Wajischlach

Auf Abstand

Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Begegnung von Jakow mit seinem Bruder Esaw steht kurz bevor. Statt das Treffen zu idealisieren – die Geschwister könnten sich einfach friedlich in die Arme fallen und ihre dramatische Beziehung beiseitelassen –, schildert die Tora, dass Jakow offenbar Angst hatte. Heute würde man vielleicht das Wort Panik verwenden. Sie drückt sich in seinen verschiedenen Strategien aus, mit der Begegnung umzugehen. Immerhin hat Jakow gehört, Esaw käme mit einer Gruppe von 400 Männern zu ihm.

Jakow bereitet sich auf einen Kampf vor. Er teilt sein Lager in zwei Teile, vielleicht um seine Kinder vor Esaw zu schützen (1. Buch Mose 32, 8–9). Und er betet: »Rette mich doch (hatzilejni na) aus der Hand meines Bruders, aus der Hand Esaws; denn ich fürchte mich vor ihm, er könnte kommen und mich erschlagen, Mutter und Kind« (32, 10–13).

Außerdem sendet er seinem Bruder Geschenke entgegen (32, 15–16), die man als Tribute verstehen kann. Seine Männer sollen zudem folgende Nachricht übermitteln: »Dein Knecht Jakow kommt auch selbst hinter uns. Denn er (Jakow) dachte: Ich will ihn durch das Geschenk versöhnen, das vor mir hergeht, alsdann will ich sein Gesicht sehen, vielleicht nimmt er mich freundlich auf« (32,21).

Jakow scheint voller Angst zu sein vor der Begegnung mit Esaw

Der hebräische Satz ist interessant, denn er variiert das Wort für Gesicht. »Versöhnen« bedeutet hier wörtlich »achapra panaw« – »das Gesicht bedecken«, »vor mir hergeht« – »haholechet lefanaj« heißt wörtlich »vor meinem Gesicht geht«, dann das offene »ich will sein Gesicht sehen« und schließlich »nimmt er mich freundlich auf« – »jisa fanaj«, wörtlich: »richtet er mein Gesicht auf«.

Der hebräische Satz ist interessant, denn er variiert das Wort für Gesicht. »Versöhnen« bedeutet hier wörtlich »achapra panaw« – »das Gesicht bedecken«, »vor mir hergeht« – »haholechet lefanaj« heißt wörtlich »vor meinem Gesicht geht«, dann das offene »ich will sein Gesicht sehen« und schließlich »nimmt er mich freundlich auf« – »jisa fanaj«, wörtlich: »richtet er mein Gesicht auf«.

In der Nacht wacht Jakow auf und überquert mit seiner Familie den Fluss Jabbok an einer Furt (32,25). Dort trifft er auf einen gʼttlichen Boten und ringt mit ihm. In jenem Kampf wird aus Jakow Israel. Er nennt den Ort »Pniʼel« (32,31). In dem Wort steckt erneut das hebräische Wort »Panim« (Gesicht), man könnte es mit »Angesicht Gʼttes« übersetzen.

»Denn ich habe Gʼtt von Angesicht zu Angesicht gesehen, und mein Leben ist gerettet worden« – »wa’tinatzel nafschi«. Die Formulierung greift jene aus dem ersten zitierten Vers auf: »Rette mich doch!« (32,12).

Der nächste Schritt folgt direkt: die Begegnung mit Esaw. Jakow scheint noch voller Angst zu sein. Er verbeugt sich siebenmal vor Esaw und kommt erst dann zu ihm. Esaw ist offener: Er »lief auf seinen Bruder zu, umarmte ihn, fiel ihm um den Hals und küsste ihn« (33,4). Dann weinten sie gemeinsam, und dennoch fährt Jakow damit fort, sich als Diener zu bezeichnen, sich also kleiner zu machen, als er ist.

Noch bewegt davon, wie offen sein Bruder zu ihm war und dass er ihm vergeben hat, sagt Jakow zu Esaw: »Nicht doch, sollte ich Gnade in deinen Augen gefunden haben, so nimm mein Geschenk aus meiner Hand; habe ich doch in dein Gesicht gesehen wie in das Gʼttes, und du hast mich gütig aufgenommen« (33,10).

Das Gebet, die Nacht am Jabbok und die Begegnung mit dem Bruder werden sprachlich miteinander verbunden. Das wird durch die abschließende Formulierung »ich habe in dein Gesicht gesehen« deutlich. Hier wird an die Situation am Jabbok angeknüpft.

Esaw bietet seinem Bruder Jakow an, mit ihm zu reisen und wieder zusammenzukommen

Doch Jakow bleibt distanziert. Esaw bietet ihm an, mit ihm zu reisen und wieder zusammenzukommen: »Lass uns gemeinsam reisen – ich werde vor dir gehen« (33,12). Der Kommentator Radak, Rabbiner David Kimchi (1160–1235), hebt hervor, dass es darum ging, Jakow zu schützen: »Auch wenn ich manchmal vorausgehe, werde ich nicht weit gehen, sondern immer in der Nähe bleiben.«

Jakow redet sich heraus: »Mein Herr weiß, dass die Kinder zart sind und die Schafe und Rinder Junge säugen; wenn man sie nur einen Tag überanstrengt, so sterben alle Schafe.« Sie diskutieren weiter, und Jakow lehnt auch ab, sich von Esaws Leuten begleiten zu lassen: »Da sprach Esaw: Ich möchte von den Leuten, die bei mir sind, einige zu dir treten lassen. Und er (Jakow) antwortete: Wozu das? Finde ich nur Gnade in den Augen meines Herrn!« (33,15).

Der Kommentator Raschi (1040–1105) präzisiert diese Aussage: »Du solltest mir keinen Gefallen tun!« Auch Rabbi Jitzchak Abrawanel (1437–1508) kommentiert dazu, dass Jakow wohl fürchtete, dass Esaw seine Meinung ändern und ihm wieder feindlich gesinnt sein könnte.

Schließlich bricht Esaw auf nach Se’ir. Und was tut Jakow? Er geht in die andere Richtung an einen Ort namens Sukkot (33, 16–17). Von einem Abschied ist nicht die Rede. Die Brüder gehen getrennte Wege.

Ist Jakows Motivation tatsächlich Angst? Er folgt einem Plan und lässt sich nicht treiben. Wir erinnern uns, wie er Esaw das Erstgeburtsrecht nahm. Die Absicht muss also zuvor schon bestanden haben. Während er den (erschlichenen) Segen seines Vaters erhielt, sah er Jizchak nicht ins Gesicht, denn dieser konnte kaum noch etwas sehen. Jakow erinnert sich daran und auch, welche Gefühle er damit ausgelöst haben könnte. Er will auf alles vorbereitet sein, selbst bei der Übergabe der Geschenke.

Nachmanides, der Ramban (1194–1270), schreibt in seinem Kommentar zu Vers 32,9: »Und ich habe im Midrasch gelesen: Was hat Jakow getan? Er rüstete sein Volk von unten her und kleidete es von außen her weiß, und er bereitete sich auf drei Dinge vor.« Mit den drei Dingen meint der Ramban Gebet, Tribute (oder das Teilen des Besitzes) und die offene Auseinandersetzung. Für ihn war das eine Anleitung für das Leben in der Diaspora in allen folgenden Generationen: »Unsere Rabbinen sahen also, dass dieses Kapitel auch auf die zukünftigen Generationen anspielt.«

Doch trotz aller Vorbereitung ist die Begegnung mit Esaw kurz. Es ist keine Zeit für weitere Pläne. Dies erklärt das vorsichtige Handeln Jakows und seine emotionale Zurückhaltung im Augenblick der Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Esaw läuft auf ihn zu – er bleibt stehen. Jakow möchte weiterhin vorbereitet sein und seine Position behaupten.
Im Midrasch Rabba (78,7) wird die Überraschung mit folgenden Worten beschrieben: »Rabbi Jehuda bar Simon: Zu Beginn sprach Jakow ›ich habe die Fähigkeit zu beten‹. Rabbi Levi sagte: ›Ich habe die Fähigkeit, einen Krieg zu führen‹. Aber als Esaw dann ankam, hieß es nur, ›er teilte die Kinder auf (…)‹ und sprach: ›Möge der Verdienst eines jeden Einzelnen für sich stehen.‹«

Die emotionale Zurückhaltung liegt im Schutz begründet, und dieser besteht nicht nur aus einer Maßnahme. Sie gehören zusammen. Es wäre naiv, sich ausschließlich auf das Gebet zu verlassen, so wie es töricht wäre, sich nur auf militärische Kraft oder das Teilen des Besitzes zu verlassen – eine Überlebensstrategie für die Diaspora auch in heutigen Zeiten.

Der Autor ist Blogger und lebt in Gelsenkirchen.

inhalt
Der Wochenabschnitt Wajischlach erzählt davon, wie Jakow sich aufmacht, seinen Bruder Esaw zu treffen. In der Nacht kämpft er am Jabbok mit einem Mann. Dieser ändert Jakows Namen in Jisra-El (»G’ttes Streiter«). Jakow und Esaw treffen zusammen und gehen anschließend wieder getrennte Wege. Später stirbt Rachel nach der schweren Geburt Benjamins und wird in Efrat beigesetzt. Als auch Jizchak stirbt, begraben ihn seine Söhne Jakow und Esaw in Hebron.
1. Buch Mose 32,3 – 36,43

Wajakhel–Pekudej

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