Interview

Fünf Minuten mit…

Chief-Chaplain Col. Jacob Goldstein Foto: DDK

Herr Rabbiner, Sie haben Rosch Haschana und Jom Kippur auf der US-Militärbasis in Grafenwöhr (Bayern) verbracht. Wie muss man sich die Feiertage dort vorstellen?
Wir haben Minjanim und begehen die Feiertage, wie es sich gehört. Die US-Armee sorgt für Soldaten aller Glaubensrichtungen. Sie respektiert die Religionen wie keine andere Armee dieser Welt. Für Juden gibt es zu Rosch Haschana Wein, Challa, Äpfel und Honig. Wie in Grafenwöhr ha-
ben wir Räume für unsere Gottesdienste. An anderen Standorten treffen wir uns in Zelten zum Gebet.

Wo feiern Sie Sukkot?
Diesmal nicht unterwegs, sondern zu Hause in Brooklyn/New York. Aber normalerweise bin ich auch an den Feiertagen unterwegs.

Haben Sie dann stets die für die Feiertage notwendigen Utensilien dabei?
Ja klar. Manches ist schon vor Ort, wie zum Beispiel Torarollen, die gibt es sogar bei unseren Truppen in Afghanistan und im Irak. Andere wichtige Dinge werden herbeigeschafft. Die Armee sorgt dafür, wenn wir zum Beispiel Lulav und Etrog zu Sukkot oder bestimmtes Material für die Laubhütte brauchen.

Sie haben während ihrer 33-jährigen Dienstzeit bestimmt ganz besondere Laubhüttenfeste erlebt, oder?
Ja, eines zum Beispiel am Ground Zero. Ich war unmittelbar nach den Terroranschlägen in New York, habe dann viereinhalb Monate lang die Bergungsarbeiten begleitet, im Dienst der Armee. Und in dieser Zeit hatten wir auch eine Laubhütte vor Ort. Ich habe schon viele Feiertage in Kriegsgebieten verbracht – zum Beispiel Pessach in Afghanistan –, aber Sukkot am Ground Zero war besonders schwer. Unvergesslich war auch das Laubhüttenfest 2003: Damals habe ich für die Soldaten, die aus dem Irak über die Feiertage nicht nach Hause konnten, eine wunderschöne Sukka im Palast von Saddam Hussein, mitten in Bagdad, aufgebaut.

Was ist ihre Aufgabe als Chief Chaplain?
Ich bin sozusagen der kommandierende Geistliche der US-Army, der Beauftragte für den jüdischen Glauben. Die Armee lehrt dich nicht die Religion, sie bringt dir bei, ein guter Soldat zu werden. Aber das Spirituelle ist dabei eben auch sehr wichtig. Ich gehöre einer Unterstützungseinheit an, unser Hauptquartier ist in Fort Buchanan, Puerto Rico, in der Karibik. Von dort aus kümmere ich mich um alle jüdisch-religiösen Fragen, auch um die koschere Versorgung. Wir haben zum Beispiel für unsere kämpfende Truppe 16 verschiedene koschere Mahlzeiten für unterwegs zusammengestellt.

Wie viele jüdische Soldaten gehören der US-Army an?
Kann ich nicht sagen. Zahlen sind ein operatives Geheimnis, darüber sprechen wir nicht.

Was führte Sie jetzt nach Berlin?
Ich bin nur für einen kurzen eintägigen Besuch gekommen. Zum einen wollte ich die Stadt wiedersehen, denn ich war schon 1989 hier, als die Mauer fiel. Und dann bin ich mit Rabbiner Yehuda Teichtal verwandt. Ich wollte mir die Arbeit des Jüdischen Bildungszentrums anschauen. Es ist unglaublich, was hier aufgebaut wurde. Wir haben über jüdische Bildungsprogramme gesprochen, die wir in Kooperation mit Chabad für unsere Soldaten hier in Deutschland einrichten können.

Mit dem Chief-Chaplain der US-Armee sprach Detlef David Kauschke.

Video

Pessach verstehen: Bedeutung, Bräuche und Traditionen

Rabbiner Dovid Gernetz erläutert die religiöse und historische Bedeutung von Pessach

von Jan Feldmann  01.04.2026

Chol HaMoed

Warum der Esel?

Das Grautier steht in der biblischen Geschichte für die Kraft, die den Menschen an seine niederen körperlichen Bedürfnisse bindet

von Vyacheslav Dobrovych  01.04.2026

Schemini

Fremdes Feuer

Wer mehr tut als geboten, läuft Gefahr, dass Frömmigkeit zur Selbstdarstellung wird

von Rabbiner Bryan Weisz  01.04.2026

Meinung

Hauptsache, Israel steht am Pranger!

Palmsonntag in Jerusalem und auf Social Media: Ein Rückblick

von Wolf J. Reuter  01.04.2026

Mascha Malburg

Jerusalem ist allen heilig

Regelmäßig knirscht es vor Ostern zwischen Christen und den israelischen Behörden. Unsere Redakteurin wünscht sich nach dem neuesten Vorfall an der Grabeskirche mehr gegenseitiges Verständnis

von Mascha Malburg  31.03.2026

Psychologie

Mizrajim ist wie die Enge in der Brust

Aus chassidischer Sicht geht es an Pessach nicht darum, der Bitterkeit schnellstmöglich zu entfliehen. Wir müssen sie durchleben

von Rabbiner David Kraus  31.03.2026

Exodus

Türen öffnen, Freiheiten erobern

Der Auszug aus Ägypten ist ein Appell, den Mut zu haben, uns der Welt zuzuwenden – auch wenn sie noch so bedrohlich erscheint

von Shoshana Ruerup  31.03.2026

Essay

Das fünfte Glas

Beim Seder füllen wir voller Hoffnung einen Becher Wein für Elijahu – doch er bleibt unberührt. Es ist eine Geduldsprobe, ein ritualisiertes Sehnen. Wir wissen: Seine Zeit wird kommen

von Rabbiner Noam Hertig  31.03.2026

Talmudisches

Der jüdische Sindbad

Wenn Wale zu Inseln werden: Was unsere Weisen über die Abenteuer des Rabba bar bar Hana erzählen

von Detlef David Kauschke  29.03.2026