Cheschwan

Kater nach der »großen Party«

Nach den vielen Festen des Monats Tischri in der Synagoge können sich mehrere Wochen ohne jüdische Feiertage wie ein Kater anfühlen. Foto: Getty Images/iStockphoto

Wir leben in seltsamen Zeiten. Immer wieder werden wir Zeugen von gewalttätigen Manifestationen des Antisemitismus – ob von Rechtsextremisten oder von Islamisten. Und auch Corona bedroht uns weiterhin. Bei der Rückkehr ins normale Leben bleiben wir dennoch optimistisch und stark. Warum? Das Judentum ist in der Realität verwurzelt und gibt uns Kraft, um in dieser zu bestehen.

Der siebte Monat in unserem jüdischen Kalender heißt Tischri, der achte Monat Cheschwan. Im Monat Tischri gibt es eine Reihe von Festen voller Symbolik und besonderen Erfahrungen – Jom Kippur, Sukkot, Schemini Azeret und Simchat Tora. Doch im Monat Cheschwan gibt es keine Feiertage. Tischri ist spannend, aber was hat uns Cheschwan zu sagen?

Nach dem »Feiertagsmarathon«, der hinter uns liegt, fühlt es sich an, als käme man aus dem Berliner Zentrum in eine öde Wüste von wahnsinniger Aufregung bis zu völliger Leere. Alles oder nichts? Welch ein Gegensatz! Was will Haschem in diesem Herbst von uns?

Was ist wichtiger: spirituelle Höhepunkte oder unser alltägliches jüdisches Leben?

Der Frankfurter Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) geht auf diese Frage ein. Er beginnt mit einer Gegenfrage: Was ist das Wichtigste im jüdischen Leben? Die spirituellen Höhepunkte in der Synagoge oder unser tägliches jüdisches Leben, bei dem wir versuchen, eine jüdische Interpretation unserer Existenz in alles Aspekte unseres Alltags zu integrieren?

Der Monat Tischri soll eine Vorbereitung für den Cheschwan sein. In der Synagoge ist es nicht schwer, Jude zu sein und sich als Jude zu zeigen. Aber wie wird es sein, wenn wir in unsere (nichtjüdische) Umgebung zurückkehren? Werden wir treu bleiben? Wird unser Judentum nicht verwässert?

SCHABBAT Beim Judentum geht es darum, wie wir unser gewöhnliches materielles Leben auf der Erde leben. Werden wir uns anpassen oder bleiben wir jüdisch? Ich muss zugeben: Es ist nicht immer ganz einfach, denn wir Juden sind immer die Ausnahme. Man kann nie freitags zum Essen ausgehen. Zum Schabbat muss man immer pünktlich zu Hause sein.

Dies ist die Lektion des Monats Cheschwan: Wir müssen die Inspiration während der Feiertage in mehr Dienst an Haschem im Alltag umsetzen. Nachdem wir im Monat Tischri den Himmel gestürmt haben, müssen wir nun wieder an die »banale« Arbeit gehen.

TEMPEL So war es bereits in antiken Zeiten, bei jedem Besuch des Tempels, der eine himmelhochjauchzende Stimmung verursachte. Aber sobald der Hype vorbei ist, stehen wir wieder am Anfang, nicht mehr überwältigt von der großartigen Erfahrung, die wir gerade gemacht haben. Dies ist die Herausforderung für den Rest des Jahres. Wir müssen die Ekstase und die Begeisterung in den mitunter trüben Herbst mit hineinnehmen und uns vom Licht G’ttes inspirieren lassen.

Die Tora betont die fröhlichen Aspekte des Monats Tischri. Achten Sie auf die zeitliche Reihenfolge der Feste: Die Ernsthaftigkeit von Rosch Haschana und Jom Kippur führt zu einem Höhepunkt der Freude an Sukkot. Über Sukkot schreibt die Tora (4. Buch Mose 23,41): »Feiert es als ein Fest für Haschem, etwa sieben Tage im Jahr (Baschana)«.

Die Formulierung »Baschana« (»im Jahr«) lehrt uns, dass die Simcha, die Freude der sieben Tage von Sukkot, uns das ganze Jahr über beeinflussen muss. Wir sollten unser Glück, auserwählt zu sein, und unsere religiöse Verbindung mit dem Höchsten Wesen das ganze Jahr über feiern.

Wir müssen die Ekstase und die Begeisterung in den manchmal trüben Herbst hineinnehmen.

Das Schlussfest am Ende von Sukkot, das gerade hinter uns liegt, heißt Schemini Azeret. »Azeret« bedeutet eigentlich »behalten, festhalten, damit das Erreichte lange Zeit bei uns bleibt«. Gleich am Tag nach Schemini Azeret durften wir Simchat Tora feiern. Die Freude, die wir eben über unser Gesetz, die Tora, empfunden haben, muss uns immer begleiten! In unserem Herzen leuchtet das Feuer der Tora durch alle Risse hindurch. Das ist das wahre Judentum!

QUELLE Doch wie bleiben wir in ständigem Kontakt mit der Quelle des Lebens? »Macht Mich zu einem Heiligtum, damit ich in Eurer Mitte wohnen kann« – so eine frei interpretierte Stelle aus dem 2. Buch Mose. Liebe und Ehrfurcht sind G’ttes ständiger Wohnsitz, überall. Selbst unter den irdischsten Umständen, trotz aller Bedrohungen.

Die Tora hat eine bemerkenswerte Haltung gegenüber dem »Jezer Hara«, dem irdischen oder »schlechten« Trieb. Die Gelehrten interpretierten: »Und G’tt sah alles, was Er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut – ›sehr gut‹ – das ist der Jezer Hara (böse Neigung).« Dieses Zitat stammt aus Bereschit Rabba 9,7.

Der Trieb wird »schlecht« genannt, ist aber im Grunde genommen sehr gut! Diese irdische Motivation ist eine der stärksten Kräfte in der Gesellschaft und von größter Bedeutung für ihr Funktionieren. Anscheinend ist der Jezer Hara ein unverzichtbares Werkzeug im Leben des tora­treuen Juden.

Das einzige Problem ist, dass er aus rauem Material besteht, scharfe Kanten hat und wahrscheinlich mehr Schaden als Nutzen anrichten wird. Nur die Tora kann den »schlechten« Trieb kontrollieren. Denn diese irdische Tendenz will materielle Expansion, nicht religiöse. Wenn wir Tora lernen, können wir das Irdische mit dem Himmlischen verbinden. Auf diese Weise erleben wir kontinuierlich Freude.

Der Autor ist Rabbiner und lebt in Israel.

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