Wajera

Kraft der Liebe

Warum das gute Verhältnis zwischen Ehepartnern in der Tora eine große Rolle spielt

von Vyacheslav Dobrovych  15.11.2019 09:29 Uhr

Es gibt Momente, in denen der Frieden zwischen Ehepartnern über der Wahrheit steht (Filmszene aus »Vom Winde verweht«). Foto: imago images / United Archives

Warum das gute Verhältnis zwischen Ehepartnern in der Tora eine große Rolle spielt

von Vyacheslav Dobrovych  15.11.2019 09:29 Uhr

Awraham und Sara erfahren, dass sie trotz ihres hohen Alters bald ein Kind erwarten werden. Sara amüsiert diese Nachricht, denn sie glaubt nicht, in ihrem Alter noch ein Kind gebären zu können. Auch ihren Mann Awraham hält sie zu diesem Zeitpunkt für viel zu alt.

Daraufhin wendet sich G’tt an Awraham und spricht: »Wieso lacht Sara und sagt: ›Ist es wahr, dass ich gebären werde, obwohl ich alt bin?‹« (1. Buch Mose 18,13). Allerdings verschweigt G’tt Awraham, dass Sara auch seinetwegen lachte.

Wahrheit Unsere Weisen lernen aus dieser Episode, dass der Frieden zwischen Ehepartnern einen derart hohen Stellenwert hat, dass es Momente gibt, in denen der Frieden über der Wahrheit steht. Sogar G’tt war bereit, die Wahrheit zu verschweigen, um die Beziehung von Aw­raham und Sara nicht unnötig zu belasten.

Der Talmud bekräftigt an verschiedenen Stellen die Wichtigkeit der Beziehung zwischen den Ehepartnern. So heißt es im Traktat Sota: »Wenn Mann und Frau würdevoll miteinander umgehen, ist die Präsenz G’ttes unter ihnen« (16a).

Das gute Verhältnis der Ehepartner ist für das Judentum allerdings mehr als nur eine bessere Alternative zum schlechten Verhältnis. Es ist ein Weg zur G’ttlichkeit – ein Weg, um das Leben des Menschen in dieser Welt erhabener zu gestalten.

Es liegt in der Natur des Menschen, für sich selbst das Beste zu wollen. Selbst wenn manche Menschen einen destruktiven Lebensstil haben, liegt auch dafür der Ursprung in dem Wunsch, für sich selbst das Beste zu wollen.

Es geht darum, diesen Wunsch für sich selbst zu navigieren und die Folgen abzuwägen, kurzfristige und langfristige. Der Wunsch, für sich selbst das Beste zu bekommen, bleibt immer bestehen. Er ist Teil des Menschseins und eine Kraft, die, wenn sie richtig gelenkt wird, das Überleben und den Aufstieg des Menschen sichert.

Auf der anderen Seite glaubt das Judentum an einen allmächtigen G’tt, der nichts für sich selbst braucht. Er hat alles, ist alles. Er erschafft das Universum und den Menschen nur aus einem Grund: aus Liebe. Diese Liebe ist die gebende Kraft, die Kraft, die um des Gebens willen gibt.

schöpfung Der berühmte Kabbalist Rabbi Mosche Chaim Luzatto (1707–1746) beschreibt in seinem Werk Derech Haschem, dass der einzige Grund für die Schöpfung der Wunsch G’ttes ist, der Schöpfung von sich selbst zu geben. Der Ort, an dem wir dieses Geben des Schöpfers in seiner Vollkommenheit spüren können, sei die kommende Welt, die Olam HaBa, so Luzatto.

Doch der Mensch brauche Zeit, um sich diese kommende Welt der Freude, der Euphorie und des Genießens durch eigenes Tun zu erarbeiten. Die Weisheit des Schöpfers sah, dass die Schöpfung und das liebende Geben G’ttes erst dann vollkommen sind, wenn sich der Mensch diese Euphorie erarbeitet hat.

Wir freuen uns über Geschenke, doch noch tiefere Freude empfinden wir, wenn wir selbst etwas erschaffen haben. Dies genießen wir mehr, denn wir tragen in uns den Funken des Schöpfers.

Doch wie »erarbeitet« man sich die Euphorie der kommenden Welt? Durch ein Tun, das uns g’ttlicher macht! Also durch die Liebe. Durch das Geben. Der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm (1900–1980) sagte, dass das Geben der Liebe kein Weggeben ist, sondern ein Zeichen von Kraft. Ein Mann, der seine Frau schwängert, gibt nicht seinen Samen weg, sondern er beweist die Kraft seiner Potenz.

Die Worte des genialen Autors verdeutlichen den Punkt: Das liebende Geben ist der höchste Ausdruck menschlicher Kraft und kein leidendes Aufgeben.

ego Es liegt jedoch in der Natur des Menschen, für sich selbst und für andere nicht immer das Beste zu wollen. Selbst wenn wir geben, ist dies oft Ausdruck des Egos und nicht Ausdruck echter Liebe. Doch über allem erschallt der g’ttliche Befehl: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« (3. Buch Mose 19,18).

Wie entsteht Liebe? Wie schaffe ich es, jemanden außerhalb meiner selbst zu lieben? Rabbiner Eliyahu Dessler (1892–1953) gibt darauf eine sehr praktische Antwort. Je mehr man in jemanden investiert, sich um die andere Person kümmert und sich mit ihr identifiziert, desto mehr fängt man an, diese Person zu lieben. Das Geben erschafft die Liebe.

Dies passiert, weil man durch das Geben einen Teil seiner selbst in den anderen investiert und somit ein Teil des anderen ist.

zahlenwert Das hebräische Wort für Liebe, Ahawa, hat denselben Zahlenwert wie das Wort »Echad« – eins. Dies erschafft eine neue Perspektive auf die Liebe. Der Mensch wird nicht aufgefordert, er möge doch zugunsten der anderen endlich aufhören, sich selbst zu lieben. Nein! Er soll seiner selbstliebenden Natur folgen und gleichzeitig sein Selbst erweitern. Das Selbst muss nicht nur auf mein Bewusstsein beschränkt sein, es kann auch andere beinhalten. Die Tora fordert uns auf zu sagen: »Ich liebe mich selbst mehr als alles andere, doch mein Selbst beinhaltet auch meinen Ehepartner, meine Familie, meine Freunde, meine Gemeinde ...«

Die Tora fordert auch: »Liebe den Ewigen, deinen G’tt« (5. Buch Mose 6,5). Durch die Investition in G’tt werde ich eins mit Ihm und komme dazu, Ihn zu lieben. Er investiert in uns, ist eins mit uns und liebt uns. Nun investieren wir in Ihn, bauen eine Verbindung, um mit Ihm eins zu werden.

Das hebräische Wort »Mizwa« (Toragebot) ist eng verwandt mit dem Wort »Zavta« (Verbindung). Die Tora ist ein Weg, sich mit dem Ewigen zu verbinden. Wer die Gebote erfüllt, um dem Ewigen Seine Wünsche zu erfüllen, der verhält sich g’ttlich und vermehrt die Euphorie, die Freude und den Genuss in der kommenden Welt.

Dies sind hohe Ideale. Sie beginnen mit denen, die uns am Nächsten stehen. Genau aus diesem Grund nimmt das Judentum die Ehe so wichtig.

Der Autor studiert Sozialarbeit in Berlin.

 

inhalt
Der Wochenabschnitt Wajera erzählt davon, wie Awraham Besuch von drei g’ttlichen Boten bekommt. Sie teilen ihm mit, dass Sara einen Sohn zur Welt bringen wird. Awraham versucht, den Ewigen von seinem Plan abzubringen, die Städte Sodom und Amorra zu zerstören. Lot und seine beiden Töchter entgehen der Zerstörung, seine Frau jedoch erstarrt zu einer Salzsäule. Awimelech, der König von Gerar, nimmt Sara zur Frau, nachdem Awraham behauptet hat, sie sei seine Schwester. Dem alten Ehepaar Awraham und Sara wird ein Sohn geboren: Jizchak. Hagar und ihr Sohn Jischmael werden fortgeschickt. Am Ende der Parascha prüft der Ewige Awraham: Er befiehlt ihm, Jizchak zu opfern.
1. Buch Mose 18,1 – 22,24

Wajeze

Der Weg zu G’tt

Was es mit der Leiter in Jakows Traum auf sich hat

von Rabbiner David Kern  06.12.2019

Talmudisches

Heimlich spenden

Wie Mar Ukwa versuchte, einen Armen nicht zu beschämen

von Yizhak Ahren  06.12.2019

Berlin

Rabbinerseminar schließt Jubiläumsjahr ab

Zentralratspräsident Schuster, Rabbiner Goldschmidt und Felix Klein diskutierten über jüdisches Leben in Deutschland

 05.12.2019

Religion

Augsburger Synagoge wird für 27 Millionen Euro saniert

Die Arbeiten sollen im Laufe des kommenden Jahres beginnen

von Ulf Vogler  05.12.2019

Bevölkerung

»Seid fruchtbar und füllet die Erde!«

Warum Weltuntergangsszenarien uns nicht davon abhalten sollten, Kinder zu bekommen

von Rabbiner Arie Folger  05.12.2019

Religion

»Missbrauch unserer Toten«

Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz wirft den Künstlern Pietätlosigkeit und Leichenfledderei vor

 04.12.2019