Interview

»Wir können viel beitragen«

Foto: Judith Konig

Herr Latasch, in der vergangenen Woche wurden Sie als erstes jüdisches Mitglied in den Deutschen Ethikrat berufen. Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert?
Ich habe nicht lange überlegt, sondern sehr bald zugesagt. Der Ethikrat besteht aus 26 Personen, die vom Bundesrat und der Bundesregierung berufen werden. Die Kirchen sind darin längst präsent, nun sollen auch Vertreter der muslimischen und der jüdischen Religion zu Wort kommen. Da ich über langjährige Erfahrungen in der Notfall‐ und Intensivmedizin verfüge, fiel die Wahl auf mich. Das ist eine große Ehre.

Zugleich ein Zeichen der veränderten Wahrnehmung der jüdischen Gemeinschaft?
Ja. Ein solches Gremium gibt es schon länger, 2008 hat es sich dann als Ethikrat konstituiert. Aber ich glaube, dass die Gesellschaft damals noch nicht so weit war. Mittlerweile ist unsere Gemeinschaft mehr ins Bewusstsein gerückt. Die Berufung ist eine Anerkennung unseres Anteils, den wir an der Vielfalt in Deutschland haben.

Was können Sie von jüdischer Seite zur bioethischen Debatte beitragen?
Sehr viel. Wenige wissen, dass sich die jüdische Religion traditionell sehr ausführlich und exakt mit medizinischen Fragen beschäftigt und eine eigene Position vertritt.

Zum Beispiel?
Bei der Frage der Präimplantationsdiagnostik etwa, bei der die jüdische Auffassung deutlich von der christlichen abweicht. Diese Position werde ich im Ethikrat vertreten.

Zur Frage der Organspende gibt es im Judentum unterschiedliche Meinungen und unter Juden eine auffallend niedrige Zahl von Spendern. Was ist Ihre Auffassung?
Jüdischer Tradition entspricht, dass man möglichst körperlich unbeschädigt beerdigt werden muss. Andererseits kann man mit einer Transplantation Leben retten. Für mich gibt es keine Frage, wo die Wertigkeit höher ist. Organspende muss auf freiwilliger Basis jederzeit erlaubt sein, wenn es eine eindeutige Festlegung der Feststellung des Todes gibt.

Welche Position vertreten Sie bei den Fragen des Lebensendes?
Einige alte talmudische Gedanken zur Bestimmung des Todeszeitpunktes wurden mittlerweile von der modernen Medizin überholt. Früher hat man eine Feder unter die Nase gehalten, um zu prüfen, ob ein Mensch noch atmet. Heute gibt es Methoden, mit denen man das Ende des Lebens viel präziser bestimmen kann. Aber für die bioethische Debatte ist die Kombination von Religion und Medizin wichtig.

Gibt es religiöse Autoritäten, bei denen Sie sich rückversichern?
Wir haben im europäischen und deutschen Raum, auch hier in Frankfurt, sehr kompetente Rabbiner. In schwierigen Fragen werde ich die jeweilige Literatur studieren und mir zudem auch rabbinischen Rat einholen.

Mit dem Ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Frankfurt/Main sprach Detlef David Kauschke.

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