Pessach

Schmuckvolles Reformprojekt gegen einen »todten Formalismus«

Die Haggada des Kantors der Kölner Gemeinde, Isaac Offenbach (1780–1850) Foto: Ulrike Gräfin von Hoensbroech

Aktuell läuft das große jüdische Festjahr: Bundesweit wird an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland erinnert. Köln ist dabei ein Schwerpunkt, denn Anlass ist die Erwähnung der Kölner jüdischen Gemeinde in einem Edikt des römischen Kaisers Konstantin von 321. Sie gilt als ältester Beleg jüdischen Lebens in Europa nördlich der Alpen.

Der Kölner Greven Verlag hat unlängst zu den Feierlichkeiten ein besonderes Buch herausgebracht: einen schmuckvollen Nachdruck der Haggada von Isaac Offenbach, Vater des Musikers und Komponisten Jacques Offenbach (1819-1880), dessen 200. Geburtstag im Jahr 2019 gefeiert wurde und aus dessen Feder unter anderem der »Cancan« stammt. »Relativ viele Menschen kennen den Sohn, aber weniger den Vater«, sagt seinerzeit Melanie Brockes vom Verlag. Im vergangenen Jahr wurde der 170. Todestag des Vaters begangen.

Die 1838 erschienene Pessach-Haggada von Isaac Offenbach (1779-1850) ist nach Angaben des Verlages eine der wertvollsten Quellen zum jüdischen Leben im Rheinland des 19. Jahrhunderts - die zudem Einblick in eine unbekannte Seite der berühmten Musikerfamilie gebe. Das Doppelbuch ist aufklappbar: Links enthalten rund 30 Seiten Erläuterungen zum Werk, zu Pessach, zu Offenbach und seiner Zeit. Rechts befindet sich der Nachdruck inklusive Flecken und Schatten.

Isaac Offenbach war 30 Jahre lang Kantor der Kölner Synagoge. »Das aus Offenbach stammende Multitalent prägte nicht nur das musikalische, sondern auch das jüdische Leben am Rhein im 19. Jahrhundert - als vielseitiger Künstler, streitbarer Reformer und als geistreicher Autor«, so der Verlag.

Der reformorientierte Offenbach übertrug in seiner zweisprachigen Haggada Texte und Lieder ins Deutsche und machte sie so Menschen zugänglich, die dem Hebräischen nicht mächtig sind. Der Band enthält neue Melodien und eine »Erklärung fremder Ausdrücke«, wie es auf dem Titelblatt heißt. Dort sind biblische Szenen und Symbole zu sehen sowie Moses, Aaron, David und Salomon. Das Titelblatt stammt von David Levy Elkan, einem Kölner Maler aus dem 19. Jahrhundert.

In der Vorrede schreibt Offenbach unter anderem, dass die Herausgabe der »Hagadah, oder die Erzählung von Israels Auszug aus Egypten« - so der Originaltitel - ein »ehrenwerthes Mitglied« der Kölner jüdischen Gemeinde übernommen und »deren Reinertrag zu wohlthätigen Zwecken bestimmt« habe. Er wolle mit der Erstellung des neuen Bandes dem Wunsch von Freunden entsprechen.

Und Offenbach scheut in seiner Vorrede keine Kritik: Das Gebet und andere religiöse Bräuche seien »ein todter Formalismus« geworden. Seine Schlussfolgerung: »Darum müssen wir rüstig arbeiten, nicht die Religion, sondern das Gewand derselben zu reformieren. Denn jene wird ewig ein Bedürfniß unsres Herzens, ein theures Vermächtniß unsrer Väter bleiben.«

Die Erläuterungen zu Offenbach, seiner »Hagadah« und jüdischer Tradition stammt von der Judaistin Christiane Twiehaus. Die Herausgeber Thomas Otten und Jürgen Wilhelm würdigen das Engagement Offenbachs, das seinerzeit nicht unumstritten gewesen sei. Die »Hagadah« habe Offenbach als »sein bedeutendstes Werk zur Reformierung des Gottesdienstes« angesehen.

Die Herausgeber betonen, dass seine konstruktiven Vorschläge für Neuerungen keine Abkehr vom Judentum gewesen seien - sondern dadurch motiviert, dass tradierte Rituale zeitgemäß angepasst werden sollten.

Christiane Twiehaus: Isaac Offenbach, Hagadah, oder die Erzählung von Israels Auszug aus Egypten, herausgegeben von Thomas Otten und Jürgen Wilhelm, Greven Verlag, Köln 2020, 148 S., 18 Euro

Gespräch

»Das Leben ist keine schicksalhafte Tragödie«

Der Luzerner Jesuit und Judaist Christian Rutishauser erhält für seinen Einsatz im christlich-jüdischen Dialog die Buber-Rosenzweig-Medaille. Hier erzählt er, was ihn am rabbinischen Denken fasziniert

von Richard Blättel  05.03.2026

Meinung

Wie die Kirche beim Thema Iran die Orientierung verliert

Ein Kommentar von Daniel Neumann

von Daniel Neumann  02.03.2026

Krieg zwischen Iran und Israel

»Als sich das Blatt wendete«

Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt zum Tod von Ali Chamenei: »Dies ist der Moment, auf den das iranische Volk seit einem halben Jahrhundert gewartet hat«

 01.03.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert

Kommentar

Die Kotel ist für alle da

Die Klagemauer könnte in Zukunft einzig vom orthodoxen Rabbinat verwaltet werden. Was als Schutz der Heiligkeit verkauft wird, wäre ein Angriff auf religiöse Vielfalt

von Sophie Goldblum  27.02.2026

Tezawe

72 Buchstaben

Jedes Wort der heiligen Sprache trägt eine innere Essenz in sich. Der Zahlenwert eines jeden Begriffs hat eine besondere Bedeutung

von Vyacheslav Dobrovych  27.02.2026

Talmudisches

Wunder und Weisheit

Was unsere Weisen über die Kraft des Gebets und die Verantwortung des Menschen lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  27.02.2026

Purim

Die geniale Königin

Ein Detail in der Megilla verrät, wie gekonnt Esther ihren Mann Ahasveros gegen Haman aufbrachte, um ihr Volk zu retten

von Rabbiner Yehuda Teichtal  26.02.2026

Teruma

Geben und Nehmen

Das menschliche Leben ist von Abhängigkeiten geprägt. Wer dies akzeptiert, öffnet sich für die Gemeinschaft und die göttliche Gegenwart

von Guy Balassiano  20.02.2026