Taschlich

Moment des Loslassens

Taschlich in Tel Aviv: Ein Beter wirft Brotkrumen in den Yarkon-Fluss. Foto: Thinkstock

Mein schönstes Taschlich habe ich vor 20 Jahren unter dem Eiffelturm in Paris erlebt. Mit anderen Mitgliedern der Pariser Masorti-Gemeinde – die wir noch gar nicht kannten – standen wir am Ufer der Seine, hörten dem Rabbiner zu, der den Brauch erklärte, nahmen uns dann ein paar Minuten des Nachdenkens für uns selbst und warfen die Brotkrümel ins Wasser.

Auf dem Weg entlang am Seine-Ufer zurück zur Synagoge begegneten uns andere Gemeindegruppen und Einzelne, Charedim, sefardische Juden, Israelis, und Grüße von »Schana Towa« und »Comment ça va?« wurden ausgetauscht. Und bis wir in der Synagoge ankamen, waren wir schon zu Kiddusch und Feiertagsmahlzeiten am Abend und am nächsten Tag eingeladen.

Besonders gut gefallen hat mir damals, wie Rabbiner Rivon Krygier mit einem selbstironischen Zwinkern erklärte, dass Taschlich gegen den Willen der Rabbiner im Mittelalter entstanden ist. Die Gemeinden hatten sich durchgesetzt, und den Rabbinern blieb eigentlich nur übrig, den Brauch noch auszugestalten und die passenden biblischen Verse hinzuzufügen.

Auch in anderen Religionen gibt es ja Bräuche, Blumen, Kerzen oder anderes mit Gedanken versehen ins Wasser zu werfen, gerade auch zu Neujahr oder anderen Gelegenheiten. Fließendes Wasser symbolisiert Erneuerung und Reinigung.

Micha »Du wirst alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen«: Dieser Vers aus dem Buch Micha (der im Hebräischen mit dem Wort »Taschlich« beginnt), ist der Kern dieses Brauchs: Am Nachmittag des ersten Tages von Rosch Haschana, und wenn der erste Tag ein Schabbat ist, dann (am zweiten Tag) geht man zu einem »lebendigen Gewässer« und wirft die eigenen Sünden ins Wasser – symbolisiert durch Brotkrumen.

Im Mittelalter gab es zwei große Einwände gegen diesen Brauch. Einer war in der feindlichen Umgebung begründet: Man solle nichts in Brunnen oder andere Gewässer werfen, damit die jüdischen Gemeinden nicht verdächtigt würden, die Brunnen zu vergiften.

Der andere Einwand zielte nach innen: An Rosch Haschana geht es darum, sich tatsächlich mit den eigenen Sünden auseinanderzusetzen und sie von innen heraus zu überwinden – und wenn man sie symbolisch einfach ins Wasser werfen kann, könnte man in Aberglauben verfallen und denken, damit sei alles erledigt.

Spree Wenn wir als Gemeinschaft in Berlin an Rosch Haschana mit Blick auf das Pergamonmuseum am Ufer der Spree stehen, unsere Jugendgruppe ihr eigenes Ritual ein paar Meter weiter praktiziert und wir die traditionellen Texte lesen, bevor jeder ans Ufer tritt, kommen häufig Kinder zu mir und sagen: »Gesa, willst du wissen, was ich gerade weggeworfen habe?«

Und die Begeisterung in ihren Gesichtern ist für mich ein Zeichen, dass es sich lohnt, wenn große theologische, abstrakte Ideen in konkrete Handlungen übersetzt werden können.

Der innere Prozess im Monat Elul sowie an Rosch Haschana und Jom Kippur bedeutet, als Einzelne und als Gemeinschaft ins vergangene Jahr zurück zu denken, zu schauen, was war gut und was war schlecht: Wo liegt meine eigene Verantwortung, wo kann ich Dinge ändern, und wo kann ich, wenn schon nicht die Wirklichkeit, so doch meine Haltung ihr gegenüber ändern?

brotkrumen Dass Brotkrumen verwendet werden und man die Taschen umstülpt, um auch noch die letzten Krumen loszuwerden, weckt eine Assoziation zu Pessach. Während wir uns aber an Pessach auf das reale Putzen konzentrieren und noch in die letzten Winkel unserer Wohnungen und in die versteckte Unordnung vordringen wollen, so geht es an den Jamim Noraim darum, genauso gründlich geistigen »Frühjahrsputz« zu halten, genau hinzuschauen und auch die Besenkammern und Dachböden unserer Gefühle und unseres Verhaltens noch aufzuräumen.

Inzwischen wird auch die Frage diskutiert, welches Brot man verwenden soll. Es kursieren Listen, die mit einem Augenzwinkern bestimmte Brotsorten bestimmten Sünden zuordnen. Meist sind es englische Wortspiele, aber manches funktioniert auch auf Deutsch. Für Sünden, die in Eile begangen wurden: Mazza. Für Sünden der Geschmacklosigkeit: Reiswaffeln. Für besonders komplizierte Sünden: Mehrkornbrot. Und für dunkle Sünden: Pumpernickel!

Als Ritual ist Taschlich etwas ganz Besonderes. Wenn man Taschlich an einem Fluss oder Bach machen kann, ist die schöne Erfahrung, dass »die Sünden« tatsächlich fortgetragen werden. Am Strand macht man häufig die Erfahrung, dass einem die eigenen Sünden wieder vor die Füße gespült werden – auch das lädt natürlich zu allen möglichen Interpretationen ein!

heilung Dass die Gedanken von einer Handlung begleitet werden, kann sehr hilfreich sein. So berichtet eine Frau, die nach einer Fehlgeburt Taschlich als eine Möglichkeit der Heilung für sich hilfreich fand: »Als ich die Sünde des Neids ins Wasser warf, des Neids auf andere Familien, die so viele Kinder haben, wie sie wollen, war es gut, eine Bewegung machen zu können, die diesen Gedanken begleitete. Ich konnte mit meinem ganzen Körper sagen: Ich meine, was ich sage, ich meine es wirklich ernst.«

Die Erinnerung an diesen Moment, an das Reinwerfen und Loslassen, kann einen auch das Jahr über begleiten, wenn man wieder in alte Muster zurückzurutschen droht.

Die Autorin ist Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz.

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