Perspektive

Lichter in Berlin

Heute wird das erste Licht des Chanukkaleuchters entzündet. Foto: Marco Limberg

Als 1960 der legendäre Berliner Nachkriegsrabbiner Martin Riesenburger »Dokumente aus der Nacht des Nazismus« publizierte, hatte das Büchlein den Titel Das Licht verlöschte nicht. Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass auch in den Jahren der Schoa Einzelne, gelegentlich Kleinstgruppen, in Berlin versucht haben, Spuren jüdischen Lebens zu leben. Gleichzeitig wollte er aber auch zum Ausdruck bringen – die Gemeinden waren geteilt, die Stadt Berlin noch nicht –, hier brennt noch ein Licht, jüdisches Leben ist 15 Jahre nach der Befreiung wieder sichtbar. Ein Licht – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Am Tag nach dem Terrorakt von Halle feierte ELES, das jüdische Studienwerk, sein zehnjähriges Jubiläum. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, sagte in Anwesenheit des Bundespräsidenten: »Wir lassen uns von Antisemiten nicht unseren Kalender vorschreiben.« In den Worten Leo Baecks: Jüdisches Leben ist über alle Zeiten hinweg immer das ewige »Dennoch«. Oder, um mit Josef Schusters Worten zu sprechen: »Unser Platz in dieser Gesellschaft ist fest und standhaft!« Alle, die dort waren, vom Bundespräsidenten bis zu den ELES-Alumni, setzten gegen die Kräfte der Finsternis Zeichen des von jüdischem Leben ausgehenden Lichts.

Jüdisches Leben heute ist nicht einfach die Fortsetzung von jüdischem Leben gestern, sondern beginnt jeden Tag neu.

lebendigkeit Als ich Ende November auf der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland nach fast 20 Jahren erneut das Wort ergreifen konnte – jetzt nicht als Delegierter, sondern als Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz –, habe ich den Wandel thematisiert, der sich in dieser Zeit vollzogen hat. Nicht mehr in einem fensterlosen Tagungsraum in einem anonymen Hotel, sondern in einem jüdischen Gemeindezentrum, das vor Lebendigkeit aus allen Nähten platzt, in einem lichtdurchfluteten Raum.

Und wieder wir, jetzt in viel größerer Zahl und natürlich einige derer, die bereits damals – nur deutlich jünger – dabei waren: Josef Schuster, Abraham Lehrer oder Vera Szackamer, um nur einige zu nennen. Und mit uns nicht mehr nur eine Handvoll Rabbiner, sondern zwei große Blöcke von Rabbinern, aufseiten der ARK sogar Rabbinerinnen. Dabei fiel mir ein Satz aus dem Morgengebet ein: »In deiner Güte erneuerst du, Gott, täglich beständig das Schöpfungswerk.« Jüdisches Leben heute ist nicht einfach die Fortsetzung von jüdischem Leben gestern, sondern beginnt jeden Tag neu.

Jüdisches Leben in Deutschland ist nicht mehr die Fortschreibung dessen, was war. Es strahlt etwas Neues, Eigenes aus – wenn man so will: ein eigenes Licht. Das Bild bestimmen jedoch nicht mehr die von der Schoa geprägten Überlebenden, sondern Jüdinnen und Juden mit einem neuen Selbstbewusstsein.

Wir Juden in dieser Zeit sind bunter, jünger und vielfältiger denn je.

Die rockende Jewrovision, bunte Machanot, eine Wochenzeitung, die lebendig ist und Kontroversen aufnimmt, bald jüdische Militärrabbiner in der Bundeswehr – und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Gast auf dem Gemeindetag. Wäre das in der Zeit der Bundespräsidenten Heinrich Lübke oder Karl Carstens wirklich vorstellbar gewesen? Das jüdische Leben heute ist wie das von Gott täglich neu erschaffene Schöpfungswerk. Man könnte mit Samson Raphael Hirsch sagen: Wir sind neue Jisroel-Menschen – in einem neuen lichten jüdischen Leben!

Dabei sollen Risches und Antisemitismus nicht verdrängt werden. Kein Tag, an dem nicht unerträgliche Nachrichten aus Deutschland und der ganzen Welt uns erschüttern, Angst und Sorge bereiten. Aber die demokratische Mehrheitsgesellschaft hat erkannt, dass ihre eigene Freiheit zur Disposition steht, wenn Minoritäten – aber ganz besonders Jüdinnen und Juden – bedroht werden. Geht man heute über den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, sieht man an den immensen Sicherungsanlagen: Es sind nicht nur Synagogen und Gemeindezentren bedroht, sondern auch das christlich geprägte Lichterfest rund um die Gedächtniskirche sowie an vielen anderen Stellen der Stadt und des ganzen Landes.

Licht ist in unserer Tradition untrennbar mit Chanukka verbunden, dem Fest, an dem eine jüdische Widerstandsgruppe obsiegte.

chanukka Licht ist in unserer Tradition untrennbar mit Chanukka verbunden, dem Fest, an dem eine jüdische Widerstandsgruppe – wie es in unserem Chanukka-Gebet heißt: die Kraft der wenigen gegen die Macht der vielen – obsiegte. Dass die kleine Menge Öl, die nur für einen Tag ausgelegt war, acht Tage brennen konnte, ist ein Wunder – das Chanukka-Wunder.

Die Menora ist in besonderer Weise ein Abbild von Klal Israel. Sie leuchtet in diesen Tagen achtfach. Es gibt viele Strömungen im Judentum – jede symbolisiert ihr Licht. Jedes Licht beansprucht für sich, das wichtigste zu sein. Aber wenn man auch nur einen Arm abtrennt, ist es keine Menora mehr.

Auch und gerade bei diesem Gemeindetag mit mehr als 1000 Teilnehmern wird deutlich: Wir Juden in dieser Zeit sind bunter, jünger, vielfältiger denn je – und so haben wir eine große Stärke für ein jüdisch geprägtes Leben in unseren Familien, in unseren Gemeinden, aber auch in unserer Gesellschaft. Wenn wir uns das Bild der Lichter auf der Chanukkia bewusst machen und gemeinsam an einem Strang ziehen – dann ist es nicht mehr ein Licht von Berlin, sondern am achten Tag Chanukka das achtfache Licht. Oder in Anlehnung an Rabbiner Riesenburger: Unser Licht verlösche nicht!

Der Autor ist Historiker und Rabbiner in Berlin.

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