Rabbi Mosche Schreiber, bekannt als der Chatam Sofer (1762–1839), war einer der beliebtesten Rabbiner der jüdischen Geschichte. Sein Einfluss beruhte nicht nur auf der Autorität seiner halachischen Entscheidungen, sondern auch auf seiner tiefen Fürsorge für die Menschen. In einer Zeit großer Veränderungen kämpfte er entschieden für die Bewahrung des traditionellen Judentums – und tat dies mit großer Hingabe und persönlicher Demut.
Ein Rabbiner trägt eine große Verantwortung: Er muss eine Gemeinde führen, lehren und Orientierung geben. Dennoch war der Chatam Sofer in seiner Gemeinde außergewöhnlich beliebt. Ein Schlüssel dafür liegt in den Worten, die er am Ende seines Lebens an seine Söhne und seine Gemeinde richtete. Darin offenbarte er einige der Prinzipien, die sein Leben und sein Wirken geprägt hatten.
Wenn bei einem Rabbiner Stolz ins Spiel kommt, wird sein Auftrag verfälscht
Er warnte seine Söhne eindringlich davor, Arroganz zu zeigen, falls sie eines Tages eine Führungsrolle im jüdischen Volk übernehmen sollten. Zwar betonte er die große Bedeutung, die Tora zu lehren und zu verbreiten, doch bestand er darauf, dass dies ausschließlich um des Himmels willen geschehen dürfe – als Dienst an Haschem und nicht zur eigenen Verherrlichung. Für ihn war das Lehren der Tora ein heiliger Auftrag. Sobald persönliche Motive, Stolz oder Selbstdarstellung ins Spiel kommen, wird dieser Auftrag verfälscht.
In diesem Zusammenhang verweist die Tora auf eine der schwierigsten Episoden: die Geschichte der Söhne Aharons, Nadav und Avihu. Während der feierlichen Einweihung des Mischkan, nachdem ein g’ttliches Feuer die Opfer verzehrt hatte und das ganze Volk in Ehrfurcht niedergefallen war, brachten sie ein »fremdes Feuer« dar – ein Opfer, das ihnen nicht geboten worden war. In diesem Moment ihrer religiösen Begeisterung wurden sie von einem Feuer aus dem Himmel verzehrt.
Worin bestand ihr Fehler? Sie wollten offenbar mehr tun, als ihnen geboten war. Doch genau darin liegt die entscheidende Lehre. Im zwischenmenschlichen Bereich ist es ein Ideal, über das Mindestmaß hinauszugehen. Man soll nicht nur tun, was recht ist, sondern auch das, was gut ist – man soll die »extra Meile« gehen, um anderen zu helfen.
Doch im Verhältnis zwischen Mensch und G’tt ist die Situation anders. Dort besteht die Aufgabe darin, die Gebote genau so zu erfüllen, wie sie gegeben wurden – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Beim Bau des Heiligtums wird immer wieder betont, dass Mosche alles genauso tat, wie es ihm geboten worden war. Diese Präzision ist Teil der spirituellen Ordnung.
Manchmal wird Frömmigkeit zu einem Wettbewerb
Wenn Menschen beginnen, mehr zu tun als geboten ist, kann daraus religiöser Übereifer entstehen. Manchmal wird Frömmigkeit dann zu einem Wettbewerb – zu einem Mittel, um zu zeigen, dass man besonders religiös oder besonders hingebungsvoll ist. In solchen Fällen besteht die Gefahr, dass religiöse Handlungen zu einer Form der Selbstdarstellung werden.
Gerade wenn Mizwot, die eigentlich eine private Beziehung zwischen Mensch und Schöpfer betreffen, öffentlich zur Schau gestellt werden, kann ihr Sinn verloren gehen. Was ursprünglich ein Ausdruck von Hingabe sein sollte, wird dann zu einem Mittel persönlicher Erhöhung. Im Extremfall kann dies sogar eine Verzerrung des g’ttlichen Willens darstellen – eine Art »fremdes Feuer«.
Wer die Tora benutzt, um Überlegenheit zu demonstrieren, verdunkelt ihr Licht
Die Tora wurde nicht gegeben, um menschliches Leben zu verdrängen oder Menschen gegeneinander auszuspielen. Sie wurde gegeben, um das Leben zu heiligen. Wer die Tora benutzt, um Überlegenheit zu demonstrieren oder andere herabzusetzen, verdunkelt ihr Licht.
Der Chatam Sofer verstand die Weitergabe der Tora deshalb als etwas zutiefst Heiliges. Die Tora wurde dem jüdischen Volk am Sinai von Haschem gegeben – als g’ttliche Orientierung für das Leben. Wer sie weitergibt, muss dies mit Liebe, Verantwortung und vor allem mit Demut tun.
Gerade diese Demut war die »geheime Waffe« des Chatam Sofer. Sie erklärte, warum er nicht nur als großer Gelehrter, sondern auch als geliebter Führer seiner Gemeinde in Erinnerung geblieben ist. Für ihn war klar: Die Tora ist g’ttliches Licht – kein Werkzeug für das Ego. Nur wenn sie mit aufrichtiger Absicht weitergegeben wird, kann dieses Licht auch wirklich leuchten.
Der Autor ist Rabbiner in London.
inhalt
Der Wochenabschnitt Schemini schildert zunächst die Amtseinführung Aharons und seiner Söhne Nadav und Avihu als Kohanim (Priester) sowie ihr erstes Opfer. Dann folgt die Vorschrift, dass die Priester, die den Dienst verrichten, weder Wein noch andere berauschende Getränke trinken dürfen. Der Abschnitt listet auf, welche Tiere koscher sind und welche nicht, und er erklärt, wie mit der Verunreinigung durch tote Tiere umzugehen ist.
3. Buch Mose 9,1 – 11,47