Spiritualität

Königliche Hilfe

Was Queen Elizabeth II. mit dem Gebet »Awinu Malkenu« zu tun hat

von Dovid Gernetz  24.09.2022 21:13 Uhr

Symbol der Stabilität: Queen Elizabeth II. Foto: IMAGO/APress

Was Queen Elizabeth II. mit dem Gebet »Awinu Malkenu« zu tun hat

von Dovid Gernetz  24.09.2022 21:13 Uhr

Mit dem Tod von Queen Eliza­beth II. geht zweifellos eine Ära zu Ende. 70 Jahre saß sie auf dem britischen Thron – so lange wie kein anderer Mo­narch des Vereinigten Königreichs. In der Geschichte der Menschheit gab es nur einen anderen Regenten, der länger herrschte als sie, und das war König Ludwig XIV. von Frankreich.

In ihrer Regierungszeit erholte sich das in den 60er- und 70er-Jahren wirtschaftlich stark angeschlagene Großbritannien und wurde wieder eine der führenden Nationen, auch in den Bereichen Forschung und Verteidigung. Nicht ohne Grund spricht man deshalb von dem »Neuen Elisabethanischen Zeitalter«. Ihr Gesicht wurde so quasi zum Symbol der Stabilität einer ganzen Epoche.

oberhaupt Als Königin und in ihrer Rolle als weltliches Oberhaupt der anglikanischen Kirche traf sie sich ebenfalls regelmäßig mit den Vertretern des britischen Judentums. 2005 erhob sie beispielsweise Oberrabbiner Lord Rabbi Jonathan Sacks (1948–2020) aufgrund seines Einsatzes für den interreligiösen Dialog in den Adelsstand.

Es gibt die These, die britische Königsfamilie stamme von König David ab.


Der britische Autor Frederick Robert Augustus Glover behauptet in seinem 1861 erschienenen Buch England, the Remnant of Judah and the Israel of Ephraim sogar, dass die britische Königsfamilie Nachkomme von König David sei. So soll sie von Prinzessin Tamar Tephi abstammen, der Tochter von König Zedekia, die nach der Zerstörung des Ersten Tempels nach Irland geflohen und dort zur Königin geworden sei. Zwar gab es in der Vergangenheit mehrere Ansätze, einen entsprechenden Stammbaum anzufertigen, aber es scheint, dass die königliche Familie selbst dieser These nicht unbedingt allzu viel Glauben schenkt.

Prophet Im Gegensatz dazu ist die Geschichte der jüdischen Monarchen sehr detailliert im Tanach dokumentiert, insbesondere in den Büchern der Könige und in den Chroniken. Doch möchte G’tt überhaupt, dass es im jüdischen Volk Könige gibt? So steht im 1. Buch Schmuel, dass man den Propheten um einen König gebeten hat, »dass auch wir seien, wir all die Völker« (8,20).

Schmuel wies das jüdische Volk dafür zurecht, und G’tt selbst bezeichnete diese Bitte als »Verabscheuung von G’tt«. Warum geschah das, wenn doch die Ernennung eines Königs von der Tora eigentlich vorgeschrieben wird? So heißt es: »Wenn du in das Land kommst, das der Herr, dein G’tt, dir gibt, und du nimmst es ein und wohnst darin (…). Setze einen König über dich, den der Herr, dein G’tt, erwählen wird« (5. Buch Mose 17, 14–15).

Im Talmud ist ebenfalls zu lesen, dass es drei Gebote gibt, die das jüdische Volk nach der Ankunft in Israel zu erfüllen hat – die Krönung eines Königs ist eines davon. Der Talmud geht auf diese Frage ein und erklärt, dass das jüdische Volk nicht für den Wunsch als solchen, sondern für die Begründung zurechtgewiesen wurde, und zwar den Vergleich mit den anderen Völkern.

Niveau Solange sich das jüdische Volk spirituell auf einer hohen Ebene befindet, stehe es nun einmal über der Natur. Es benötige keinen König aus Fleisch und Blut, weil niemand Geringeres als G’tt persönlich Führung und Schutz übernommen habe. Nur wenn man sich von all dem entfernt und die Spiritualität nachlässt, könnte auch die übernatürliche Protektion verloren gehen. Dann wäre das jüdische Volk eben wie alle anderen auch auf einen ganz realen König angewiesen.

Lebensweise Laut Rabbi Meir Leibusch Wisser (1809–1879) hatte das jüdische Volk mit seinem Wunsch nach einem König – und damit nach menschlicher Führung – demonstriert, dass es spirituell mit ihm abwärts gegangen sei. Genau dafür wurde man letztendlich von G’tt und dem Propheten Schmuel zurechtgewiesen. Aufgabe eines Königs im Judentum sei natürlich nicht, G’tt zu ersetzen, sondern ein Repräsentant und Vorbild zu sein. Die Lebensweise eines jüdischen Königs, so wie sie von der Tora vorgeschrieben wird, steht im starken Kontrast zum Habitus der nichtjüdischen Könige aller Epochen.

Beispielsweise untersagt die Tora einem König, ein unmoralisches Leben zu führen und sich zu sehr für materielle Reichtümer zu interessieren. Stattdessen obliegt es ihm, eine eigene Torarolle zu schreiben und stets darin zu lesen.

Die Geschichte des jüdischen Volkes zeigt, dass es fast einzig von der Einstellung des Königs abhing, ob es die Gesetze von G’tt befolgte oder gegen ihn rebellieren sollte. So kannten während der Regierungszeit von König Chiskijahu selbst Kinder die komplexesten Gesetze zu der Frage, was unrein sein kann und was nicht, während dessen Sohn, König Menasche, das jüdische Volk zum Götzendienst verleitete.

Welt Doch der wahre König aller Könige ist natürlich G’tt. Aus den Gebeten zu Rosch Haschana geht hervor, dass wir G’tt an diesem Tag zum König über die ganze Welt erklären. Im Hebräischen wird dabei zwischen Melech, also König, und Moschel, was so viel wie Herrscher oder Diktator heißt, unterschieden. Im Gegensatz zu einem Herrscher, der gegen den Willen seiner Untertanen agiert, wird ein König von seinen Untertanen gekrönt.

Laut dieser Definition kann nur der Mensch G’tt zum König verkünden. Zwar herrsche G’tt über Milliarden von Engel, die auch alle seine Befehle befolgen – doch letztendlich handelt es sich bei ihnen nur um roboterähnliche Geschöpfe ohne jeglichen freien Willen. Allein der Mensch, dem die Möglichkeiten dazu gegeben wurden, kann G’tt aus einer eigenen Entscheidung heraus zum König machen. Genau das ist auch unsere Aufgabe zu Rosch Haschana.

Die Lebensweise eines jüdischen Königs steht im starken Kontrast zu der eines nichtjüdischen.

Unser König-Untertanen-Verhältnis mit G’tt wird auch in dem Gebet »Awinu Malkenu« aufgegriffen. Dieses ist bereits im Siddur von Rabbi Amram Gaon (810–875) zu finden und basiert auf einer Erzählung im Talmud. So habe während einer Dürre in Israel Rabbi Akiwa mit den Worten »Awinu Malkenu« um Regen gefleht, und sein Gebet wurde sofort erhört.

Zwar ist G’tt ein König, und in dieser Funktion muss er auch Gerechtigkeit ausüben. Aber gleichzeitig ist er unser aller Vater. »Kinder seid ihr des Herrn, eures G’ttes« (5. Buch Mose 14,1), und daher beten wir für ein gutes, gesundes und sicheres neues Jahr – selbst wenn wir dessen nicht immer unbedingt würdig erscheinen. Im Talmud steht geschrieben, dass man sich Mühe geben soll, einen König zu sehen, und die jüdischen Weisen haben dafür sogar einen besonderen Segensspruch formuliert.

Eleganz So ähnelt das Königtum auf Erden dem himmlischen Königtum. Damit wollen uns die jüdischen Weisen zumindest eine entfernte Vorstellung dessen vermitteln, was unter dem Begriffspaar »g’ttliches Königtum« verstanden werden kann. Von all den Monarchien, die heute noch bestehen, ist die der britischen Royals mit ihrer Eleganz, Pracht und Glanz wahrscheinlich das beste Beispiel dafür, was wir in dieser Welt bekommen können.

Auch wenn die Windsors aller Wahrscheinlichkeit nach nicht von König David abstammen, so helfen sie uns doch dabei, G’tt an Rosch Haschana zum König zu krönen.

Der Autor lebt in Israel.

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