Schawuot

Getrennt gemeinsam

Solidarität mit den von Corona am schwersten betroffenen Diaspora-Gemeinden: Projektion am 12. Mai auf der Jerusalemer Altstadtmauer Foto: Jeremy Sharon

Schon ist der nächste Feiertag da: Schawuot, das Wochenfest. Doch Corona wirft nach wie vor lange Schatten und droht, auch an diesem Fest einen großen Teil der besonderen Atmosphäre zu verdecken.

Den Sederabend verbrachten wir nur mit der sogenannten Kernfamilie. Obwohl die Regeln etwas gelockert wurden, können wir auch das Schawuotfest nicht so begehen, wie wir es gewohnt sind. Viele müssen ohne Freunde und Verwandte feiern, auch Versammlungen in den Gemeinden und Synagogen werden nur sehr begrenzt und unter strengen Auflagen möglich sein. Und Juden in Israel und der Diaspora sind nach wie vor durch Flugstreichungen und Einreiseverbote getrennt.

ATMOSPHÄRE Und dabei ist gerade Schawuot ein Fest, das normalerweise von einer besonders gemeinschaftlichen Atmosphäre getragen, ja, beflügelt wird. In den Synagogen wird gemeinsam die Nacht hindurch gelernt, gesungen, gelacht und diskutiert, um dann im Morgengrauen oder am folgenden Vormittag im gemeinsamen G’ttesdienst die Zehn Gebote erneut empfangen zu können.

An Schawuot feiern wir den besonderen Zusammenhalt, den das Volk Israel am Berg Sinai demons­trierte.

Feiern wir doch mit diesem Fest den besonderen Zusammenhalt, den das Volk Israel am Berg Sinai demons­trierte. »Und Israel lagerte (im Singular) am Fuße des Berges« (2. Buch Mose 19,2) – und wie Raschi dazu bemerkt: »wie ein Mensch mit einem Herzen«.

Das ist der Zusammenhalt, welcher für die Gabe der Tora eine wesentliche Voraussetzung war. Am Berg Sinai wurden uns von Engeln jeweils zwei Kronen aufgesetzt (Babylonischer Talmud Schabbat 88a), und nun soll uns stattdessen an Schawuot wieder nur die Corona aufgedrückt werden?

SOLIDARITÄT Mit diesen Gedanken beschäftigt, kamen mir Eindrücke der vergangenen Woche in den Sinn. Es sind Bilder zahlreicher Zeichen und Bezeugungen der Solidarität, von denen die sozialen Medien überquellen.

Mir kam der Clip in den Sinn, den die Familien unserer Gemeinde in Karmiel als Bekundung der Solidarität mit den Diasporagemeinden zusammengestellt haben, um zu zeigen, dass nicht nur die Diaspora zu Israel hält, sondern Israel auch zur Diaspora – und an diejenigen denkt, die in Not sind.

Die Aktion einer landesweiten Rabbinerorganisation, die ihre Gemeinden zu einer Spendenaktion zugunsten bedürftiger Familien und Gemeinden in Italien aufrief, wurde mir gegenwärtig, ebenso die Projektion der Flaggen von besonders betroffenen Ländern – darunter Italien, Spanien, Frankreich und England –, auf der Jerusalemer Altstadtmauer. Einzelpersonen und Institutionen vielerorts haben sich rührend um die Angehörigen der Risikogruppe gekümmert. Sozusagen aus der Not ist ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit geboren.

Gerade Schawuot ist von einer gemeinschaftlichen Atmosphäre getragen.

Dies sind nur einige von zahllosen Beispielen, die deutlich machen: Trotz der gegenwärtigen Krise, trotz physischer Dis­tanz können wir miteinander verbunden sein.

ZUSAMMENHALT Und genau das macht Schawuot aus: Zusammen mit Pessach ist dies ein besonderes Fest, das dem jüdischen Volk trotz Jahrtausenden der physischen Trennung, der Distanz, der Zerstreuung in alle Welt, einen unerschütterlichen Zusammenhalt gab und gibt: Es ist die Volkswerdung unter G’ttes wunderbarer Leitung beim Auszug aus Ägypten und die Übergabe der Tora – das geistige Vermächtnis, welches uns seither prägt und uns Selbstbewusstsein und Identifikation gibt, über alle lokalen und zeitlichen Grenzen hinaus.

Das ist es, was uns zu einer großen Schicksals- und Wertegemeinschaft werden ließ und ein festes Band der Solidarität hervorbrachte, das allen historischen Widrigkeiten trotzte und heute stärker denn je in die Welt hinausruft: Am Israel chai!

Wer es fertigbrachte, diesen Gedanken vom ideellen Ansatz zur festen identitätserhaltenden Praxis werden zu lassen, waren die Männer der Großen Synode der Knesset Hagadol. Sie lebten in einer schwierigen und für das jüdische Volk existenzbedrohenden Zeit.

ZERSTÖRUNG Es war die Zeit der Zerstörung des Ersten Tempels vor circa 2500 Jahren; das Volk wurde nach fast 1000 Jahren in Israel zum ersten Mal vollkommen im Exil zerstreut.

Eigentlich hätte dies das Ende des Judentums bedeuten müssen, hätten nicht diese großen Gestalten eine wesentliche Transformation vom Volk gefordert: Anstatt sich beim G’ttesdienst im Tempel von Priestern und Leviten vertreten zu lassen, musste nun jeder einzelne Jude, egal, wo er sich auf der Welt befand, dreimal täglich beten.

Wir werden Schawuot nicht so begehen, wie wir es gewohnt sind. Das ist zweifellos schade und enttäuschend.

Anstatt die Worte G’ttes vom Propheten zu vernehmen, wenn man sich zu den Wallfahrtsfesten in Jerusalem einfand, musste nun jeder selbst die Worte G’ttes erforschen, die Tora beim Gelehrten vor Ort studieren. So ist es bis heute: Auch wenn wir auf der Welt zerstreut sind, werden wir nicht unsere Verbindung zueinander und zu den Grundfesten unserer spirituellen Identität verlieren. Diese Anordnungen haben uns wieder zusammengeführt und aus jedem Exil zurückgebracht!

TORA Wir werden Schawuot nicht so begehen, wie wir es gewohnt sind. Das ist zweifellos schade und enttäuschend. Aber solange wir uns auch an diesem Fest, jeder nach seiner Möglichkeit, mit der Tora befassen und uns auf deren Gabe nach Kräften vorbereiten, sind wir tief im Inneren in Wirklichkeit vereint – auch wenn wir voneinander getrennt sind, uns vielleicht nicht einmal kennen und nichts voneinander wissen.

Denn: Unsere Seelen waren alle am Berg Sinai … gemeinsam.

Der Autor ist designierter Oberrabbiner der IKG Wien.

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