Stärke

An den Prinzipien festhalten

Sklaverei: Botschaft der Befreiung Foto: Getty Images

Stärke

An den Prinzipien festhalten

In der Haggada heißt es, dass Juden in jeder Generation Feinde haben werden. Klingt entmutigend? Soll es nicht!

von Rabbiner Raphael Evers  11.04.2025 09:13 Uhr

Bald, am Sederabend, werden wir alle erneut die Worte singen: »In jeder Generation erheben sich Feinde gegen uns, um uns zu vernichten.« Dieser Satz aus der Haggada erinnert uns daran, dass die Feindseligkeit gegenüber dem jüdischen Volk kein neues Phänomen ist. Im Laufe der Geschichte haben wir Verfolgung, Vertreibung und Vernichtungsversuche erlitten, aber gleichzeitig haben wir Widerstandskraft, Hoffnung und eine tiefe Verbindung zu unserem Glauben bewahrt.

Doch was bedeutet es, dass wir immer »Feinde« haben werden, bis der Maschiach kommt? Müssen wir eine Welt akzeptieren, in der Antisemitismus ein fester Bestandteil bleibt? Viele Rabbiner sehen es als ihre Aufgabe an, den Antisemitismus zu bekämpfen. Auch mir wurde diese undankbare Aufgabe in den Niederlanden zugewiesen.

Das einzige Fazit, das ich ziehen kann, ist, dass der Judenhass trotz all unserer Bemühungen um Versöhnung mit feindlichen Gruppen in alarmierendem Maße eskaliert ist. Eine äußerst enttäuschende, wenn auch nicht überraschende Wahrheit. Wir haben immer mit Feindseligkeit zu kämpfen gehabt – von der Sklaverei in Ägypten über die Verfolgungen im mittelalterlichen Europa, von Pogromen bis zur Schoa, von den Angriffen der arabischen Nachbarn bis zu den Massakern der Hamas. Diese Feindseligkeit nimmt immer neue Formen an und passt sich den jeweiligen Zeiten und Kontexten an.

Keine Übertreibung, sondern eine realistische Beobachtung

Die Aussage in der Haggada, dass man sich in jeder Generation gegen uns erhebt, ist daher keine Übertreibung, sondern vielmehr eine realistische Beobachtung. Doch die Botschaft von Pessach ist nicht nur eine Warnung vor ewiger Feindseligkeit, sondern auch eine Erzählung von Befreiung und Hoffnung. Die Tatsache, dass wir noch existieren und jedes Jahr Pessach feiern, beweist, dass keine Macht der Welt uns vollständig zerstören konnte.

Doch wenn Antisemitismus niemals verschwinden wird, ist es dann sinnlos, Brücken zu anderen Völkern und Gemeinschaften zu bauen? Der jüdische Glaube lehrt uns, trotz aller Feindseligkeit ein Licht für die Völker zu sein. Unser Erzvater Awraham wurde nicht nur dazu berufen, Haschem zu dienen, sondern auch, ein Vorbild für die gesamte Menschheit zu sein. Der Prophet Micha sagt: »Er hat dir mitgeteilt, o Mensch, was gut ist und was Haschem von dir fordert: nur Gerechtigkeit zu üben, zu lieben und bescheiden mit deinem G’tt zu wandeln« (Micha 6,8).

Nach Frieden zu streben, ist keine naive Illusion, sondern ein Ausdruck unserer tiefsten Werte.

Nach Frieden zu streben, ist keine naive Illusion, sondern ein Ausdruck unserer tiefsten Werte. Die Erkenntnis, dass Antisemitismus eine Konstante in der Geschichte ist, kann entmutigend sein. Besonders Eltern sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder. Wie können wir sie vor Hass und Diskriminierung schützen? Die Antwort darauf liegt zum Teil in der Pessachgeschichte selbst.

Der Auszug aus Ägypten erinnert uns daran, dass Sklaverei und Unterdrückung nicht unser Schicksal sind. Haschem hat uns erlöst und uns die Verantwortung gegeben, als freie Menschen zu leben. Das bedeutet, dass wir unsere Kinder mit Stolz, Wissen und tiefer Verbundenheit mit ihrem Erbe erziehen müssen. Darüber hinaus müssen wir sie Widerstandskraft lehren. Das jüdische Volk hat nicht überlebt, indem es passiv blieb, sondern indem es lernte, lehrte und nach Lösungen suchte. Wir müssen unsere Kinder nicht nur vor Antisemitismus warnen, sondern ihnen auch das Werkzeug geben, damit umzugehen – durch Wissen, durch Diplomatie und, wenn nötig, durch Selbstverteidigung.

Nicht nur Erinnerung an die Vergangenheit, sondern auch Leitfaden für die Zukunft

Pessach ist nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit, sondern auch ein Leitfaden für die Zukunft. Das Fest erinnert uns an wichtige Prinzipien: So schwierig die Situation auch erscheinen mag, Haschem hat uns immer wieder gerettet. Die Haggada betont, wie wichtig es ist, unsere Geschichte an die nächste Generation weiterzugeben. Indem wir unsere Vergangenheit kennen, können wir in der Gegenwart und Zukunft stärker stehen.

So wie wir als Volk Ägypten verließen, müssen wir heute zusammenstehen, um gegen Antisemitismus und Ungerechtigkeit zu kämpfen. Die Worte »In jeder Generation erhebt man sich gegen uns, um uns zu vernichten« mögen entmutigend klingen, doch sie enthalten auch eine tiefere Wahrheit: Trotz allem existieren wir noch immer.

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026