Interview

»Wir müssen jetzt alle aufstehen«

Dirk Wohltorf wurde für sein Engagement gegen Antisemitismus schon persönlich angegriffen. Foto: ivd

Herr Wohltorf, Sie sind Mitinitiator und Mitorganisator der wohl größten Kundgebung gegen Antisemitismus in Deutschland nach dem 7. Oktober – als Christ, als Privatperson. Wie kam es dazu?
Nach dem Massaker der Hamas habe ich meinen ältesten Freund angerufen – er ist Jude, wir sind zusammen aufgewachsen, und ich wollte ihm mitteilen, wie leid mir das alles tut. Er sagte: Das ist ganz lieb von dir, ich habe bisher kaum solche Anrufe bekommen. Später traf ich beim Spazierengehen seine Eltern, der Großvater hat die Schoa überlebt. Und sie erzählten, dass sie sich, als gebürtige Berliner, fragen, ob sie hier noch leben können. Das hat mich tief erschüttert. Ich dachte: Die Generation meiner Großeltern hat damals geschwiegen. Ich werde es nicht tun. 

Was hatten Sie vor?
Der besagte Freund erzählte mir später, dass er gerade auf einer pro-israelischen Demonstration in Berlin war, wo nur ein paar hundert Menschen zusammenkamen. Er war zurecht enttäuscht und deprimiert. Auf einer Veranstaltung in der darauffolgenden Woche hat er die Bundestagspräsidentin Bärbel Bas kennengelernt und ihr von seiner Überlegung berichtet, ein Zeichen mit einer Solidaritätsveranstaltung gegen Antisemitismus zu setzen. Bärbel Bas hat sofort ihre Unterstützung als Schirmfrau zugesagt. Seit diesem Tag  versuchen wir, ein Zeichen zu setzen, aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Juden dürfen in Deutschland nicht allein gelassen werden. Wir alle müssen aufstehen und zeigen, dass die, die bisher in Berlin die Straßen dominiert haben, nur eine Minderheit sind – wenn auch eine laute. Die große Mehrheit ist gegen Antisemitismus, aber sie schweigt. Und das wollten wir ändern. Seit vier Wochen organisieren mein Freund, ich und ein Dutzend toller Unterstützer diese Kundgebung. Wir alle haben unsere privaten und beruflichen Kontakte angesprochen und genutzt. Wir haben prominente Unterstützer aus Politik und Kultur, Sport und Wirtschaft.

Diesen Sonntag um 13 Uhr wollen Sie in Berlin vom Großen Stern zum Brandenburger Tor ziehen. Wie viele Teilnehmer erwarten Sie?
Wir erwarten viele Tausend. Das wäre ein starkes Zeichen. Aber natürlich wird es bei 5 Grad und Regen sehr schwer, die Menschen auf die Straße zu bekommen. Was in anderen europäischen Hauptstädten an Solidarität mit Jüdinnen und Juden zu sehen war, muss uns doch gerade auch hier, in Berlin, gelingen. Schon jetzt haben wir eine Bewegung der Solidarisierung ausgelöst mit unserer Initiative. Unser großes, breites Bündnis aus Unternehmen, Vereinen, Verbänden und Institutionen repräsentiert viele Millionen Mitarbeiter und Mitglieder. Das ist ein großer Erfolg. Gegen Antisemitismus, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Für ein friedliches Zusammenleben in unserem Land.

Für ihr Engagement wurden auch Sie schon angefeindet, nachdem Sie sich als Präsident des Immobilienverband IVD in einem Video deutlich gegen Antisemitismus ausgesprochen hatten.
Ich habe in meiner Videobotschaft darauf aufmerksam gemacht, dass in Berlin, der Stadt, aus der die Schoa organisiert wurde, wieder Juden Angst haben, ihre Kinder in den Kindergarten oder die Schule zu schicken oder überhaupt in Berlin zu leben und das wir das nicht akzeptieren und zulassen dürfen. Wenige Tage später wurde mein Büro und ein großes Plakat meines Unternehmens antisemitisch beschmiert. Ich bin erschrocken darüber, was einem entgegenschlägt, wenn man sich für Jüdinnen und Juden einsetzt. Das ist eine Lehre, die ich nicht wieder vergessen werde und ein großer Antrieb, mich zu engagieren.

Mit dem Präsidenten des Immobilienverbands Deutschland (IVD) Dirk Wohltorf sprach Mascha Malburg.

Ina Czyborra

Berlin

Kein Antisemitismusbeauftragter vor der Abgeordnetenhauswahl

Das Auswahlverfahren für eine Ansprechperson an Hochschulen der Bundeshauptstadt ist vorerst gescheitert

 28.08.2026

Birmingham

Ermittlungen gegen früheren Polizeichef wegen Ausschluss israelischer Fußballfans

Der Ausschluss von Anhängern des israelischen Fußballclubs Maccabi Tel Aviv bei dessen Auswärtsspiel im November vergangenen Jahres in Großbritannien hat ein Nachspiel

 28.08.2026

Interim

Christoph de Vries übernimmt zeitweise Amt von Felix Klein

Der langjährige Antisemitismusbeauftragte Felix Klein wechselt als deutscher Vertreter zur OECD nach Paris. Bis seine Nachfolge geklärt ist, übernimmt der Parlamentarische Staatssekretär seine Aufgaben

von Anna Mertens  28.08.2026

Social Media

Prozess: Mark Zuckerbergs Meta will knapp 17 Milliarden Dollar zahlen

Das historische Verfahren zwischen Tech-Gigant Meta und fast allen US-Bundesstaaten gilt rechtlich nur für die USA. Doch es könnte auch globale Auswirkungen haben

 28.08.2026

Vereinte Nationen

Generalsekretär Guterres: UN-Sonderberichterstatter »völlig außer Kontrolle« in Bezug auf Israel

Der scheidende UN-Generalsekretär António Guterres hat die extreme Einseitigkeit einiger UN-Sonderberichterstatter bezüglich des jüdischen Staates eingeräumt. Eine allgemeine Voreingenommenheit der UNO gegenüber Israel sieht er aber nicht

 28.08.2026

Diplomatie

Iran-Konferenz in Istanbul wird verschoben

Außenminister Wadephul wollte am Sonntag mit Kollegen unter anderem aus der Türkei, Saudi-Arabien, Ägypten und Pakistan über die Lage in der Straße von Hormus reden. Daraus wird vorerst nichts

 28.08.2026

Golfregion

Irans Außenminister: »Druck funktioniert nicht«

Regionale Staaten haben eine neue Runde diplomatischer Bemühungen im Iran-Krieg begonnen. Teheran richtet eine Botschaft an die USA

 28.08.2026

Professor Lars Rensmann von der Universität Passau

Wissenschaft

Ist die AfD das »freundliche Gesicht« des Antisemitismus?

Das American Jewish Committee thematisiert in einer am Dienstag veröffentlichten Analyse den Antisemitismus in der Alternative für Deutschland

 28.08.2026

Den Haag

Kriegsverbrecher Ratko Mladic gestorben

Er galt als ruchloser Kriegsverbrecher, der Zehntausende unschuldige Zivilisten auf dem Gewissen hatte. Jetzt ist Ratko Mladic tot, gestorben in einem Gefängniskrankenhaus

von Markus Schönherr  28.08.2026