Schabbat

Digital Detox

Hinter Schloss und Riegel: Experten raten zu Zeiten ohne Smartphone. Foto: Marco Limberg

Die »Süddeutsche Zeitung« hat vor einiger Zeit »Sieben Tipps zur digitalen Entgiftung« veröffentlicht. Auch andere Medien geben Ratschläge für »Digital Detox«.

Und in einer Information der Techniker Krankenkasse heißt es zur übermäßigen Nutzung des Smartphones: »Vor seiner Erfindung im Jahr 2006 haben wir es nicht vermisst. Heute können wir nicht ohne. Ärzte warnen vor Dauerstress, Konzentrations- und Schlafstörungen sowie sozialer Isolation.« Tatsächlich sei aus der Forschung bekannt, wie wichtig Erholungspausen für Körper, Geist und Seele sind. Experten raten zu smartphonefreien Zeiten.

experten Immer wieder, wenn ich diese Expertentipps lese, kommt mir unser uraltes und dennoch hochaktuelles Rezept für digitales Detox in den Sinn: Schabbat, unser jüdischer Feiertag. Einmal die Woche.

Hey, Rabbiner, das ist nun wirklich nicht originell, werden einige einwenden. Und vielleicht haben sie ja recht.

Hey, Rabbiner, das ist nun wirklich nicht originell, werden einige einwenden. Und vielleicht haben sie ja recht.

Möglich, dass sie stattdessen Arianna Huffington überzeugt, die als Gründerin der Online-Zeitung »The Huffington Post« weltweit bekannt wurde. Die amerikanische Autorin und Journalistin schreibt jetzt über »Schabbat: einen Tag der Ruhe«. Huffington argumentiert, dass die Behauptung, Burn-out gehöre irgendwie zu Karriere und beruflichem Erfolg dazu, eine allgemein verbreitete falsche Annahme ist. Die Überforderung mache schon Schülern und Studenten zu schaffen. Sie stellt fest, dass wir von etwas beherrscht werden, das eigentlich von uns beherrscht werden sollte: von unseren digitalen Helfern, den Handys, Laptops und Tablets.

technikfeindlichkeit In einem Interview mit dem »Jewish Journal« machte Huffington deutlich, dass es ihr keinesfalls um Technikfeindlichkeit gehe, sondern vielmehr darum, die Vorteile der Technologie zu maximieren, um dadurch unsere Leistung und unser Wohlbefinden zu erhöhen.

In diesem Zusammenhang sei sie auf den Schabbat gestoßen: »Sich Zeit zu nehmen, sich von der Arbeit zu trennen, um sich mit seinen Lieben zu verbinden und auf das zu konzentrieren, was uns Wert und Sinn in unserem Leben gibt«, sei von zentraler Bedeutung. Es sei sinnvoll, »die Chance zu ergreifen, die Bewegung zu verstärken, um die lebenswichtigen Botschaften des Schabbats zu verbreiten«.

Ich kenne Arianna Huffington nicht. Ich habe nur davon gelesen – und war beeindruckt. Huffington ist nicht jüdisch. Dennoch verbreitet sie derlei Botschaften auf ihrer Webseite »thriveglobal.com«. Kürzlich sprach sie bei einer Technologiekonferenz der Hebräischen Universität in Jerusalem über das Thema. Auch wenn ich weiß, dass es so oder ähnlich in unseren Schriften formuliert ist, gibt mir dieses Plädoyer für den Schabbat zu denken.

Erholungspausen sind für Körper, Geist und Seele wichtig.

Keine Frage, an Wochentagen habe auch ich das Handy dabei und nutze es fast ohne Unterbrechung. In den sogenannten sozialen Medien bin ich zwar weniger häufig aktiv, erkenne jedoch klar deren Vorteile. Aber auch die Nachteile.

depressionen Und ich teile die Einschätzung von Huffington und anderen, dass die Technologie uns ständig in Versuchung führt, ihr übermäßiger Gebrauch uns unglücklicher und anfälliger für Angstzustände und sogar Depressionen macht. Auch, dass die vermeintlich sozialen Medien zu einer Verrohung, Radikalisierung und Polarisierung der Gesellschaft beigetragen haben, ist eine allseits anerkannte Tatsache.

Und dennoch: Ich kann mich auch mit Freunden und Gemeindemitgliedern verbinden, erfahre Neues und Wichtiges von Menschen, die mir wichtig sind, kommuniziere und tausche weltweit Gedanken aus, ich kann Tora lernen und vieles mehr.

Aber die Welt ist – noch – nicht perfekt. Aus Israel treffen wieder Meldungen über Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen ein. In Deutschland erreichen mich Nachrichten über Hass und Antisemitismus. Es ist wichtig, darüber informiert zu sein. Kol Israel arewim ze lezeh. Wir feiern gemeinsam, wir trauern gemeinsam, wir fühlen die Freude und den Schmerz des anderen, wir treten für Brüder und Schwestern in Israel ein und müssen uns auch gegen Judenhass verbinden.

Ist es nicht wunderbar, dass wir einen Tag in der Woche haben, an dem wir uns so fühlen können, als wären wir in einer besseren Welt?

Aber ist es nicht wunderbar, dass wir einen Tag in der Woche haben, an dem uns solche Nachrichten nicht erreichen? An dem wir uns so fühlen können, als wären wir in einer besseren Welt?

shabbat project Beim »Shabbat Project 2019« haben sich am vergangenen Wochenende wieder Juden in aller Welt in der Magie des Schabbats vereint: beim Challe-Event (mit Zumba!) in Quito, Ecuador, einem »Shabassanah«-Yoga-Retreat in Rockland County in den USA oder einem Gourmet-Schabbat-Lunch im australischen Saint Ives. Auch in Deutschland gab es verschiedene Projekte. Diese Aktion ist jetzt vorüber, doch es liegt in unserer Hand, uns immer wieder die Zeit zu nehmen, Schabbat zu halten, ihn mit Familie und Freunden ganz privat zu genießen.

Und vergessen Sie nicht, Ihr Handy auszuschalten. Einen ganzen Tag lang. Danach können Sie mich anrufen und mir erzählen, wie es war. Oder Sie schicken mir eine SMS. Ich wünsche Ihnen: Schabbat Schalom!

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland.

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