Schabbat

Kraftquelle

Alle Kraft und Energie kommt letztendlich von G’tt. Foto: Thinkstock

Die Militärparade am Nationalfeiertag mit Panzern und Raketen zeigt Stärke und vermittelt den Bürgern des Landes ein Gefühl von Stolz. Doch im Ausland ist man verwundert darüber und fragt sich, was diese Machtdemonstration soll und welchen Zweck die Waffen wohl haben.

Stark zu sein, ist ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen, es festigt ihn in seinem Tun. Ein kraftloser Mensch tritt auf der Stelle. Er hat Angst, sich zu verändern, und seine Kreativität entfaltet sich nicht. Ohne Kraft kann sich die Welt nicht entwickeln. Stärke ist also eine wichtige Eigenschaft in allen Belangen des Lebens.

Der Mischna-Traktat Awot sagt: Wer schüchtern ist, vermag nichts zu lernen. Wer sich fürchtet, eine Frage zu stellen, um besser zu verstehen, kommt nicht voran und kann nichts Neues ergründen. Doch wer sich traut, der lernt – er fördert sich selbst und die Menschheit.

Dominanz Eine negative Nebenerscheinung solcher Kraft ist jedoch, dass der Starke oft geringschätzig auf die anderen herabschaut. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass Menschen im Umfeld einer dominanten Person ihre eigenen Kräfte und Tugenden nicht entfalten können. Die Macht dessen, der vor ihnen steht, hindert sie daran.

Zwischen dem Menschen und dem Schöpfer besteht eine große Nähe. Wenn wir genauer hinschauen, erkennen wir, dass der Mensch vollkommen auf den Schöpfer angewiesen ist. Der Schöpfer, der den Menschen erschaffen hat, verleiht ihm Tag für Tag die Lebenskraft, die er braucht, um die Welt zu entwickeln.

Der Mensch neigt allerdings dazu, seinen Status als Herrscher über die Schöpfung auszunutzen. Er versucht, alle aus dem Weg zu schaffen, die ihn dabei stören, seine Macht auszuüben – den Schöpfer eingeschlossen.

Je mehr es dem Menschen gelingt, seine Fähigkeiten im Leben zu nutzen, desto mehr neigt er dazu, seine Erfolge sich selbst zuzuschreiben. Nicht an den Schöpfer zu glauben, beruht darauf, sich selbst überzubewerten, zu glauben, alles alleine geschafft zu haben. Der Mensch hebt den Schöpfer auf, der ihm doch die Lebenskraft eingehaucht hat.

arzt Im Talmud (Baba Kama 85a) lesen wir von Rabbi Jischmael. Er soll gesagt haben: »Der Heiler wird heilen.« Daraus wird abgeleitet, dass es dem Arzt erlaubt ist, medizinisch zu behandeln. Diese Erlaubnis ist an das sehr spezielle Wissen des Arztes gebunden. Er kennt den menschlichen Körper, weiß, wie Arzneimittel wirken, kann anderen Menschen helfen, gesund zu werden, und sogar ihr Leben verlängern.

Um seinen Beruf ausüben zu dürfen, braucht der Arzt eine Lizenz: die Approbation. Er bedarf jedoch ebenso der Lizenz des Schöpfers, um sich in die Schöpfung einzumischen, Operationen durchzuführen, Medikamente zu verordnen und alles zu versuchen, um den Patienten zu heilen.

An einer Stelle im Talmud werden die Ärzte sehr scharf kritisiert. In Kidduschin 82a heißt es: »Der beste Arzt geht in die Hölle.« Was bedeutet das? Eine der schöneren Erklärungen ist, dass es einem derart guten Arzt im Paradies zu langweilig ist und er stattdessen in die Hölle geht, um dort denjenigen zu helfen, die krank sind.

Raschi (1040–1105) erklärt, das Problem des besten Arztes sei, dass sein Herz nicht auf der Stelle zerbricht, er nicht betet und den heiligen Schöpfer um dessen Hilfe bittet. Er verlässt sich derart auf sich selbst, dass er die Genesung des Patienten als seinen eigenen Erfolg betrachtet und dabei vergisst, wer ihm die Gabe zu heilen verliehen hat.

Fähigkeiten Nicht nur Ärzte, sondern wir alle müssen das Bewusstsein dafür schärfen, dass wir unsere Fähigkeiten und Kenntnisse dem Schöpfer zu verdanken haben. Er hat sie uns zu unserem Wirken in der Welt gegeben.

Der Talmud weitet dieses Thema in Kidduschin 31 aus und sagt, der Mensch solle nicht aufrecht gehen, denn wer zu aufrecht geht, sei zu stolz und verdränge G’tt aus der Welt. Der Mensch soll stets darauf achten, dass er dem heiligen Schöpfer genug Raum im Leben lässt und ihn nicht nach außen verdrängt. Er muss ihm dankbar bleiben und ihm den Erfolg zuschreiben für die Kraft, die der Ewige ihm zum Tun und Wirken verliehen hat.

Der Mensch lässt sich oft blenden. Er sammelt Erfolg und Besitz an, gewinnt an Kraft und Status und sieht nicht, dass sich alles im Handumdrehen ändern und er in den Abgrund stürzen kann. Schon die Tora kannte die Selbstüberschätzung des Menschen: Vor lauter Erfolg »sagest du in deinem Herzen: Meine Kraft und die Stärke meiner Hand hat mir all dies Vermögen geschafft« (5. Buch Mose 8,17).

Ähnlich verhielt es sich auch mit David, der Goliath tötete und damit das jüdische Volk rettete. Die tanzenden Frauen bejubeln ihn: »Auf seine Tausende hat Schaul dreingeschlagen – aber David auf seine Myriaden« (Schmuel I 18,7). Es stimmt: David hat Israel gerettet, das müssen wir anerkennen. Doch es war nicht er allein! Ebenso wie wir alle war auch er aufgefordert, nicht zu vergessen, woher sein Erfolg rührt. In unserem Wochenabschnitt lesen wir deshalb: »Und gedenke des Ewigen, deines G’ttes; denn Er ist es, der dir Kraft gibt, Vermögen zu schaffen« (5. Buch Mose 8,18).

Der Mensch verdankt all seine Erfolge der Hilfe des Allmächtigen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Ekew zählt die Folgen des Gehorsams der Israeliten auf. Wenn sie sich an die Gesetze halten würden, dann blieben die Völker jenseits des Jordans friedlich, und es würde sich materieller Fortschritt einstellen. Die bisherigen Bewohner müssen das Land verlassen, weil sie Götzen gedient haben – nicht, weil das Volk Israel übermäßig rechtschaffen wäre. Am Ende der Parascha verspricht Mosche, im Land Israel würden Milch und Honig fließen, wenn das Volk die Gebote beachtet und an die Kinder weitergibt.
5. Buch Mose 7,12 – 11,25

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Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

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