Charakter

Moralischer Imperativ

Pannenhilfe: Die Frage, wie Menschen miteinander umgehen, ist zentral im Judentum. Foto: Thinkstock

Der Wochenabschnitt Ki Teze enthält mehr Mizwot als jeder andere in der Tora. Laut Sefer HaChinuch sind es 74, manche sagen 72 – natürlich gibt es im Judentum keine Einigung –, aber auf jeden Fall entspricht dies in etwa einem Achtel aller 613 Mizwot. Das ist eine enorme Zahl. Man fragt sich: Warum brauchen wir eigentlich so viele und derart detaillierte Gebote und Verbote?

Dazu finden wir im Talmud (Awoda Sara 3a) eine scheinbar sonderbare Aussage: »Rav Chanina sagte: ›Bedeutender ist derjenige, dem es geboten ist und es hält, als derjenige, der es hält, obwohl es ihm nicht geboten ist.‹«

Auf den ersten Blick scheint dieses Prinzip keinen Sinn zu ergeben. Für uns steht jemand, der etwas freiwillig tut, auf einer moralisch höheren Ebene als jemand, der gezwungen ist, etwas zu tun, oder dafür bezahlt wird. Schließlich könnte es ja sein, dass die Person, die gezwungen wird, etwas Gutes zu tun, gar keinen echten inneren Antrieb hat, ein guter Mensch zu sein. Freiwillig etwas zu tun, so denken wir, ist von größerem Wert, als aus Verpflichtung zu handeln. Doch der Talmud lehrt uns das Gegenteil.

Psyche Des Rätsels Lösung ist in unserer Psyche zu finden. Wir wollen gerne das tun, was wir mögen – nicht das, was uns gesagt wird. Wir wollen gut sein und freiwillig Gutes tun, aber wir wollen nicht zu irgendetwas verpflichtet sein. Wir wollen unabhängige Individuen bleiben.

Unsere erste Reaktion, wenn wir hören, dass wir etwas tun müssen, ist normalerweise: »Sag mir nicht, was ich zu tun habe!« Entsprechend erklärt der Tosafot-Kommentar zur obigen Talmudstelle, dass jemand, dem es geboten ist, etwas zu tun, ständig darum kämpfen muss, seine eigenen Wünsche zu überwinden, um die Gebote seines Schöpfers zu erfüllen.

Natürlich stellt sich die Frage, ob die Gesetze der Tora wertvoller oder sinnvoller sind als andere Rechtssysteme, oder ob man nicht einfach selbst entscheiden kann, was man tut und was nicht, denn schließlich weiß doch jeder, was gut und was schlecht ist.

Die Antwort liegt im Rechtssystem der Tora. Es ist, anders als unser persönliches Rechtsempfinden, nicht subjektiv und nicht willkürlich, denn die Mizwot sind nicht einfach nur irgendwelche Regeln, sondern sie sind direkt von G’tt. So wie G’tt die physischen Gesetze der Erde erschaffen hat, so schuf er auch ein System des spirituell-moralischen Gesetzes.

Der Chofetz Chaim, Rabbiner Israel Meir Kagan (1839–1933), verglich die 248 positiven Gebote mit den 248 Gliedern unseres Körpers. Er sagte, wer sie erfülle, werde eine vollständige, ganzheitliche Person und damit heilig in all seinen Gliedern. Und wenn ein Mensch darauf achte, die negativen Gebote der Tora nicht zu übertreten, so bringe er das Licht der Heiligkeit auf die »Sehnen« seiner Seele. Die Mizwot zu halten, ist also etwas zutiefst Spirituelles, das unsere Seelen erhöht und uns innere Ruhe und Ausgeglichenheit verleiht.

Eigenschaften Die Mizwot gehen jedoch über das Spirituelle und Heilige hinaus. Sie haben auch eine sehr praktische Wirkung. Der Rambam, Maimonides (1135–1204), schreibt am Ende von Hilchot Temura: »Und all diese Dinge (die Mizwot) sollen uns helfen, unsere negativen Eigenschaften zu überwinden und unseren Charakter zu ändern. Die meisten Gebote der Tora sind vom Großen Ratgeber (...), um unseren Charakter zu korrigieren und unsere Wege zu verbessern.«

Die Gebote und Verbote sollen uns also helfen, bessere Menschen zu sein. Sie sind für uns gemacht. G’tt braucht sie nicht.

Die meisten Mizwot, die in unserem Wochenabschnitt diskutiert werden, sind Sozialgesetze, also Gebote und Verbote, die direkt mit dem Menschen zu tun haben. Gerade die Sozialgesetzgebung und die Frage, wie Menschen miteinander (oder mit Tieren) umgehen, ist zentral im Judentum.

Wir alle kennen die Geschichte von Rabbi Hillel, der gebeten wurde, die jüdische Lehre zu vermitteln, während er auf einem Bein steht. Er sagte: »Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht an. Das ist die ganze Tora – alles andere ist nur Kommentar. Nun geh und lerne!«

Absicht Ich glaube, Hillel hat das nicht gesagt, weil es so schön klingt oder weil es politisch korrekt ist, so etwas zu sagen. Ich glaube, er hat es gesagt, weil er es genauso meinte.

Alle Mizwot, vom Schabbat bis zur Kaschrut, vom Respekt den Eltern gegenüber bis zum Zedakageben, haben ein wichtiges Ziel: sich der Verantwortung und der Verpflichtung dem anderen gegenüber bewusst zu werden. Wenn wir das selbst tun könnten, bräuchten wir keine einzige Mizwa. Aber dazu sind wir nicht in der Lage. Deshalb haben wir all diese Gesetze und Regeln: damit wir uns ein bisschen zurücknehmen und etwas bescheidener werden, damit wir in der Lage sind, negative Gefühle wie Neid, Hass, Eifersucht zu überwinden, damit wir verstehen, dass G’tt, unser Schöpfer, das Zentrum der Welt ist – nicht wir.

Zu diesem Verständnis kommen wir aber nur, wenn wir erkennen, dass sich das Unterordnen unter die Gebote G’ttes für uns lohnt, wie es der Ramban, Nachmanides (1194–1270), in seinem Kommentar zu unserem Wochenabschnitt formuliert: »G’tt hat keinen Nutzen von den Mizwot. Der Nutzen ist für die Person selbst, um Schaden, Götzendienst oder schlechte Charaktereigenschaften zu vermeiden; oder um sich der Zeichen und Wunder G’ttes zu erinnern, um G’tt zu erkennen.« Das also ist das Wesentliche des jüdischen Glaubens: der ethisch-moralische Imperativ, ausgedrückt durch die Tat, die uns und unsere Welt besser macht.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Darmstadt.

Inhalt
Im Wochenabschnitt Ki Teze werden Verordnungen wiederholt, die Familie, Tiere und Besitz betreffen. Dann folgen Verordnungen zum Zusammenleben in einer Gesellschaft, wie etwa Gesetze zu verbotenen sexuellen Beziehungen, dem Verhalten gegenüber Nicht-Israeliten, Schwüren und der Ehescheidung. Es schließen sich Details zu Darlehen, dem korrekten Umgang mit Maßen und Gewichten sowie Sozialgesetze an.
5. Buch Mose 21,10 – 25,19

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