Schabbat

Am Steuer

G’tt hat die Welt nicht nur erschaffen, sondern er lenkt sie auch heute noch. Wie Er das tut, übersteigt unser Vorstellungsvermögen. Foto: Thinkstock

Warum?» – «Einfach so.» Der wissbegierige Mensch gibt sich mit einer solchen Antwort nicht zufrieden. Er möchte alles durchdringen, sucht nach Erklärungen dafür, warum Begebenheiten sich so und nicht anders ereignen.

Je jünger der Mensch, desto interessierter ist er. Eifrig stellt er Nachforschungen an. Er möchte verstehen. Viele ältere Menschen streben nicht mehr so stark danach, den Dingen auf den Grund zu gehen. Sie neigen dazu, Ereignisse als Fakten hinzunehmen und nicht mehr nach Ursprung und Umständen zu fragen.

Krankheiten Die Wege, wie G’tt die Welt lenkt und leitet, sind uns unergründlich. Der Mensch hat weder die Kraft, noch ist er in der Lage, zu begreifen, warum dieses oder jenes Ereignis eintritt. Warum ist der eine Mensch erfolgreich, und einem anderen widerfährt nur Missliches? Warum ist der eine gesund und der andere krank? Auf der Welt gibt es viele Wirklichkeiten wie Leben und Tod, die nicht in der Macht des Menschen liegen und deren Ursache wir nicht ergründen können.

Wir wissen, dass es den Schöpfer der Welt gibt. Er hat die Welt nicht nur erschaffen, sondern lenkt sie auch heute noch. Wie Er das tut, übersteigt unser Vorstellungsvermögen. Die Tora hat uns aus diesem Grund die Namen des Ewigen übermittelt, damit wir einen Eindruck davon bekommen, wie Er die Welt lenkt.

Am Anfang des 1. Buches Mose berichtet die Tora von der Erschaffung der Welt. Wir erkennen hier einen wesentlichen Unterschied in den Namen des Schöpfers: In Kapitel 1 wird der Allmächtige «Elokim» (G’tt) genannt. Danach, in Kapitel 2, ist von Ihm als «HaSchem» (der Name) die Rede. (Das Wort, das auszusprechen uns nicht erlaubt ist, besteht aus den vier Buchstaben Jud–He–Waw–He.) An anderen Stellen der Tora wird G’tt «Schaddaj» genannt.

Wege Der Schöpfungsvorgang und das Lenken der Welt erfolgen auf natürliche Weise. Im Hebräischen nennen wir die Welt «Olam». Dieses Wort geht auf die Wurzel Ajin–Lamed–Mem zurück, was so viel wie «verborgen sein» bedeutet. Der Heilige, gepriesen sei Er, hält sich vor unseren Augen verborgen. Er verlieh der Welt die Möglichkeit, dem Anschein nach natürlich abzulaufen. Es ist nicht nötig, dass Er dem Menschen offenbart, wie Er die Welt lenkt. Vielmehr überlässt Er es dem Menschen, Ihn in der Welt zu entdecken. Der Schöpfer offenbart sich dem Menschen in jedem Schritt, den er auf seinem Weg geht. Der Mensch richtet entweder seine Aufmerksamkeit darauf, oder er denkt, alles auf der Welt geschähe rein zufällig.

Die Namen Elokim und Schaddaj stehen für die Verborgenheit des Allmächtigen. Der Name Elokim bezieht sich auf Kräfte, die das Geschehen in der Welt auslösen. Und hinter dem Namen Schaddaj sehen die Chasal, unsere Weisen, dass G’tt «sich mit der Welt begnügt», dass Er sich also auf die Welt verringert und allen Geschöpfen Grenzen gesetzt hat, damit sie sich nicht jenseits der Kräfte ausbreiten können, die Er ihnen gegeben hat.

Diese Führerschaft wird bis heute als Lenken der Welt fortgesetzt – genauso wie in den Zeiten, in denen sich der Schöpfer unseren Vätern offenbart hat. Der Mensch heute braucht die Offenbarung außerordentlicher Kraft auf der Welt nicht. Er muss aus dem Unbekannten und Verborgenen die Wege des Schöpfers selbst entdecken. Dies erwartete der Schöpfer auch von Awraham, Jizchak und Jakow: Sie sollten aus den Erlebnissen in ihrem Alltag entdecken, wie der Ewige die Welt lenkt.

Namen «Und G’tt redete zu Mosche und sprach zu ihm: ›Ich bin HaSchem. Mit (dem Namen) G’tt Schaddaj bin ich auch Awraham, Jizchak und Jakow erschienen. Aber (mit) meinem Namen HaSchem bin Ich ihnen nicht kundgeworden» (2. Buch Mose 6, 2–3).

In diesen beiden Versen begegnet uns der Name des Allmächtigen in verschiedenen Versionen. Elokim offenbart sich vor Mosche und teilt ihm mit, dass sein Name HaSchem ist. Sogleich intensiviert G’tt Seine Offenbarung und erklärt, dass Er sich seit jenem Vorfall den Vätern nur unter dem Namen Schaddaj enthüllt hat. Demzufolge war Mosche der Erste, dem sich der Ewige mit dem Namen HaSchem offenbart hat.

Mit dem Auszug aus Ägypten begann eine neue Phase in der Offenbarung des Ewigen. Zur Kommunikation mit dem gesamten Volk ist eine andere Art der Offenbarung gefragt. Der Ewige zeigt sich nur einem einzelnen Menschen: Mosche. Mit der neuen Art der Offenbarung gehen neue Kräfte einher, die bisher noch nicht vor den Augen der Menschen enthüllt sind. Der Mensch sieht jetzt eine neue Art, wie er den Schöpfer in der Welt entdecken kann.

Name Der Allmächtige offenbart sich Mosche mit einem Namen, der bisher noch nicht wahrgenommen wurde. Dieser aus vier hebräischen Buchstaben bestehende Name, der nicht so ausgesprochen werden darf, wie er geschrieben wird, enthüllt vor uns die Mächtigkeit des Schöpfers ohne jegliche Tarnung.

Wenn man auf Hebräisch die Reihenfolge der Buchstaben ändert, erhält man das Wort Hawaja, was Realität und Essenz bedeutet. Dieser Name lehrt uns, dass der Ewige nicht nur der Schöpfer ist, der sich auf der Welt verborgen aufhält und den verschiedenen Mächten Grenzen setzt. Mit diesem Namen offenbart sich der Allmächtige als jemand, der sich in jedem Augenblick um die Existenz der Welt kümmert, der permanent eine Wirklichkeit formt, die der Logik widerspricht. Er offenbart sich als einer, der Wunder vollbringt.

Der Logik nach hätte die Schöpfung überhaupt nicht eintreten können. Woher sollte sie die Kraft dazu haben? Wer kann so viel Energie aufbringen? Der Name enthüllt uns, dass der Allmächtige stetige Existenzkraft in die ganze Schöpfung steckt, wie wir im Gebet «Mechadesch betuwo bechol jom tamid ma’asei bereschit» («der in seiner Güte jeden Tag das Schöpfungswerk erneuert») sagen.

Der Auszug aus Ägypten widerspricht der weltlichen Logik. Das jüdische Volk hält sich bereits seit mehreren Hundert Jahren in Ägypten auf und ist inzwischen versklavt. Um diese Tatsache zu ändern, bedarf es einer großen Macht, und der Allmächtige muss sich der Welt offenbaren. Ein zufällig eintretendes Wunder reicht da nicht aus. Hier bedarf es einer wahren Verbindung des Allmächtigen mit dem Volk, einem Bündnis, das den Hebräern die Kraft verleiht, sich aus den Fesseln Ägyptens zu befreien und als unabhängiges Volk aufs Podium der Geschichte zu treten. Als unabhängiges Volk namens Israel verkündet es der Welt, dass der Allmächtige existiert und die Welt lenkt – bis heute.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Waera erzählt, wie die Kinder Israels Mosche und Aharon kein Gehör schenkten, obwohl G’ttes Name ihnen von Mosche offenbart worden war. Mosche verwandelt vor den Augen des Pharao seinen Stab in ein Krokodil und fordert den Herrscher auf, die Kinder Israels ziehen zu lassen. Der Pharao aber bleibt hart, und so kommen die ersten sieben Plagen über Ägypten: Blut, Frösche, Ungeziefer, wilde Tiere, Viehseuche, Aussatz und Hagelschlag. Auch danach bleibt der Pharao hart und lässt die Kinder Israels nicht ziehen.
2. Buch Mose 6,2 – 9,35

Behar

Alle 7 und alle 49 Jahre

Was die Tora über das Schmitta- und über das Joweljahr lehrt

von Rabbiner Joel Berger  20.05.2022

Talmudisches

Bärenstark

In den jüdischen Schriften steht der Bär vor allem für eines: ungebändigte Natur

von Chajm Guski  20.05.2022

Interview

»Religiosität stößt auf immer weniger Verständnis«

Rabbiner Julian-Chaim Soussan über Feiertage, Konflikte zwischen Geboten und Alltag sowie gesetzliche Regelungen

von Eugen El  20.05.2022

Bamberg

Antijüdische Statue im Dom bleibt

Die Figur der Synagoga soll mit Informationsmaterial in ihren historischen und kulturellen Kontext eingeordnet werden

von Leticia Witte  20.05.2022

Tagung

Zwischen Glauben und Grundgesetz

Die Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden diskutierte mit Experten über das Verhältnis von Staat und Religion

von Ayala Goldmann  19.05.2022

München

400 orthodoxe Rabbis erwartet

Ab dem 30. Mai tagt die 32. Generalversammlung der Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER)

 18.05.2022

Lag BaOmer

Trauer und Freude

Am 33. Tag zwischen Pessach und Schawuot wird traditionell gefeiert – im vergangenen Jahr wurde das Fest am Berg Meron von einer schrecklichen Tragödie überschattet

von Rabbiner Raphael Evers  18.05.2022

Tora

Hüter des Heiligen

Rabbi Jonathan Sacks sel. A. über das moralische Verhalten von jüdischen Führungspersönlichkeiten

 13.05.2022

Talmudisches

Einander helfen beim Toralernen

Was die Weisen über das Studium lehren

von Yizhak Ahren  13.05.2022