mythos

»You’ll never walk alone«

Vom Liverpool FC in die Welt: Das gesungene Versprechen, den anderen nicht alleine gehen zu lassen, ist in allen Fußballstadien ein Klassiker.

Wäre es nach Brian Epstein gegangen, würde dem Fußball etwas Wichtiges fehlen. Der Mann, der als Manager der Beatles berühmt wurde, hatte 1963 auch eine zweite Band aus Liverpool unter Vertrag: Gerry and the Pacemakers. Nach zwei Beat-Hits schlug der Sänger Gerry Marsden ausgerechnet eine alte Ballade als dritte Single vor. Epstein war dagegen. »Wir wollen wieder eine Nummer eins von dir und glauben nicht, dass das stark genug ist«, sagte er. Am Ende wurde die Single doch veröffentlicht. Ihr Titel: You’ll never walk alone.

Am 2. November 1963 erreichte der Song die Spitze der Hitparade und wurde daraufhin im Stadion des Liverpool FC gespielt. Bald übernahmen die Fans You’ll never walk alone in ihr Repertoire. Anfang der 1990er-Jahre kam der Song nach Deutschland. Schnell wurde er zur wichtigsten Fußballhymne, die vereinsübergreifend in den Stadien gesungen und gespielt wird. Wenn am Freitag die Bundesliga startet, hat auch You’ll never walk alone wieder Saison.

Vielen Fans ist allerdings nicht bewusst, dass die Geschichte des Songs wesentlich weiter zurückreicht. Und dass diese Geschichte eine dezidiert jüdische ist. You’ll never walk alone stammt aus dem Broadway-Musical Carousel, das 1945 von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein geschrieben wurde. Das Musical wiederum basiert auf dem 1909 uraufgeführten Theaterstück Liliom des ungarischen Schriftstellers Franz (Ferenc) Molnár.

neumann Molnár, der Sohn eines wohlhabenden Arztes, wurde 1878 in Budapest als Franz Neumann geboren. Seine Familie gehörte zum assimilierten, deutschsprachig jüdischen Bürgertum, das sich aus patriotischen Gründen ungarisch verstand. Molnár legte seinen Geburtsnamen 1896 ab. Er arbeitete zunächst als Journalist und veröffentlichte ab 1902 Theaterstücke. Gleich die dritte Komödie, Der Teufel, war 1907 ein großer Erfolg.

In der Zwischenkriegszeit wurde Molnár zum König der Boulevardbühne. Seine geistreichen Lustspiele, in denen er die Konventionen von Bürgertum und Adel aufs Korn nahm, liefen in Budapest, Wien, Berlin, Paris und New York. Sein luxuriöser Lebensstil war ähnlich kosmopolitisch geprägt.

»Ich besitze eine Vierzimmerwohnung«, hat Molnár einmal gesagt, »mein Arbeitszimmer ist in Wien, mein Salon in Budapest, mein Speisezimmer in Paris und mein Schlafzimmer in Venedig.« Derlei Anekdoten waren begehrter Stoff für die Budapester und Wiener Zeitungen, ebenso wie Molnárs drei turbulente Ehen und diverse Affären.

Friedrich Torberg erzählt einige der Anekdoten in Die Tante Jolesch, seinem wehmütigen Rückblick auf die jüdische Kaffeehauskultur. Einmal bemühte Molnár sich erfolglos um eine Berliner Schauspielerin. Schließlich traf er sie auf einem Fest im Bibliothekszimmer, wo sie im Theaterlexikon unter »M« nachschlug und feststellte, dass Molnár Jude war. Der antwortete trocken: »Ich hab’ ja gewusst, dass Sie mir draufkommen werden. Aber die Gelegenheit hab’ ich mir anders vorgestellt.«

filme Liliom ist das bedeutendste Stück Molnárs. Es erzählt die tragische Geschichte des Karussellausrufers Liliom, der vergeblich versucht, mit dem Dienstmädchen Julie eine bürgerliche Familie zu gründen. Nach einem gescheiterten Raubüberfall begeht Liliom Selbstmord und schaut aus dem Jenseits zu, wie Julie die gemeinsame Tochter großzieht. 16 Jahre später erhält er die Erlaubnis, für einen Tag auf die Erde zurückzukehren.

Bevor daraus ein Musical wurde, enstanden vier Verfilmungen, eine davon von Fritz Lang. Giacomo Puccini wollte aus dem Stoff gar eine Oper machen, was Molnár ablehnte. Dabei war seine Vorstadtlegende bei der Premiere am Budapester Lustspieltheater durchgefallen. Erst die deutsche Bearbeitung von Alfred Polgar verhalf Liliom zum Durchbruch.

1921 gab es die erste Inszenierung in New York, 1940 eine Wiederaufnahme. Vier Jahre später suchten der Komponist Richard Rodgers und sein Librettist Oscar Hammerstein nach einem neuen Stoff. Die waren damals das Traumduo des Broadway, ihr Musical Oklahoma! hatte das Genre künstlerisch und kommerziell auf eine neue Ebene gehoben.

Beide stammten aus jüdischen Einwandererfamilien. Hammersteins Großvater, ein Opernimpresario und Theaterbauer, emigrierte 1861 als 15-Jähriger von Berlin nach Amerika, weil sein Vater ihn wegen einer verpassten Hebräischstunde verprügelt hatte.

Rodgers Vorfahren kamen aus Russland. Zu Beginn seiner Autobiografie Musical Stages schildert er, wie der Tod seiner Urgroßmutter in der Familie das Ende der Orthodoxie einläutete. »Der nächste Schritt hieß Reform, und selbst der verblasste nach meiner Barmizwa. Seitdem sind wir eher aus sozio-ethnischen Gründen als aus religiöser Überzeugung jüdisch.«

new york Rodgers & Hammerstein griffen Liliom auf, verlegten die Handlung nach Neuengland und verpassten dem Stück einen neuen Namen. Carousel feierte im April 1945 Premiere. Der emotionale Höhepunkt You’ll never walk alone erklingt zweimal: nach Billy Bigelows Tod (so hieß Liliom in der Musical-Fassung) und zu seiner Rückkehr zur Schulabschlussfeier seiner Tochter. Im Mai 1945 nahm Frank Sinatra You’ll never walk alone als erster Künstler auf. Schnell wurde der Song zum Standard der amerikanischen Populärmusik.

Molnár war bei der Premiere von Carousel dabei. Ende 1939 hatte er Europa mit seiner Geliebten Wanda Bartha verlassen und wohnte in einem kleinen Apartment im New Yorker Plaza Hotel. »Merken Sie sich«, sagte er einmal zu Friedrich Torberg, »immer das billigste Zimmer im teuersten Hotel nehmen!« Auch Torberg und Alfred Polgar lebten inzwischen im New Yorker Exil und begleiteten Molnár auf seinen kurzen Spaziergängen. Der überquerte ungern die Straßen der Stadt. Der Hinweis, dass auf der gegenüberliegenden Seite schließlich auch Menschen waren, konnte ihn nicht überzeugen. »Die sind dort geboren«, knurrte Molnár.

Obwohl er im Gegensatz zu anderen Emigranten keine Geldsorgen hatte – allein von den Verfilmungen seiner Stücke konnte er gut leben – machten der Weltkrieg und die Schoa aus Molnár einen Misanthropen. »Wir entgingen Folter und Ermordung, wie sie so viele unserer Verwandten in Budapest und im Konzentrationslager ereilt hatten, durch die Flucht ins Ausland; dadurch wurde unser Leben jedoch lediglich um einige Jahre verlängert«, schrieb er resigniert in seinem letzten Buch Gefährtin im Exil. Molnár starb im April 1952 in New York.

Die Verfilmung von Carousel, die 1956 in England auch ein 14-jähriger Teenager namens Gerry Marsden anschaute, hat er nicht mehr erlebt. Und in einem Fußballstadion hat er You’ll never walk alone nie gehört.

Den Song You’ll never walk alone gibt es in vielen Versionen. Hier sind drei unterschiedliche:

vom FC Liverpool:
http://www.youtube.com/watch?v=Y7xvegPH_Lw

von Gerry & the Pacemakers:
http://www.youtube.com/watch?v=8smO4VS9134

und eine niedliche Version aus der Muppet-Show
http://www.youtube.com/watch?v=nsmN2SxW_Tw

Sachsen

Lok Leipzig trennt sich von Stadionsprecher - »Inakzeptable Grafik« 

Die Grafik hat Mirko Linke inzwischen gelöscht. Über Details oder den Inhalt der Grafik machte der Verein keine Angaben

von Frank Kastner  30.09.2022

Ilana Katz

»Die documenta hätte so großartig werden können«

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel über Unverständnis, Unterstützung und viele Debatten

von Ralf Balke  30.09.2022

Debatte

Zicke zacke oder Nazi-Gruß

Die Sängerin Melanie Müller wehrt sich gegen Vorwürfe. Zu Recht?

von André Jahnke  30.09.2022

Russland

Im Zweifel gegen die Juden

Der Ton in Politik und Medien wird zunehmend antisemitischer. Bei Russlands Juden weckt das Erinnerungen an längst überwunden geglaubte Zeiten

von Ralf Balke  30.09.2022

Babyn Jar

Kulturelles Erbe der Ukraine in Gefahr

Während in Kiew dem vor 81 Jahren begangenen Massaker an den Juden der Stadt gedacht wird, bedroht der Krieg im Land auch Orte der Erinnerung

 29.09.2022

NS-Zeit

Kritik an Umgang des Bundesarchivs mit NS-Opferangehörigen

Angehörige, die über das Schicksal ihrer ermordeten Familienmitglieder recherchieren, müssen Gebühren zahlen

 29.09.2022

Erinnerung

»Das ist eine Geschichte, die am Leben gehalten werden muss«

Der Schauspieler besuchte bei seiner Arbeit für die Auschwitz Jewish Center Foundation die KZ-Gedenkstätte

 29.09.2022

Leipzig

Polizei ermittelt gegen Ballermann-Sängerin Melanie Müller

Es geht um den Verdacht des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen

 29.09.2022

Debatte

»Suum cuique« bleibt das Motto der Feldjäger

Verteidigungsministerin Christine Lambrecht hat den Vorstoß des Antisemitismusbeauftragten Felix Klein nach Abschaffung des Leitspruchs der Militärpolizei verworfen

von Michael Thaidigsmann  29.09.2022 Aktualisiert