Wajakhel–Pekudej

Serie mit Botschaft

Kann helfen, den Sederabend erfrischend neu zu definieren: die türkische Serie »Alles für die Liebe«


Mitte Januar ging die türkische Serie Alles für die Liebe bei Netflix auf Sendung. Bis zu dieser Serie beschränkte sich alles, was ich über die Türkei wusste, auf einen kurzen Besuch in Istanbul und auf die Erkenntnis, dass es für mich keine gute Idee wäre, dort mit meinen Kindern Urlaub zu machen – denn wenn ich mit ihnen Hebräisch sprechen würde, bestünde eine nicht geringe Chance, dass es meiner Gesundheit schadet. Doch die Serie zeigte mir eine andere Seite der Türkei – nicht nur wunderschöne und intime Viertel in Istanbul, sondern auch eine erfrischende Perspektive auf die Definition von »Familie«.

An diesem Schabbat lesen wir zwei Paraschiot, Wajakhel und Pekudej, sowie die Paraschat »HaChodesch«, die als Vorbereitung auf Pessach dient.

Es gibt eine Logik darin, Wajakhel und Pekudej miteinander zu verbinden

Es gibt eine Logik darin, Wajakhel und Pekudej miteinander zu verbinden. Beide befassen sich mit dem Aufbau des Mischkan, des Stiftszelts, und der Übergang von dem einen Textabschnitt zum anderen bildet eine inhaltliche Kontinuität.

Doch obwohl die Paraschiot miteinander verbunden sind und ein ähnliches Thema behandeln, zeichnen sie zwei völlig unterschiedliche Zustände. In Paraschat Wajakhel versammelt Mosche das Volk zum Bau des Mischkan, und die Dinge führen zu einer spontanen und weiten Öffnung des Herzens der Gemeinde Israel – so sehr, dass Mosche beinahe flehend sagt: »Bis hierher« – wir haben genug.

Demgegenüber steht Paraschat Pekudej mit einer sorgfältigen und kontrollierten Abrechnung darüber, wie viel Geld genau aus den Spenden Israels eingegangen ist, insbesondere aus dem »halben Schekel« – der Spende, die jeder Einzelne aus dem Volk Israel für den Bau des Mischkan zu geben verpflichtet war.

Die unterschiedlichen Merkmale der Paraschiot sind auch in ihrer Etymologie verankert. Wajakhel stammt von der Wurzel K–H–L. In dieser Wurzel liegt etwas Fließendes, Offenes und Einladendes, wie etwa »Kehilla«, die Gemeinde, oder eine spontane Ansammlung von Menschen, eine »Hitkahlut«.

Demgegenüber steht Pekudej aus der Wurzel P–K–D. Hier geht es nicht nur um die Bedeutung des Zählens, wie sie in der Parascha erscheint, sondern auch um den Befehl. Im Hebräischen ist ein »Mefaked« derjenige, der Anweisungen gibt, der befiehlt. Diese Bedeutung der Wurzel steht für Ordnung, Organisation und Disziplin. Wenn das Volk Israel vor dem herausfordernden und grandiosen Projekt des Mischkan steht, braucht es beide Elemente: die großzügige Spontaneität von Wajakhel und die präzise Disziplin von Pekudej.

Wie erwähnt, lesen wir an diesem Schabbat auch die Paraschat HaChodesch. Diese erzählt vom Pessachopfer, und über ihr liegt ein außergewöhnlicher familiärer und nachbarschaftlicher Geist. Das Gebot des Opfers gilt der Familie und in bestimmten Situationen auch dem Einzelnen, gemeinsam mit seinen Nachbarn.

In der türkischen Serie Alles für die Liebe gerät die Familie von Afife, der entschlossenen und mutigen Protagonistin, aufgrund eines Kredits aus dem grauen Markt in Schwierigkeiten.

Sie ist gezwungen, das Haus und das Restaurant zu verkaufen, um die Schulden zu begleichen. Afife gegenüber steht Kemal, der die kriminelle Familie repräsentiert, die Afifes Familie erpresst. Weder Afife noch Kemal haben ein Leben ohne die Familien um sie herum. Warme und schützende, zugleich aber auch einschränkende und fordernde Familien. Manchmal möchte man ihnen zurufen: Lasst die Familie hinter euch und baut euch euer eigenes Leben auf! Aber die Verpflichtung beider gegenüber ihren Familien ist vollkommen. Die familiären Bindungen sind ein Grundpfeiler der Ordnung und definieren jede Situation. Als Migrant, der weit entfernt von seiner Familie lebt – mein Herz in Israel und ich in Deutschland –, kann ich nicht umhin, über diese totale Verpflichtung gegenüber der Familie zu staunen.

Einige werden das Ende des Seders ungeduldig herbeisehnen

Und genau das ist die Spannung zwischen Wajakhel und Pekudej, und genau das ist die Vorbereitung der Paraschat HaChodesch auf Pessach. In wenigen Wochen werden wir alle um den Sedertisch sitzen. Die meisten von uns werden dort mit Familienmitgliedern sitzen und sich fragen: Was ist unsere Beziehung zu dieser Familie? Manche werden von Wärme erfüllt sein, andere von Nervosität. Einige werden das Ende des Seders ungeduldig herbeisehnen, andere bereits dem nächsten Familientreffen entgegenfiebern. Und viele werden sich in diesem Gefühlsspektrum irgendwo dazwischen bewegen.

Die spontane, von offenem Herzen geprägte Gemeinschaft von Paraschat Wajakhel, der klare und präzise Befehl von Paraschat Pekudej und der eindeutige familiäre Wert der Mizwa des Pessach­opfers, wie wir ihn in Paraschat HaChodesch gelesen haben, werden alle hochrelevant für unsere Gedanken über Familie sein. Familie ist nicht nur etwas Spontanes, das man lebt, wenn es angenehm ist, und Familie ist auch nicht nur eine Pflicht, die man am »Tag des Befehls« erfüllt. Familie muss das gesamte Spektrum aushalten: Es gibt Zeiten, in denen man will, und Zeiten, in denen man muss – aber man kann sich ihr niemals ganz entziehen. Genau wie in der Serie.

Vielleicht ist es also kein Zufall, dass der Auszug aus Ägypten mit jener wunderbaren familiären Definition verbunden ist, auf die das Gebot des Pessachopfers hinweist. Ohne den familiären Kern, ohne die nachbarschaftlichen Beziehungen, die in dieser Parascha angedeutet werden (und sogar mit den ägyptischen Nachbarinnen, die Geräte ausleihen), und ohne die gemeinschaftliche Verpflichtung hätte es keinen Auszug aus Ägypten gegeben.

Beim Auszug aus Ägypten wurden 600.000 Menschen gezählt – ungefähr die Zahl der Spender des halben Schekels. Der Einzelne, die Familie, die Nachbarschaft und die Gemeinschaft schufen gemeinsam dieses Gefüge, das nicht zu besiegen ist: ein Gefüge, das mit hoffnungsvoller Kraft aus Ägypten hinauszuziehen wusste, das am Sinai »wie ein Mensch mit einem Herzen« stand, das die Wüste zu durchqueren und das Land zu erobern wusste.

»Weisheit unter den Völkern – glaube daran« (Eicha Rabba 2,13), sagten unsere Weisen. Die Serie »Alles für die Liebe« anzuschauen, kann dabei helfen, den Begriff Familie zum Sederabend neu, erfrischend und tiefgehend zu definieren.

Der Autor ist Kantor und Religionslehrer.

inhalt
Im Wochenabschnitt Wajakhel werden die Israeliten daran erinnert, dass sie das Schabbatgesetz nicht übertreten sollen. Die Künstler Bezalel und Oholiab sollen aus freiwilligen Spenden Geräte für das Stiftszelt herstellen, und es wird die Bundeslade angefertigt.
2. Buch Mose 35,1 – 38,20

Pekudej, der letzte Abschnitt des Buches Schemot, berichtet von der Berechnung der Stoffe, die für das Stiftszelt verarbeitet werden, und wiederholt die Anweisungen zur Herstellung der Priesterkleidung. Die Arbeiten am Mischkan werden vollendet, und er wird eingeweiht. Über ihm erscheint eine »Wolke des Ewigen«.
2. Buch Mose 38,21 – 40,38

Video

Pessach verstehen: Bedeutung, Bräuche und Traditionen

Rabbiner Dovid Gernetz erläutert die religiöse und historische Bedeutung von Pessach

von Jan Feldmann  01.04.2026

Chol HaMoed

Warum der Esel?

Das Grautier steht in der biblischen Geschichte für die Kraft, die den Menschen an seine niederen körperlichen Bedürfnisse bindet

von Vyacheslav Dobrovych  01.04.2026

Schemini

Fremdes Feuer

Wer mehr tut als geboten, läuft Gefahr, dass Frömmigkeit zur Selbstdarstellung wird

von Rabbiner Bryan Weisz  01.04.2026

Meinung

Hauptsache, Israel steht am Pranger!

Palmsonntag in Jerusalem und auf Social Media: Ein Rückblick

von Wolf J. Reuter  01.04.2026

Mascha Malburg

Jerusalem ist allen heilig

Regelmäßig knirscht es vor Ostern zwischen Christen und den israelischen Behörden. Unsere Redakteurin wünscht sich nach dem neuesten Vorfall an der Grabeskirche mehr gegenseitiges Verständnis

von Mascha Malburg  31.03.2026

Psychologie

Mizrajim ist wie die Enge in der Brust

Aus chassidischer Sicht geht es an Pessach nicht darum, der Bitterkeit schnellstmöglich zu entfliehen. Wir müssen sie durchleben

von Rabbiner David Kraus  31.03.2026

Exodus

Türen öffnen, Freiheiten erobern

Der Auszug aus Ägypten ist ein Appell, den Mut zu haben, uns der Welt zuzuwenden – auch wenn sie noch so bedrohlich erscheint

von Shoshana Ruerup  31.03.2026

Essay

Das fünfte Glas

Beim Seder füllen wir voller Hoffnung einen Becher Wein für Elijahu – doch er bleibt unberührt. Es ist eine Geduldsprobe, ein ritualisiertes Sehnen. Wir wissen: Seine Zeit wird kommen

von Rabbiner Noam Hertig  31.03.2026

Talmudisches

Der jüdische Sindbad

Wenn Wale zu Inseln werden: Was unsere Weisen über die Abenteuer des Rabba bar bar Hana erzählen

von Detlef David Kauschke  29.03.2026