040–1105) in seinem Kommentar großen Wert. Nur so könne gewährleistet werden, dass das Öl wirklich keine Rückstände enthält.

Doch woher sollten die Kinder Israels das Öl nehmen? Nachmanides, der Ramban (1194–1270), schreibt in seinem Kommentar zu dieser Stelle, sie hätten es aus Ägypten mitgenommen und es Mosche zur Überprüfung gebracht.

Ägypten Die Olive war in Ägypten ein Luxusartikel – beliebt, aber nicht immer verfügbar. Die Ägypter waren, auch wegen der klimatischen Bedingungen, nicht besonders erfolgreich mit der Kultivierung der Olive. Doch weil sie das Öl schätzten, importieren sie es aus Syrien und dem Gebiet des heutigen Israel. Ramses III. soll versucht haben, die Olive dauerhaft in Ägypten zu etablieren – jedoch anscheinend nur mit mittelmäßigem Erfolg.

Wir sprechen hier also vom Öl einer Pflanze, die zumindest unterwegs schwer zu beschaffen war. Im Land Israel wiederum war und ist sie beheimatet und gehört zu den »sieben Arten« des Landes.

Aber nicht nur deshalb ist die Erwähnung des Olivenöls interessant. Die Bedeutung geht über diese Tatsache hinaus. Wir kennen die Olive bereits aus dem 1. Buch Mose: Nach der Flut sandte Noach eine Taube aus, die trockenes Land suchen sollte. Zunächst fand sie keines und kehrte zurück. Nach sieben Tagen aber wurde sie erneut entsandt – und kam womit zurück?

Viele Leser werden sagen: »Mit einem Olivenzweig.« Doch im hebräischen Originaltext ist es ein »aleh-zajit«, ein Olivenblatt. Nach christlicher Interpretation bedeutet das Frieden. Diese Ansicht geht auf den frühen christlichen Schriftsteller Tertullian (150–220 n.d.Z.) zurück. Er sah die Taube als Symbol für den Heiligen Geist, der den Frieden aus dem Himmel bringt.

Perspektive Die jüdische Perspektive ist eine andere. Laut dem Talmud sprach die Taube zu G’tt: »Herr der Welt, es ist besser, dass meine Nahrung bitter wie eine Olive ist, aber vollkommen in Deiner Hand, als so süß wie Honig, aber vollständig abhängig von den Menschen« (Eruwin 18b).

Die Olive ist also kein Symbol des Friedens, sondern ein Symbol dafür, sich dem Willen G’ttes unterzuordnen: Wenn ich nur mit oder für G’tt leben könnte, würde ich das in Bitterkeit einem Leben mit süßem Honig, aber ohne diese Nähe, vorziehen.

Eine weitere Sichtweise fügt der Prophet Jirmejahu hinzu. Er vergleicht das Volk Israel mit dem Olivenbaum (11, 16–17).

In der Tradition der Romanioten, der Juden vom Balkan und aus Griechenland, die bis auf die hellenistische Zeit zurückgeht, sind diese Jirmejahu-Verse möglicherweise nicht ganz zufällig die Haftara, die Prophetenlesung, für diesen Toraabschnitt: »Einen belaubten Ölbaum, schön an Frucht und Gestalt, nannte dich der Ewige. Beim Rauschen mächtigen Getümmels zündete Er Feuer um ihn an – da brechen seine Zweige ab. Und der Ewige Zewa’ot, der dich gepflanzt hat, hat Böses über dich verhängt, wegen der Bosheit des Hauses Israel und des Hauses Jehuda, und was sie getan haben, um mich zu kränken, indem sie dem Ba’al räucherten.«

Der Talmud greift diesen Vergleich auf (Menachot 53b). Rabbi Jochanan fragt sich, warum die Kinder Israels ausgerechnet mit der Olive verglichen werden, und gibt selbst die Antwort. Um Folgendes zu lehren: So wie die Olive ihr Öl nicht freigibt, bis sie zerdrückt wird, so kehrt auch das Volk Israel nicht um und bereut nicht, bis es von Leid zerdrückt wird.

Jirmejahu weissagt genau diese Leiden, indem er davon spricht, dass die Zweige abgeknickt werden und Feuer gelegt wird. Und dennoch: Der Baum überlebt, so wie der Olivenbaum im Allgemeinen recht robust ist. Er verträgt große Hitze und benötigt auch keinen extrem fruchtbaren Boden.

Licht Der Midrasch fügt noch eine weitere Bedeutungsebene hinzu. In Schir haSchirim Rabba (1,2) lehren die Rabbiner: »Wie Olivenöl Licht in die Welt bringt, so bringt auch das jüdische Volk Licht in die Welt, denn es heißt ›Völker sollen unter deinem Licht gehen‹ (Jeschajahu 60,3).«

Die verschiedenen Bedeutungsebenen der Olive müssen kein Widerspruch sein. Die Tatsache, dass die Olive noch nach der Flut wächst, zeigt, wie unglaublich widerstandsfähig sie ist. Aus dieser Pflanze, deren Früchte roh kaum genießbar sind, entsteht nach Verarbeitung etwas Wertvolles.

Auch Licht ist etwas, das nicht direkt »verwendet« werden kann, sondern man muss es herstellen – etwa mit einem Docht und Öl. Dieses fortwährend brennende Licht aus Olivenöl im Tempel soll also eine fortwährende Erinnerung an die Qualitäten des jüdischen Volkes sein.

Nach der vollständigen Zerstörung der Welt durch die Flut als Folge des totalen moralischen Verfalls ist die Olive das Symbol der neuen Welt. Sie kann nicht unmittelbar genutzt werden, man muss sie zuerst bearbeiten und verfeinern. Das ist eine der Aufgabe des Judentums: »Völker sollen unter deinem Licht gehen.« Die Tora ist das passende Werkzeug dazu.

Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Tezawe berichtet davon, wie den Kindern Israels aufgetragen wird, nur reines Olivenöl für das ewige Licht, das Ner Tamid, zu verwenden. Auf Geheiß des Ewigen soll Mosche seinen Bruder Aharon und dessen Söhne Nadav, Avihu, Eleazar und Itamar zu Priestern machen. Für sie übermittelt die Parascha Bekleidungsvorschriften. In einer siebentägigen Zeremonie werden Aharon und seine Söhne in das Priesteramt eingeführt. Dazu wird Aharon angewiesen, Weihrauch auf einem Altar aus Akazienholz zu verbrennen.
2. Buch Mose 27,20 – 30,10

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026