Redezeit

»Wir sollten Tieren das Recht auf Unversehrtheit zugestehen«

Überzeugter Vegetarier: Giora Feidman Foto: promo

Herr Feidman, das niederländische Parlament hat jüngst das rituelle Schlachten von Tieren verboten. Wie stehen Sie zu dieser Entscheidung?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich finde ich es grundsätzlich sehr gut, wenn man sich für Tierrechte einsetzt. Andererseits ist es für mich als Jude problematisch, dass mit diesem Gesetz Juden in ihrer Religionsfreiheit einschränkt werden.

Sie würden also das Recht der Tiere auf Unversehrtheit nicht unbedingt höher gewichten als das Recht auf Religionsfreiheit?
Es ist wie gesagt kompliziert. Sie sehen mich in dieser Frage unentschieden. Ich hätte für dieses Gesetz sicherlich sehr viel mehr Verständnis, wenn jede Form des Schlachtens von Tieren verboten werden würde.

Weshalb?
Nach meinem Wissensstand ist das Schächten weniger schmerzhaft für die Tiere als das übliche Töten in der Massentierhaltung, aus deren Betrieben der Großteil des verzehrten Fleisches stammt. Das Schächten zu verbieten, das konventionelle Schlachten hingegen weiterhin zu erlauben – das klingt für mich nach einem doppelten Standard der niederländischen Regierung, der Juden und nicht zuletzt auch Muslime diskriminiert.

Sie sind seit über vier Jahrzehnten Vegetarier. Weshalb essen Sie kein Fleisch?
Weil ich für das Töten von Tieren nicht verantwortlich sein möchte. Als vernunftbegabte Wesen haben wir Menschen die Pflicht, das Leid auf diesem Planeten zu minimieren. Wir haben kein Recht dazu, täglich Millionen von Tieren in enge Käfige einzusperren und zu schlachten. Ich werde unendlich traurig, wenn ich daran denke, dass wir die Tiere behandeln als seien sie aus Holz und nicht als das, was sie wirklich sind: leidensfähige Kreaturen wie du und ich.

Wir alle kennen die Bilder von Tiertransporten und Schlachthöfen. Die meisten Leute finden das entsetzlich. Aber dann beißen sie doch wieder in die Wurst. Warum?
Menschen sind bekanntlich nicht vollkommen, sondern allzu oft auch sehr schwach. Und sie sind Weltmeister im Verdrängen. Es gibt von Immanuel Kant den Ausspruch, wonach der Mensch aus krummem Holz geschnitzt sei, weswegen aus ihm nichts Gerades gezimmert werden könne. Ich glaube, das trifft es ganz gut.

Wann haben Sie beschlossen, vegetarisch zu leben?
Ich habe mir lange Zeit gar keine Gedanken darüber gemacht, was es eigentlich bedeutet, Fleisch zu essen. Ein Steak gehörte für mich, der in Argentinien aufgewachsen ist, wie selbstverständlich zu einem guten Essen dazu. Sie müssen wissen, wenn man in Buenos Aires den Kellner nach einen Salat fragt, schaut er einen an, als hätte man ihm ein obszönes Angebot gemacht. Erst als ich mich als junger Mann öfter in Israel aufhielt, wo es schon damals so etwas wie eine vegetarische Kultur gab, ging mir auf, dass es auch anders geht. Es ist einfach verdammt schwer, etwas zu hinterfragen und zu ändern, wenn man damit aufgewachsen ist.

Spielten bei Ihrem Entschluss damals auch gesundheitliche Erwägungen eine Rolle?
Nein, und ehrlich gesagt, weiß ich auch gar nicht, ob sich Vegetarier gesünder ernähren als Fleischesser. Jedenfalls achte ich darauf, regelmäßig Lebensmittel wie Linsen und Nüsse zu essen, um ausreichend Eisen und Zink zu mir zu nehmen, das in hoher Konzentration ansonsten nur in Fleisch enthalten ist. Mir ging es allein darum, das Schlachten von Tieren nicht länger zu unterstützen. Wer Fleisch isst, macht sich meiner Ansicht nach schuldig.

Haben Tiere die gleichen Rechte wie Menschen?
Theoretisch ja. Aber wenn ich wie unsere Vorfahren vor die Wahl gestellt werden würde, entweder zu verhungern oder auf die Jagd zu gehen, würde ich mich zweifelsfrei für Letzteres entscheiden. Heutzutage jedoch stellt es für uns absolut kein Problem dar, auf Fleisch zu verzichten. Wir Menschen als die stärkere Spezies sollten daher den Tieren das Recht auf Unversehrtheit zugestehen. Wir leben im 21. Jahrhundert und nicht im Mittelalter.

Glauben Sie, dass der Vegetarismus sich auf kurz oder lang durchsetzen kann?
Das wäre sehr zu wünschen. Man sollte die Menschen allerdings unter keinen Umständen zu missionieren versuchen. Mir ist jede Form von Dogmatismus und Fanatismus zuwider. Erst kürzlich hörte ich von Frutariern, die mit Plakaten demonstrieren gingen, auf denen stand: »Stop killing Apples! Don’t you hear them scream?«. Aufzuklären halte ich für erfolgsversprechender. Wer einmal gesehen hat, wie schockierend die Bedingungen in der Massentierhaltung sind, wird unweigerlich einsehen, dass wir so nicht weitermachen können.

Mit dem Musiker sprach Philipp Engel.


Giora Feidman wurde 1936 als Sohn eines jüdischen Einwanderers in Buenos Aires geboren. Mit achtzehn bekam er sein erstes Engagement als Klarinettist am Teatro Colon, der renommiertesten Opernbühne Südamerikas. 1957 übersiedelte Feidman nach Israel, wo er für achtzehn Jahre Mitglied des Israel Philharmonic Orchestra war und als Solist unter anderem unter Leonard Bernstein und Zubin Mehta spielte. Zu Beginn der siebziger Jahre gab er seine ersten Klezmer-Konzerte. 1985 wurde er in Deutschland einem breiten Publikum bekannt, als er unter Peter Zadek an der Seite von Esther Ofarim in dem Stück »Ghetto« spielte. 2005 trat Feidman vor 800.000 Menschen auf, die sich anlässlich des Weltjugendtages auf dem Kölner Marienfeld versammelt hatten. Giora Feidman ist seit 1975 mit der israelischen Komponistin Ora Bat-Chaim verheiratet, die seit vielen Jahren auch seine Managerin ist.

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