Nahost

Zwei-Staaten-Lösung

29. November 1947: Jubel nach der Verkündigung des UNO-Beschlusses in Tel Aviv Foto: GPO/ Pinn Hans

Der UNO-Beschluss zur Teilung Palästinas kam zehn Jahre zu spät. Dabei hatten briische Diplomaten den Teilungsplan schon 1937 in der Tasche. Die Peel-Kommission war 1936 als Royal Commission for Palestine von der britischen Mandatsregierung eingesetzt worden und kam zu dem Ergebnis, dass Juden und Araber in Palästina ihren jeweils eigenen Staat benötigten.

Die Araber lehnten dies kategorisch ab, ebenso wie die rechtsgerichteten zionistischen Revisionisten. Chaim Weizmann und David Ben Gurion als führende Vertreter der Zionisten waren zwar von dem jüdischen Kleinstaat, der im Wesentlichen aus einem Küstenstreifen südlich von Tel Aviv bis nach Galiläa im Norden reichte, nicht begeistert.

einwanderung Sie stimmten aber aus pragmatischen Gründen angesichts der verzweifelten Situation der europäischen Juden zu. Am Ende war es die britische Regierung, die entschied, den Plan in die Schublade zu legen und erst einmal die jüdische Einwanderung nach Palästina drastisch zu reduzieren.

Niemand weiß genau, wie viele Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn der Staat Israel 1937 oder 1938 gegründet worden wäre. Aber für einen Teil der sechs Millionen in der Schoa Ermordeten hätte ein jüdischer Staat zweifellos der rettende Hafen sein können. Als die Vollversammlung der 1945 neu gegründeten UNO am 29. November 1947 über eine Teilung Palästinas abzustimmen hatte, waren die Voraussetzungen andere.

Das europäische Judentum, so wie es vor dem Krieg bestanden hatte, gab es nicht mehr.

Das europäische Judentum, so wie es vor dem Krieg bestanden hatte, gab es nicht mehr. Die Überlebenden warteten in Lagern in Deutschland und Zypern auf ihre Ausreise. Die Bilder des voll besetzten Flüchtlingsschiffes »Exodus 1947«, das schon vor der Küste Palästinas angekommen war und von den Briten wieder nach Deutschland zurückbeordert wurde, gingen um die Welt.

stimmen Am Ende mögen Bilder wie diese so manche UNO-Delegation in ihrer Entscheidung, dem Teilungsplan zuzustimmen, beeinflusst haben. Der Teilungsplan wurde mit 33 zu 13 Stimmen bei zehn Stimmenthaltungen angenommen. Juden in der ganzen Welt feierten die damit beschlossene Errichtung eines jüdischen Staates.

Es gab durchaus manche Überraschung im Abstimmungsverhalten. Dass die USA zustimmen würden, war keineswegs sicher, denn das Außenministerium befürchtete eine Verstimmung im Verhältnis mit den Öl exportierenden und strategisch wichtigen arabischen Ländern. Vor allem jedoch wusste man nicht, wie sich die Sowjetunion, und mit ihr ein ganzer Block kommunistischer Staaten, verhalten würde.

Dass die USA damals zustimmen würden, war keineswegs sicher.

Als der sowjetische Vertreter Andrei Gromyko ans Mikrofon trat, um seine Unterstützung für den Teilungsplan und damit die Gründung eines jüdischen Staates zu verkünden, atmeten viele Anhänger des jüdischen Staates auf.

kalter krieg Selbstverständlich standen hinter der sowjetischen Erklärung nicht nur humanitäre Erwägungen, sondern knallharte Realpolitik in Zeiten des Kalten Krieges. Man erhoffte sich, dass der neue Staat, dessen führende Politiker ja alle aus Osteuropa kamen und sich in irgendeiner Weise zum Sozialismus bekannten, nicht gänzlich im westlichen Lager verankert sein würde.

Der Teilungsplan sah neben der geplanten internationalen Zone in und um Jerusalem einen jüdischen und einen arabischen Staat in Palästina vor. Jüdisch wurde hier nicht als Religion analog zu muslimisch oder christlich definiert, sondern durchaus im Verständnis aller führenden zionistischen Politiker als eine Nationalität. Dies ist bis heute so geblieben. Es gibt zwar eine israelische Staatsbürgerschaft, aber nur eine jüdische – oder arabische – Nationalität.

Dass es nach Ausrufung des Staates Israel im Mai 1948 nicht zur Gründung eines arabischen Staates in Palästina kam, lag an der Weigerung der arabischen Seite, die Teilung anzuerkennen.

Dass es nach Ausrufung des Staates Israel im Mai 1948 nicht zur Gründung eines arabischen Staates in Palästina kam, lag an der Weigerung der arabischen Seite, die Teilung und damit die Existenz Israels anzuerkennen. Warum sollten die Araber, so ihre Argumentation, für die Verbrechen der Europäer an den Juden bezahlen? Für die arabischen Palästinenser war der folgende Krieg, der für sie Flucht und Vertreibung bedeutete, eine Katastrophe: die Nakba. 1947 hatten sie noch über zwei Drittel der Bevölkerung Palästinas ausgemacht, im neuen Staat Israel bildeten sie weniger als 20 Prozent.

osloer Abkommen Die vor allem seit den Osloer Abkommen der 90er-Jahre immer wieder aufkeimende Hoffnung, dass jene Zwei-Staaten-Lösung, die 1947 so begeistert von der jüdischen Welt aufgenommen wurde, tatsächlich umgesetzt werden könnte, ist in weite Ferne gerückt.

Das liegt nicht nur daran, dass sich radikale Palästinenser und ihre Verbündeten weiterhin weigern, den jüdischen Staat anzuerkennen, sondern auch an der immer lauter werdenden Forderung rechtsgerichteter Israelis, aus ideologischen und religiösen Gründen die vollständige Annexion des 1967 eroberten Westjordanlandes vorzunehmen.

Zu ihnen gehört auch die neue rechtsreligiöse Regierung. Auf die Frage, wie sie einen jüdischen und demokratischen Staat ohne jüdische Mehrheit beibehalten will, kann sie keine Antwort geben. Denn für eine Einstaatenlösung zwischen Jordan und Mittelmeer gibt es nur zwei Alternativen: einen demokratischen Staat, der nicht mehr jüdisch ist, oder einen jüdischen Staat, der nicht mehr demokratisch ist.

Der Autor ist Historiker und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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