Auschwitz-Prozess

»Wir dürfen das niemals vergessen«

Der Angeklagte Oskar Gröning wird am Mittwochmorgen in den Gerichtssaal gebracht. Foto: dpa

Im Auschwitz-Prozess gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning am Landgericht Lüneburg hat am Mittwoch eine weitere Zeugin ausgesagt. Die 84-jährige Susan Pollack war am Morgen aus England angereist, um neben ihrer Aussage vor dem Gericht auch eine Mahnung zu formulieren. »Wir dürfen das niemals vergessen«, sagte sie mit Blick auf die Gräueltaten der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg.

Sie sei als junges Mädchen in einem Viehwagen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Auschwitz gebracht worden. »Was war das für ein Ort? Der Terror hat meine Denkfähigkeit vollkommen blockiert.« Selbst als sie wenig später erfahren habe, dass ihre Mutter vergast worden sei, sei sie nicht in der Lage gewesen zu trauern: »Ich habe nicht geweint, alle Gefühle hatten mich verlassen.«

Nach etwa zwei Monaten sei sie in ein Arbeitslager verlegt worden und musste von dort in einem Todesmarsch nach Bergen-Belsen ziehen. »Berge von Leichen, keine Hygiene – es war schlimmer als der Tod.«

Zufall Bei der Befreiung des Lagers sei sie »vollständig entmenschlicht« gewesen. »Ich wollte nur draußen sterben.« Durch Zufall hätten britische Soldaten bemerkt, dass sich ihr Köper noch bewegte. In einem Krankenhaus seien unter anderem ihre Erkrankungen wie Typhus und Tuberkulose behandelt worden. Schließlich fand sie zunächst in Schweden und nach einer Station in Kanada ein neues Zuhause in England.

»Mein Körper hat sich in dieser Zeit schnell erholt. Das war nicht so schwer.« Ihre emotionale und psychische Wiederherstellung habe ein Leben gedauert: »Ich bin immer noch nicht fertig damit.«

Heute sei für die Mutter von drei Kindern der Gedanke der Versöhnung bestimmend. »Es ist eine neue Welt, in der wir leben. Darüber bin ich sehr froh.« Sie engagiere sich seit rund 25 Jahren in Schulen und berichte der Enkelgeneration ihre Erlebnisse. »Ich bin gerne mit den jungen Menschen zusammen. In den letzten Jahren bin ich etwas müde geworden. Die Erinnerung an den Holocaust darf aber niemals enden.«

Der Prozesstag war zunächst schleppend gestartet. Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch verlas am Morgen unter anderem eine Bescheinigung zur Versetzung des Angeklagten aus dem Lager Auschwitz im September 1944 in eine Feldeinheit. Dort heißt es, Gröning sei Angehöriger der Verwaltung und habe sich freiwillig zum Fronteinsatz gemeldet. Im Dienstleistungszeugnis zu seinen Tätigkeiten im Lager ist zu lesen, er habe seine Tätigkeit »mit Fleiß und Sorgfalt« erledigt: »Sein soldatisches Auftreten war stramm und korrekt.«

Einstellung Das Gericht fragte den 93-jährigen Angeklagten auch, ob sich seine Einstellung zu den erhobenen Vorwürfen durch den Verfahrensverlauf geändert habe. Daraufhin kündigte sein Anwalt an, dass Gröning sich zu einem späteren Zeitpunkt noch zu der bisherigen Beweisaufnahme äußern wolle: »Heute wird das allerdings nicht möglich sein.«

Der frühere »Buchhalter von Auschwitz«, Oskar Gröning, muss sich in dem Prozess wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen verantworten. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hat er Spuren der Massentötung verwischt, indem er im Frühjahr 1944 half, an der Bahnrampe in Auschwitz-Birkenau Gepäck wegzuschaffen.

Zwischen dem 16. Mai und 11. Juli 1944 trafen in Auschwitz mindestens 137 Eisenbahntransporte mit rund 425.000 Menschen aus Ungarn ein, von denen mindestens 300.000 in den Gaskammern getötet wurden. epd

Teheran

Modschtaba Chamenei bleibt unsichtbar

Der neue »Oberste Führer« des Iran zeigt sich weiter nicht in der Öffentlichkeit. Eine verlesene Botschaft ersetzt seine Neujahrsrede

 20.03.2026

Bern

Schweiz stoppt Waffenexporte an die USA

Wegen ihres strikten Neutralitätsprinzips liefert die Schweiz vorerst keine Waffen mehr an die USA, weil diese am Krieg gegen den Iran beteiligt sind

 20.03.2026

Berlin

DIG kritisiert Deutschlands Rückzug im Verfahren zum angeblichen Genozid gegen Israel

»Deutschland opfert Israel seinen Ambitionen auf einen Sitz im Weltsicherheitsrat«, sagt DIG-Präsident Volker Beck. Und nennt es »schändlich«

 20.03.2026

Bildung

Stille im Vieh-Waggon - Jugendliche fühlen die Geschichte des ehemaligen KZ Bergen-Belsen

Jugendliche aus ganz Europa hören in Bergen-Belsen von Hunger, Enge und Angst - und stehen plötzlich selbst an den Orten des Grauens. Für viele ist der Besuch im früheren Konzentrationslager die erste intensive Begegnung mit der NS-Zeit

von Charlotte Morgenthal  20.03.2026

Argentinien

Argentinien übernimmt IHRA-Vorsitz

Das südamerikanische Land übernimmt die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Als erstes auf dem Kontinent

 20.03.2026

Oslo

Mette-Marit: Epstein hat mich manipuliert

Vertraute Mails und Liebes-Tipps: Ihre Freundschaft mit dem Sexualstraftäter hat Norwegens Kronprinzessin in Bedrängnis gebracht. Jetzt gab Mette-Marit ein Fernsehinterview

 20.03.2026

Meinung

Warum die Stellungnahme der USA beim IGH eine Enttäuschung ist

Die Intervention Washingtons vor dem Internationalen Gerichtshof nimmt zwar Israel gegen den Vorwurf des Genozids in Schutz. Sie liefert den Richtern aber kaum Argumente

von Menachem Z. Rosensaft  20.03.2026

Berlin

Berliner Spitzen-Linke kritisiert Zionismus-Beschluss

Ein Entscheid der niedersächsischen Linken gegen den »real existierenden Zionismus« sorgt auch in der eigenen Partei für Aufregung. Die Spitzenkandidatin für die Berlin-Wahl geht auf Distanz

 20.03.2026

Teheran

Iran meldet Tod von Revolutionsgarde-Sprecher bei Angriffen

Staatliche iranische Medien vermelden den Tod von Ali Mohammad Naini, der seit 2024 die Revolutionsgarde repräsentierte

 20.03.2026