Symbol

Auf und ab

Nach oben: An vielen Stellen im Tanach ist der Aufstieg eine Metapher für das spirituelle Wachsen. Foto: imago

Der Wochenabschnitt Wajeze beginnt mit einem Traum: »So zog Jakow fort von Beer Sheva und ging nach Charan. Da stieß er auf einen Ort und übernachtete dort, weil die Sonne untergegangen war, nahm einen von den Steinen des Ortes, stellte ihn sich zu Häupten auf und legte sich an dieser Stätte nieder. Da träumte ihm: Siehe da, eine Leiter stand auf der Erde, und ihre Spitze reicht gen Himmel, und siehe da, Engel G’ttes stiegen auf ihr auf und nieder« (1. Buch Moses 28, 10–12).

Jakow befindet sich zu diesem Zeitpunkt auf der Flucht. Er ist vor seinem Bruder Esaw ausgerissen, weil er sich vor dessen Rache ängstigt. Nach der Interpretation des Ramban sagen unsere Weisen: »Maase awot siman le banim – die Taten der Vorväter sind Zeichen für die Kinder«.

Jakow symbolisiert mit seinem Auszug aus seiner Heimat Beer Sheva den Beginn der Diaspora, der Verstreuung. Jakow, unser Stammesvater, liefert mit seinen Taten das Manuskript, den Mikrofilm für die Zukunft des Volkes Israel.

Eine Erklärung für die Engel in Jakows Traum finden wir im Midrasch Tanchuma. Dort sagt Rabbi Schmuel: Die Engel waren die Fürsten, Vertreter der Völker der Welt. Mit ihnen verbunden sind die verschiedenen Kulturepochen, deren Aufkommen und Verschwinden gezeigt wird. Jakow verstand aus dieser Traumszene, dass jeder Aufstieg dieser Völker in gewisser Weise begrenzt war. Auch uns ist die Geschichte der anderen Völker bekannt: Großen Aufstiegen folgten Abstiege.

Jakow wird angst wegen dieses Traums, denn es würde doch dann auch sein Volk bedroht sein. In der folgenden Traumphase beruhigt ihn G’tt: »Siehe, ich bin mit dir, ich werde dich überall behüten ... ich werde dich nicht verlassen, bis ich getan, was ich dir zugesagt habe« (28,15). Aus dieser Aussage schließen unsere Weisen: Nicht nur Jakow als Person ist gemeint, sondern das gesamte Volk Israel, jetzt und in Zukunft.

Lernen Interessant ist auch die Stellung der Leiter. Sie steht auf dem Erdboden und ist zum Himmel hin ausgerichtet. Wenn der Mensch beide Pflichten erfüllt, sowohl die materiellen (Erde) als auch die spirituellen (Himmel), wird das Volk ewig bestehen. Auch Rambam sieht in dem Symbol der Leiter eine Verbindung zwischen Erde und Himmel, Materie und G’tt, aber er verbindet dies nicht mit der Zukunft. Er unterstreicht, dass der Aufstieg zuerst genannt ist. Er ist gleichzusetzen mit dem Verständnis. Durch ständiges Lernen, Forschen und den Versuch zu verstehen, selbstverständlich auch G’tt zu verstehen, ist das unser Aufstieg.

Abstieg ist für Rambam kein negativ besetzter Begriff. Er interpretiert ihn als eine Form der Bereicherung für unsere Gesellschaft. Mit den vom Aufstieg erhaltenen Erkenntnissen werden diese zur Gesellschaft, zu jedem Einzelnen, zurückgebracht, integriert und angewandt. Es ist ein Zyklus von Forschung und Anwendung. Rambam verstand Jakows Traum als eine Lektion, wie der Mensch am einfachsten zur Erkenntnis G’ttes gelangt.

Auch Rabbi Chaim von Woloschyn hat über Jakows Traum nachgedacht. In seinem Buch Nefesch ha Chajim schreibt er, die auf- und absteigenden Engel seien in jedem Menschen enthalten. Es hängt von uns ab, ob wir uns beim Auf- oder Abstieg befinden. Die Engel, ein g’ttliches Symbol, sind wir Menschen, das heißt, wir sind ein Ebenbild G’ttes und haben die Möglichkeit, unsere positiven Eigenschaften zu nutzen.

Bei Rambam ist der Mensch klein, er muss sich anstrengen, erheben. Durch ständiges Lernen nähert er sich G’tt. Rabbi Chaim von Woloschyn sagt, alles sei für den Menschen gegeben, er stehe im Zentrum. Jedoch müsse er darauf achten, richtige Entscheidungen zu treffen. Der Aufstieg ist eine Metapher. Sowohl Rambam als auch Rabbi Chaim von Woloschyn sehen darin ein höheres seelisches und geistiges Niveau.

In der modernen hebräischen Sprache spricht man von Ole chadasch oder Ola chadascha, wenn man Neueinwanderer meint. »Ole chadasch« heißt übersetzt »ein neuer Aufsteiger«. Obwohl Israel geografisch nicht besonders hoch liegt, das Tote Meer befindet sich sogar mehr als 400 Meter unter dem Meeresspiegel, ist dies ein Sinnbild für einen seelischen Aufstieg, den jemand, der nach Israel einwandert, erleben wird.

Naturkräfte Ein weiterer Kommentar stammt von Rabbiner David Zwi Hoffmann (1843–1921), der im Berliner Rabbinerseminar von Esriel Hildesheimer lehrte. In seinen Erklärungen zum Auf- und Abstieg verband Hoffmann seinen orthodoxen Hintergrund mit seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Er weist darauf hin, dass in der Tora nicht steht, die Engel würden vom Himmel herabsteigen, sondern, sie steigen von der Erde auf gen Himmel und von diesem herab. Ein Zyklus.

Rabbi Hoffmann verweist auf einen Vers im Tanach, in dem eine Definition zu Engeln gegeben wird. »Osse mal’achaw ruchot. G’tt macht seine Engel als Winde« (Psalmen 104,4). Dieser Definition entnimmt Hoffmann, dass der Engel ein Sinnbild darstellt für die Kräfte der Natur, die G’tt erschuf. Diese Kräfte sind in sich neutral, weder richten sie sich gegen den Menschen noch sind sie für ihn. Aber in diesem Traum sieht man: Es kann doch sein, dass die Taten der Menschen einen Einfluss haben auf die Veränderung der Natur. Wenn der Mensch in Harmonie, mit Moral und Ethik mit Mitmenschen und seiner Natur umgeht, so steigen die Engel hinauf zu G’tt und werden positiv zur Erde zurückkehren. Schickt der Mensch jedoch negative Energie, werden sich die Engel verändern, anders auf die Welt herabsteigen und sich auch anders dem Menschen gegenüber verhalten.

Dieser Traum zeigt sich auch heute: Der Umgang des Menschen mit der Natur und den Mitmenschen hat Einfluss auf die Menschheit. Wir erleben Kriege und Naturkatastrophen – Ergebnisse unseres unmoralischen Verhaltens. Da es sich um einen ewig währenden Auf- und Abstieg der Engel handelt, haben wir jederzeit die Chance, wieder positiv einzusteigen. Wir müssen uns anstrengen und Verbesserungen unternehmen, denn mit guten Taten sind wir in der Lage, positive Reaktionen herbeizuführen.

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