Bamidbar

Erkennungszeichen

Der mittelalterliche Kommentator Raschi stellte sich unter den Bannern Flaggen vor. Foto: Getty Images

Bamidbar

Erkennungszeichen

Was es mit den Bannern der zwölf Stämme Israels auf sich hat

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  03.06.2022 13:59 Uhr

Im Wochenabschnitt Bamidbar lesen wir von Gottes Befehl, Mosche solle die genaue Zahl der Israeliten ermitteln, bevor das Volk ins verheißene Land einzieht. Anschließend wird von der Ordnung der Stämme im Lager Israels berichtet.

Das Zentrum des Wüstenlagers bildet die Stiftshütte, in der die Opfer dargebracht und der Kult zelebriert wird. Um das Heiligtum herum werden die zwölf Stämme zu je drei Gruppen gelagert. Der Stamm Levi lagert sich im innersten Ring, direkt um das Heiligtum, weil er für den Dienst an der Stiftshütte und für ihren Transport durch die Wüste verantwortlich ist. Die zwölf Stämme lagern sich, auf die vier Himmelsrichtungen verteilt, in einem äußeren Ring um die Leviten und das Heiligtum.

STIFTSHÜTTE Unübersehbar waren im Lager der Israeliten die Banner der Stämme. Im 4. Buch Mose 2,2 heißt es: »Die Israeliten sollen sich um die Stiftshütte lagern, ein jeder bei seinem Banner und Zeichen, nach ihren Sippen.« Sie sind das besondere Erkennungszeichen jedes Stammes und erfüllen während der Reise durch die Wüste eine wichtige Funktion. Sie geben jedem aus dem Volk Auskunft, wo sich welcher Stamm aktuell befindet.

Raschi (1040–1105) stellt sich unter diesen Bannern Flaggen vor, die insgesamt einer gefärbten geografischen Karte gleichen. Die Farben der zwölf Banner sollen sich deutlich unterscheiden und finden sich auf der Brustplatte der Priesterkleidung wieder.

Die Bedeutung der Banner scheint ohne Weiteres ersichtlich zu sein. Doch nach dem Verständnis der Tora haben sie einen tieferen Sinn. In einem Midrasch geben unsere Weisen Auskunft darüber, woher die Idee der Banner stammt. Ihre Erklärung lautet: Als Gott sich auf dem Berg Sinai offenbarte, begleiteten ihn 22.000 Engel, die wie in Fahnen gekleidet waren. Bei ihrem Anblick äußerten die Kinder Israels den Wunsch, auch in den Besitz von Bannern zu kommen (Midrasch Raba 2, 2–4).

engel Rabbi Jerucham führt dazu aus: Die Israeliten haben erkannt, dass jeder Engel seine besondere Fahne trug. Diese Äußerlichkeit erschließt eine tiefere Bedeutung. Es gibt keinen Engel, der sich in die Arbeit seines Kollegen einmischt, und keinen, der mit zwei Missionen betraut wird. Jeder Engel erfüllt seine unverwechselbare Rolle in Gottes Plan.

Der Ramchal, Rabbi Mosche Chaim Luzzatto (1707–1746), schreibt in seinem Buch Messilat Jescharim über die Eigenschaft der Eifersucht. Er stellt fest, dass alle Engel ihre Dienste in Gelassenheit und Frieden versehen, ohne eifersüchtig zu sein. Sie sind froh über den Platz und den Anteil, den sie in Gottes Plan mit der Welt innehaben.

Vom Funktionieren dieser Dienstgemeinschaft der Engel haben sich die Kinder Israels inspirieren lassen. Den Engeln entsprechend sollte jeder Stamm seine spezielle Aufgabe bekommen und sich bei ihrer Erfüllung nicht in die der anderen Stämme einmischen. So würden sie sich im kultischen Dienst ergänzen. Schon der Erzvater Jakow segnet jeden seiner zwölf Söhne gemäß seines Charakters mit einem besonderen Segen.
Und so markieren die Banner im Lager Israels die je eigene Rolle und Bedeutung der Stämme. Jeder von ihnen ist mit der Verteidigung seiner Umgebung beauftragt.

Botschaft Bei Nachmanides, dem Ramban (1194–1270), lesen wir dazu eine interessante Auslegung als Botschaft für unser Leben. Oft erlebt ein Mensch, der um seinen spirituellen Fortschritt bemüht ist, Misserfolge, Rückschläge und landet in Sackgassen. Er stößt an seine Grenzen.

Die Banner mit ihrer besonderen Ordnung lehren uns, ein realistisches Bild von uns selbst zu gewinnen. Jeder aus dem Volk Israel hatte natürlich ein Interesse daran, so nah wie möglich an der Stiftshütte zu lagern, um den Glanz der Schechina intensiv zu erleben. Hier greifen die Anweisungen der Tora. Sie führt ein abgestuftes System der Nähe zum Heiligtum ein.

Nicht jeder aus dem Volk bekommt die Erlaubnis, sich in seiner unmittelbaren Umgebung zu lagern. Dieses Recht erhält allein der Stamm Levi von Gott, weil er mit höherer Spiritualität ausgestattet ist als alle anderen Stämme. So gab es schon am Horeb Begrenzungen. Dem Volk war es nicht erlaubt, sich am Fuß des Berges aufzuhalten, als Gott sich dort offenbarte.

SCHEIDEWAND Bei Raschi lesen wir sogar, dass Gott zu Mosche, Aharon und den Priestern sprach: Sie sollen für jeden von sich eine Scheidewand herstellen, weil jeder seine eigene, spezielle Funktion hat und dem anderen nicht ins Gehege kommen soll.

Das Volk Israel muss Gottes Gebote unterschiedslos einhalten – der oberste Repräsentant genauso wie der einfache Mann aus dem Volk. Doch im kultischen Dienst vor dem Ewigen gilt, dass jeder Mensch eine andere Bestimmung hat. Es gehört zur alltäglichen Erfahrung, dass es Menschen gibt, die ausdauernd lernen und beten können, andere wiederum nicht in der Lage sind, sich nur wenige Minuten auf einen Text zu konzentrieren oder Probleme haben, ihn überhaupt zu verstehen.

Unser Abschnitt lässt uns erkennen, dass nach der Offenbarung der Tora das Volk sich um die Stiftshütte sammelt und dabei jeder seinen bestimmten Platz einnimmt. Daraus lernen wir: Jeder Mensch hat das Recht, die Tora mit ihren Mizwot zu erfüllen. Dabei muss er seinen ihm bestimmten Platz im Leben finden und nach seinen besonderen Talenten und Möglichkeiten handeln. Es kann nie darum gehen, die Kopie eines anderen Menschen zu werden.

KLAGELIEDER Der Prophet Jeremia beschreibt in seinen Klageliedern die Lebensverhältnisse in der Stadt Jerusalem nach ihrer Verwüstung. Daraus resultiert das grausame Verhalten der Tochter Zion gegenüber ihren Kindern, das Jeremia mit dem des unbarmherzigen Strauß’ vergleicht. Ihm wird nachgesagt, dass er seine hungrige Brut wahllos mit Nahrung versorgt. Dazu gehören auch Glas, Steine und Metall, die man in seinem Magen gefunden hat. Der sprichwörtlich dumme Strauß verfügt offenbar über keine Kenntnis, welche Nahrung seinen Jungen bekömmlich ist. Er geht davon aus, dass die Aufnahme von Abfällen seiner Brut genauso möglich ist wie ihm selbst.

Das Verhalten des unvernünftigen Strauß soll uns helfen, unsere spirituelle Situation richtig einzuschätzen. Wir sind alle aufgerufen, die Nähe zu Gott zu suchen. Aber wir sollen es in den uns angemessenen Schritten tun, mit Verstand und ohne nach rechts und links zu schielen, wie weit es etwa ein anderer schon gebracht hat. Also: langsam und sicher.

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

inhalt
Am Anfang des Wochenabschnitts Bamidbar steht die Zählung aller wehrfähigen Männer, mit Ausnahme der Leviten. Sie sind vom Militärdienst befreit und nehmen die Stelle der Erstgeborenen Israels ein. Ihnen wird der Dienst im Stiftszelt übertragen. Bei ihnen soll von nun an jeder Erstgeborene ausgelöst werden. Zudem wird geregelt, welche Familien für den Auf- und Abbau des Stiftszelts verantwortlich sind.
4. Buch Mose 1,1 – 4,20

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