Neulich beim Kiddusch

Mein Double Moira

Mein Alter Ego, die Puppe Foto: JA

Die Porreeknöllchen und Lauchstangen habe ich schön malerisch und gut sichtbar auf dem Autorücksitz drapiert, noch ein Tiefkühlhuhn obendrauf, ein paar Kartoffeln drumherum, schon habe ich den perfekten Balabusta-Küchenfee-Look, um die Kinder am Freitagmorgen zur Schule zu bringen. Das Make-up habe ich heute weggelassen und stattdessen die Haare kunstvoll zerzaust, um genauso gestresst und abgewrackt auszusehen wie die anderen Mütter, die den ganzen Freitagvormittag zu Hause in der Küche knechten werden, so wie sich das gehört.

Ich liefere die Kids in der Schule ab und reihe mich ein in die Autokolonne der anderen Mütter, die sich ächzend in Richtung Kosherland schiebt. Im letzten Moment schere ich mit einem halsbrecherischen Manöver aus der Reihe aus und biege ab in Richtung Stadtmitte. Aus dem Handschuhfach krame ich hastig Hut und Sonnenbrille – wenn jemand mich hier sieht, bin ich geliefert. Erst an der Rezeption meines Fitness-Centers atme ich auf. Endlich allein!

Thunfischsalat Nach meinem Straff-dich-fit-Kurs gönne ich mir noch eine Maniküre und ein Facial. So, jetzt schnell noch das Freitagabendessen gestalten. Wie wärs mit ein paar Dosen Artischockenherzchen von Saupiquet aus dem Supermarkt an der Tankstelle. Der feine Saupiquet-Thunfischsalat kam letzte Woche jedenfalls sehr gut an.

Jetzt aber schnell nach Hause, Moira wartet schon in der Küche auf mich. Moira ist mein Double, sie verbringt den ganzen Freitagvormittag am Herd und sorgt dafür, dass mein guter Ruf nicht flöten geht. Denn ich weiß, dass mein Küchenfenster von den umliegenden Häusern aus genauestens beobachtet wird. Schließlich sind wir hier in Antwerpen, wo jeder über jeden genau Bescheid weiß.

Moira ist eine ungemein attraktive Schaufensterpuppe, der ich meine Klamotten angezogen und eine schicke Perücke aufgesetzt habe. Ich zupfe Moiras Klamotten ein wenig zurecht und setze sie zur Abwechslung zum Gemüseschaben an den Küchentisch. Ich selbst muss schnell weiter, zum Friseur. Auf dem Weg nach draußen schnappe ich mir die aktuellen Barmizwa-Einladungen von der Kredenz und blättere sie durch. Antwerpen ist wahrlich die Stadt, wo Milch und Honig fließen und ich nie ein Schabbatmittagessen kochen muss, weil wir uns mit den Kindern jede Woche bei einem anderen Kiddusch vollstopfen.

Buffet Diesmal gehen wir wieder sehr subtil vor. Wir tauchen gegen 12 Uhr zur Barmizwa vom kleinen Pomerantz auf und räumen dort das Vorspeisen-Buffet ab, ziehen dann weiter zu einem Aufruf von ich weiß nicht wem in der Holländischen Schul und nehmen dort den Hauptgang ein.

Jedes Mal futtern wir uns durch ein anderes Viertel, diese Woche sind die Sefarden dran. Die Kinder mampfen Sambusak und Dafina. Und als jemand ihnen Nachschlag anbietet, sagen sie brav den Spruch auf, den ich ihnen eingebläut habe: »Nein Danke, zu Hause erwartet mich ein nahrhaftes Mitagessen!« Das ist dann das Zeichen zum Aufbruch, man will ja nicht unangenehm auffallen.

Der Verdauungsspaziergang nach Hause gestaltet sich sehr angenehm. Die ganze Stadt ist unterwegs, wir grüßen nach links und rechts, alle anderen sehen ziemlich hungrig aus, denn sie wurden bereits nach fünf Minuten grausam vom Kidduschbuffet weggerissen und nach Hause gescheucht, wo das unter Mühe und Qualen zubereitete Essen bereits auf der Platte vor sich hindampft.

Zu Hause angekommen, sehen wir, dass alle schon die Beine unterm Tisch haben. Ich habe Moira erlaubt, ein paar Kumpels mitzubringen. Und so sitzen jetzt wie jeden Schabbat fünf schön angezogene Schaufensterpuppen harmonisch um unseren hübsch gedeckten Esszimmertisch und genießen unter den Augen der ganzen Nachbarschaft ihr Mahl – während ich mich mit den Kindern zu einem ausgiebigen, frühen Schabbatschläfchen zurückziehe.

Sukkot

Mit Herz und Sinnen

Welche Bedeutung die Vier Arten an Sukkot haben und warum sie den Menschen erfreuen

von Rabbiner Avraham Radbil  24.09.2026

Sukkot

»… und du sollst nur fröhlich sein«

Warum die Tora gerade das Laubhüttenfest zu einer Zeit unserer Freude erklärt

von Vyacheslav Dobrovych  24.09.2026

Debatte

Wehret den Anfängen gilt rechts und links

Ein Offener Brief an Bischof Christian Stäblein vom Evangelischen Arbeitskreis der CDU Berlin/Brandenburg

von Cornelia Seibeld  24.09.2026 Aktualisiert

Laubhüttenfest

Ein Fest der Natur

Vom Feiern der Schöpfung zur Verantwortung für ihre Bewahrung

von Rabbiner Yehoyada Amir  23.09.2026

Sukkot

Wenn der Himmel unser Dach wird

Vielleicht können wir Israelis nach Jahren in Schutzräumen die Bedeutung der fragilen Laubhütte heute noch besser verstehen. Ein Essay

von Rabbiner Raphael Evers  23.09.2026

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  20.09.2026 Aktualisiert

Jom Kippur

Noch einen Bissen, dann ist Schluss

Für die einen ist Fasten an Jom Kippur religiöses Gebot, für die anderen eine Prüfung von Körper und Willenskraft

von Nicole Dreyfus  18.09.2026

Versöhnung

Der Mensch ist kein Datensatz

Im Gegensatz zu modernen Algorithmen kennt das göttliche Gericht die Ambivalenzen

von Chajm Guski  18.09.2026

Vergebung

Wenn die Entschuldigung im Halse stecken bleibt

Eine talmudische Geschichte über Schuld, Groll und das Loslassen der Vergangenheit

von Sophie Goldblum  18.09.2026