Mischkan

Inhalt bestimmt Form

Auch beim Bau steht zuerst die Funktion des Gebäudes fest, und dann wird darüber nachgedacht, wie die Form ihr gerecht werden kann. Foto: Thinkstock

Ein Bauleiter bereitete sich auf seinen Ruhestand vor und begann, alles zu ordnen. Da klingelte eines Morgens das Telefon, und der Chef des Bauunternehmens bat ihn in sein Büro. »Was könnte so dringend sein?«, fragte sich der Bauleiter. Im Büro des Chefs hörte er Lobeshymnen auf seine großartige Arbeit. Schließlich bat der Chef den Bauleiter um eine letzte Arbeit: den Bau eines Hauses. »Hier sind die Baupläne und Skizzen«, sagte der Bauunternehmer und erklärte, das Projekt sei derart wichtig, dass er sich dabei nur auf ihn, den Bauleiter, verlassen könne.

»In ein paar Monaten soll ich in den Ruhestand gehen«, versuchte der Bauleiter einzuwenden. »Ja, das weiß ich, aber wenn Sie die Dinge so erledigen, wie sie in den Plänen stehen, sollte die Zeit reichen.« Und er sagte noch einmal: »Nur Sie können diesen Job erledigen.«

Der Bauleiter hatte keine Lust auf diesen letzten Auftrag. Er beendete das Projekt fristgerecht, wusste aber, dass es nicht so perfekt geworden war wie frühere Projekte.

Zu seiner großen Überraschung kamen zur Bauübergabe nicht nur der Chef, sondern alle Mitarbeiter des Unternehmens. »Wir wussten nicht, was wir Ihnen zum Abschied schenken sollten«, sagte der Bauunternehmer, »also haben wir uns entschlossen, dieses Haus bauen zu lassen und es Ihnen zu schenken.«

Der Bauleiter wurde rot. Es war ihm so peinlich, denn er wusste, wie weit das Haus von seinen Standards entfernt war.

Bauplanung Paraschat Teruma ist einer der vier Wochenabschnitte, die sich mit dem Bau des Mischkans, des Stiftszelts, beschäftigen. Teruma und Tezawe berichten von der Bauplanung, Wajakhel befasst sich mit dem Bau selbst, und Pekudej geht der Frage nach, ob das Ergebnis mit dem Plan übereinstimmt.

Der Bauplan in unserem Wochenabschnitt beginnt mit der Innenausstattung. Es werden zuerst diejenigen Gefäße beschrieben, die im innersten Raum des Mischkans stehen. Im Anschluss daran geht es um die Gefäße in den Räumen ringsum, und zum Schluss wird beschrieben, wie der gesamte Bau aussieht.

»Und sie sollen Mir ein Heiligtum errichten, dass Ich unter ihnen wohne« (2. Buch Mose 25,8). Dieser Vers steht genau zwischen der Aufzählung der 15 für den Bau benötigten Materialien und der Beschreibung des Mischkans sowie seiner Geräte.

Obwohl an dieser Stelle der goldene Altar und die Kleidung des Hohepriesters nicht erwähnt werden, sind diese Verse sehr wichtig. Um ihre Bedeutung besser zu verstehen, kann ein weiterer Vers hinzugezogen werden, in dem sehr ähnliche Wörter verwendet werden. Im 2. Buch Mose 29, 45–46 lesen wir: »... und Ich will wohnen unter den Kindern Israels und will ihnen G’tt sein. Und sie sollen erkennen, dass Ich, der Ewige, ihr G’tt bin, der Ich sie aus dem Land Mizrajim geführt habe, um unter ihnen zu wohnen, Ich, ihr G’tt.«

Ibn Ezra (1089–1167) schrieb über die Wendung »und sie sollen erkennen«, dass sie nur deshalb aus Ägypten herausgeführt wurden und den Mischkan errichteten, damit der Ewige in ihrer Mitte verweilen konnte.

Talmud »Ganz so wie Ich es dir zeige, die Bauform der Wohnung und aller ihrer Geräte, so sollt ihr sie anfertigen« (25,9). Unsere Weisen legten im Talmud (Sanhedrin 16b) Folgendes aus: Wisst, Kinder Israels, dass Mein Wille in der Form des Mischkans und seiner Geräte zu sehen ist, dass davon ausgehend ihr euch seht und verhaltet. Ihr sollt mit euren Taten und eurem Verhalten heilig sein wie der Mischkan und seine Gefäße, damit Ich meine Gegenwart wirklich und wahrhaftig in eure Mitte verlegen kann.

Demzufolge sollte beim Bau des Mischkans entsprechend vorgegangen werden: von innen nach außen. Den Einfluss des Inneren auf das Äußere hat Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) auf brillante Weise dargestellt: »Der Mischkan ist für die Geräte da und nicht die Geräte für den Mischkan. Die Geräte, der Altar und alle Inhalte sind das ›Heiligtum‹, und sie sind die Dinge, die wir G’tt im materiellen Sinne widmen.«

HEbegabe Mit dem Verständnis, dass es der Inhalt ist, der die Form bestimmt, kann man zum Anfang des Wochenabschnitts zurückkehren. Dort lesen wir: »Sage den Kindern Israel, dass sie Mir eine Hebegabe (hebräisch: Teruma) bringen. Von einem jeden, dem es sein Herz geben wird, sollt ihr die Hebegabe für Mich nehmen« (25,2).

Der Gebrauch des hebräischen Verbs »lakachat« (nehmen) ist im sprachlichen Sinn an dieser Stelle nicht richtig, denn diese Formulierung lässt den Ewigen die Kinder Israels um eine Hebegabe bitten. Doch diese Gabe gibt man freiwillig, sie wird nicht verlangt. Allem Anschein nach hätte dort stehen sollen: »Und sie haben Mir eine Hebegabe gegeben.«

Anhand der Hebegabe lässt sich einiges über Wohltätigkeit lernen. Im 2. Buch Mose 22,24 lesen wir: »Wenn du einem von Meinem Volk Geld leihst, dem Armen neben dir, dann sei gegen ihn nicht wie ein Schuldherr. Ihr sollt ihm keinen Zins auferlegen.«

Dieser Vers lässt sich so verstehen, dass der Lohn der Zedaka bei demjenigen bleibt, der dem Armen das Geld gegeben hat. Doch kann das sein?

Akiva Im Talmud (Baba Batra 10a) liest man von einem Treffen Rabbi Akivas mit Tornusropus dem Bösen. Der fragte: Wenn der Ewige die Armen liebt, warum ernährt er sie dann nicht? Rabbi Akiva antwortete: Der Ewige rettet die Menschen, die Wohltätigkeit getan haben, vor dem schlechten Urteil.

Als die Kinder Israels ihre Hebegabe für den Bau des Mischkans ablieferten, war dies nicht das letzte Mal, dass sie eine Teruma gaben. Die Wohltätigkeit begleitete sie ihr ganzes Leben lang und sogar über ihren Tod hinaus für die nachfolgenden Generationen.

Es verhält sich also ähnlich wie in der Geschichte vom Bauleiter. Er wollte diesen letzten Job nicht mehr machen, deshalb baute er zwar das Gebäude, doch er tat es mit geringerem Einsatz und weniger gutem Material. Hätte er gewusst, für wen er baut, hätte er ganz bestimmt mehr auf den Inhalt geachtet und sich stärker ins Zeug gelegt.

Der Autor ist Student am Rabbinerseminar zu Berlin und Leiter des Cheder-Programms der Gemeinde Kahal Adass Jisroel.

Inhalt
Im Wochenabschnitt Teruma fordert der Ewige die Kinder Israels auf, für das Stiftszelt zu spenden. Die Parascha enthält genaue Anweisungen zum Bau der Bundeslade, des Tisches im Stiftszelt, des Zeltes selbst und der Menora. Den Abschluss bilden Anweisungen für die Wand, die das Stiftszelt umgeben soll, um das Heilige vom Profanen zu trennen.
2. Buch Mose 25,1 – 27,19

Aleeza Ben Shalom

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