Österreich

Zerrissenes Land

Klare Fronten: Wahlsieger Alexander Van der Bellen (l.) und FPÖ-Kandidat Norbert Hofer Foto: imago

Der neue Bundespräsident ist Sohn estnischer Flüchtlinge, wuchs in Tirol auf und gilt der österreichischen Öffentlichkeit als klarer Antifaschist. Der 72-jährige Wirtschaftsprofessor Alexander Van der Bellen erhielt bei der Stichwahl zur österreichischen Bundespräsidentschaft am Sonntag 50,3 Prozent der Stimmen, nur wenig mehr als sein rechtspopulistischer Kontrahent Norbert Hofer (45) von der FPÖ. Knapp war das Ergebnis, zunächst lag Hofer vorn, und erst nach der Auszählung aller Briefwahlstimmen stand am Montagnachmittag fest, wen die 72,75 Prozent der Österreicher, die zur Wahl gingen, als Präsident wollen.

Bei den Wahlkampfaufritten hatte sich Hofer oft freundlich-charmant präsentiert, was ihm medial auch den Vorwurf eintrug, er sei ein Wolf im Schafspelz. Teils wirkte Hofer jedoch auch aggressiv gegenüber seinem Gegenüber von der Grünen Partei. Flüchtlingspolitik und Arbeitslosigkeit waren beherrschende Themen, zudem ließ Hofer immer wieder aufhorchen, wenn er Gender oder das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare ablehnte.

israel Ein zentrales Element dieses österreichischen Wahlkampfes war absurderweise Israel. Kaum ein Fernsehduell der Kandidaten kam ohne die Nennung des jüdischen Staates aus. Offenbar um eine diplomatische Isolierung Österreichs nach einer Wahl des FPÖ-Kandidaten zu vermeiden – wie es sie im Jahr 2000 gegeben hatte, als die FPÖ unter ihrem damaligen Chef Jörg Haider in die Regierung eintrat –, versuchen die Freiheitlichen unter ihrem jetzigen Vorsitzenden Heinz-Christian Strache seit geraumer Zeit, Beziehungen zu Israel zu knüpfen, und erklären öffentlich immer wieder, sie träten gegen Antisemitismus ein. Letzteres kommt freilich bei der Basis nicht an: Auch bei der Abschlusskundgebung Hofers wurden erneut Hitlergrüße und »Heil Hitler«-Rufe von FPÖ-Anhängern medial dokumentiert.

Hofers Israel-Erzählungen machten aber aus einem anderen Grund Schlagzeilen: Viele stellten sich schlicht als unwahr heraus. So fand sich bis zuletzt keine Bestätigung für einen offiziellen Besuch Hofers in der Knesset. Und gänzlich anders, als von ihm mehrmals geschildert, verlief ein vermeintlicher Attentatsversuch am Tempelberg im Sommer 2014. »Neben mir wurde eine Frau erschossen«, hatte Hofer berichtet, es habe sich um eine mit Handgranaten und Maschinenpistolen bewaffnete Terroristin gehandelt. Recherchen ergaben jedoch, dass eine in Decken gehüllte Jüdin beim Sicherheitscheck an der Kotel nicht auf die Stopp-Rufe der Polizei gehört hatte. Ein Warnschuss traf sie am Bein, sie wurde leicht verletzt ins Krankenhaus gebracht.

europa Der nun gewählte Alexander Van der Bellen hatte sich in seiner politischen Laufbahn zwar stets links positioniert, aber schon, als er noch Grünen-Chef war, erhielt er Sympathien aus dem bürgerlichen La-ger. Klar ist seine Haltung für eine offene Flüchtlingspolitik. Klar tritt Van der Bellen auch als EU-Befürworter auf. Insofern kann sich das Land nun international aufgeschlossener präsentieren, als es im Fall einer Wahl Hofers möglich gewesen wäre.

Entsprechend war die Stimmung am Montag auch beim gerade neu eingesetzten Bundeskanzler Christian Kern von der SPÖ: erleichtert, aber nachdenklich. Etliche Beobachter schreiben Van der Bellens Erfolg dem Umstand zu, dass die SPÖ mit Kern einen Kanzler nominierte, der versprach, aus einer klaren Haltung heraus das Gespräch zu suchen. Auch Van der Bellen selbst betonte in seiner ersten Rede nach der Wahl, dass sich offensichtlich viele Menschen in diesem Land nicht gehört und nicht gesehen fühlen. Auf diese Ängste und diesen Zorn sei nun einzugehen.

flüchtlinge Die Städte, allen voran Wien, haben bei dieser Wahl mehrheitlich grün gewählt, während sich die ländlichen Regionen eher für den FPÖ-Kandidaten entschieden. Dies ist umso bemerkenswerter, als das den Wahlkampf beherrschende Flüchtlingsthema eher in urbanen Ballungszentren eine Rolle spielt.

Aufatmen heißt es nun auch in der jüdischen Gemeinschaft: Die Führung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien hatte zwar lange keine Stellung bezogen, wenige Tage vor der Wahl aber doch eine Empfehlung für Van der Bellen abgegeben. Nach der Wahl gratulierte die IKG dem neuen Staatsoberhaupt. »Alexander Van der Bellen ist seit vielen Jahren ein guter Freund der jüdischen Gemeinde und ebenso des Staates Israel«, schrieb IKG-Präsident Oskar Deutsch.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, nannte in der Neuen Osnabrücker Zeitung die hohen FPÖ-Anteile an Stimmen ein »Warnsignal auch für uns in Deutschland«.

Mehrere Männer bei einer Pressekonferenz der Polizei in Frankfurt, einer spricht in ein Mikrofon

Nach Eskalation

Einsatzleiter: Neue Gewalt-Dimension nach Demo in Frankfurt

Der Einsatzleiter der Polizei berichtet von einer »neuen Dimension der Gewalt«: Aus dem Pro-Palästina-Spektrum heraus sei es zu »immer massiveren Störungen und Angriffen auf Polizeikräfte« gekommen

 01.11.2026

Berlin

SPD-Prominente warnen vor Koalition mit der Berliner Linken

In einem offenen Brief sprechen sich Karl Lauterbach, Sigmar Gabriel, Franziska Giffey und Hunderte weitere Sozialdemokraten gegen Rot-Grün-Rot aus – vor allem wegen des Umgangs der Linken mit Antisemitismus

 01.11.2026

Mohsen Rezaei wirft bei einer Wahl im Iran seinen Stimmzettel in eine Urne

Iran-Krieg

Iran knüpft Gespräche mit den USA an sieben Bedingungen

Teheran stellt weiter Maximalforderungen für eine diplomatische Lösung des Konflikts mit den USA. Im erneuten Kriegsfall droht Teheran mit dem Einsatz neuartiger Waffen

 01.11.2026

Annegret Kramp-Karrenbauer spricht bei der Kiel Security Conference

Antisemitismus in Deutschland

Kramp-Karrenbauer warnt vor Bündnissen mit Linken oder AfD

In Berlin hat die Linke die Wahl gewonnen, in Sachsen-Anhalt die AfD. Die frühere CDU-Chefin meint, das Leben vieler Menschen würde sich massiv verändern, wenn diese die Regierung übernähmen

 01.11.2026

Elif Eralp reißt beim Landesparteitag der Linken in Berlin einen Blumenstrauß in die Höhe

Regierungsbildung in Berlin

Koalitionsgespräche von Rot-Grün-Rot in Berlin vor dem Start

Trotz bundesweiter israelfeindlicher Kontroversen hat die Berliner Linke Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen zugestimmt. Nach dem Wochenende geht es los

 01.11.2026

Überwachungskameras an der Fassade der Synagoge in Hagen, links ein Davidstern

Antisemitismus

Judenfeindliche Straftaten mit islamistischem Motiv auf Rekordniveau

Seit 2023 steigen die Zahlen rasant an. Behörden in Deutschland registrieren immer mehr antisemitische Straftaten. Viele haben einen islamistischen Hintergrund

 01.11.2026

Vanessa Emde zwischen Teilnehmern einer Kundgebung vor dem Linke-Parteitag in Berlin

Regierungsbildung in Berlin

Linker Protest gegen Linke-Führung – Abgeordnete Emde dabei

Vanessa Emde steht wegen ihrer israelfeindlichen Positionen in der Kritik und könnte aus der Berliner Linksfraktion ausgeschlossen werden. Nun taucht sie auf einer Kundgebung am Parteitagsort auf

 01.11.2026

Als Batman verkleidete Person vor brennender Mülltonne in Frankfurt

Gewalt eskaliert

Krawalle und Plünderungen in Frankfurt

Nachdem die Polizei eine zunächst friedliche Demonstration junger Menschen auflöst, eskaliert die Lage auf der Zeil – in der Menge waren auch »Viva Palästina«-Rufe zu hören

 01.11.2026

Steffen Krach, SPD-Spitzenkandidat bei der Abgeordnetenhauswahl 2026

Berlin

SPD-Vorstand beschließt Mitgliedervotum zu Koalitionsvertrag

Noch haben die Koalitionsverhandlungen in Berlin nicht begonnen. Klar ist aber schon, dass die Basis der drei potenziellen Regierungspartner eng eingebunden werden soll

 30.10.2026