Geschichte

Mit Torafreude gegen den KGB

Demo für sowjetische Juden 1985 in England Foto: Ullstein

Ich sollte das vermutlich nicht sagen, aber die Feiertage im Monat Tischri waren zermürbend. Immer noch mehr kochen, mehr Gäste, mehr putzen, mehr Gottesdienste, mehr Jom Tow. Es hat mich erschöpft. Als Mutter von kleinen Kindern mit einem Vollzeitjob habe ich mich daher auf Simchat Tora gefreut – auf den Abschluss dieser scheinbar endlosen Feiertagszeit.

Dann habe ich etwas entdeckt, was meine Einstellung zu diesem Fest änderte. Ich bin in der Sowjetunion geboren, in Minsk. Meine Familie ist wie viele andere in den späten 70er-Jahren in die USA ausgewandert. Ich wurde zweimal geboren: das erste Mal physisch, und das zweite Mal, als meine Eltern den Mut hatten, mich aus Sowjetrussland herauszuholen, damit ich mein eigenes Leben leben, die religiösen Gebote beachten, einen Beruf und eine wunderbare Familie haben und eine ganze Reihe von Rechten und Privilegien genießen konnte.

Exodus Vor einigen Jahren habe ich mit meiner Mutter über unseren Exodus aus der Sowjetunion gesprochen. Sie sagte: »In mancher Hinsicht hat Simchat Tora unsere Entscheidung beeinflusst zu gehen.« Weil meine Mutter nicht religiös lebt, hat mich diese Aussage neugierig gemacht.

Es ist kein Geheimnis, dass die ehemalige Sowjetunion ein ungastlicher Ort für alles Jüdische war. Eine jüdische Identität war eine Belastung, kein Vorteil. Doch während der 1960er-Jahre, als Israel seine Stärke in mehreren Kriegen bewiesen hatte, fühlten sich Juden in Russland ermutigt, wenn auch nur im Kleinen.

Demonstrationen Zeitgleich wurde die jüdische Gemeinschaft in den USA auf das Anliegen des russischen Judentums aufmerksam und setzte sich bei der sowjetischen Regierung für jüdische Auswanderung ein. Ebenfalls in den späten 1960er-Jahren begannen Juden in der Sowjetunion, sich gelegentlich in großen demonstrationsähnlichen Gruppen rund um die staatlich sanktionierten, aber geschlossenen Synagogen zu versammeln – an Simchat Tora.

»Warum Simchat Tora?«, fragte ich meine Mutter. »Warum nicht Rosch Haschana, Pessach, Jom Kippur? Wer kannte das Datum? Wie hat man davon erfahren?« Meine Mutter fand meine Fragen dumm.

Lockvögel
»Wir gingen da hin, weil alle jungen Juden in der Stadt kamen, wir erfuhren es von unseren Freunden und sie von ihren Freunden. Wir sangen, wir tanzten, wir trafen Leute, die wir lange nicht mehr gesehen hatten. Wir lasen Briefe aus Israel, und wir tauschten Informationen über Auswanderung aus. Einmal im Jahr hatten wir keine Angst und waren glücklich, Juden zu sein – auch wenn KGB-Lockvögel unterwegs waren. Wir realisierten, wer wir waren, und wir waren stolz.« An allen anderen Tagen im Jahr führte das Anderssein der Juden in der Sowjetunion zu Feindseligkeiten. An Simchat Tora wurde das Anderssein gefeiert.

Viele sowjetische Juden haben an diesen Veranstaltungen teilgenommen, obwohl sie die Tora, in deren Namen gefeiert wurde, niemals gesehen hatten. Doch wenn man ihre Beschreibungen der Ereignisse hört, war die Tora nie weit weg.

Stimmung Evgeni Valevich, ein russisch-jüdischer Musiker, schrieb ein Lied, das die Stimmung dieser Simchat-Tora-Feiern wiedergibt. »Wie der alte Kantor gesungen hat«, heißt es in dem Lied, »unsere kleine Nation erscheint so groß.« Verblüffender Weise war dieser nationale Stolz so groß und ein derart neues und einzigartiges Gefühl für so viele Juden, dass es sie dazu brachte, ihr Leben komplett auf den Kopf zu stellen und auszuwandern.

An Simchat Tora feiern wir die Tora, die wir dieses Jahr zu Ende gelesen und studiert haben. Wir kennen die endlosen Freuden und Tiefen, die die Gesetze der Tora für unser Leben bereithalten. Und diese Freude ist nicht nur akademisch, sondern intuitiv – wie wir an den Feiern in der Sowjetunion sehen.

Die Botschaft meiner Mutter ist simpel, aber tiefgründig: Die Tora an Simchat Tora zu feiern, bedeutet, das Judentum und die Juden zu feiern. An Simchat Tora feiern wir alle Feiertage auf einmal: Schabbat, Mizwot, jüdische Werte, das jüdische Überleben, das jüdische Potenzial. Wir feiern alles, was wir sind und sein können. Simchat Tora ist also kein »Nachzügler«, sondern der Feiertag, der allem eine neue Perspektive verleiht.

Übersetzung und Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.aish.com

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