Als Ruth Bader Ginsburg, die erste jüdische Richterin am Obersten Gerichtshof der USA, 2020 starb, behauptete der »Guardian« in einem Nachruf, sie habe mit 17 Jahren ihr Judentum aufgegeben. Eine interessante Behauptung – angesichts der Tatsache, dass Ginsburg wenige Jahre zuvor einen Midrasch über die fünf starken Frauen der Pessach-Erzählung verfasst hatte, an ihrer Bürotür eine Mesusa angebracht war und über ihrem Schreibtisch der Spruch »Tzedek, tzedek tirdof« – »Der Gerechtigkeit sollst du nachjagen« – hing, der stets Bezugspunkt ihres Denkens und Handelns war.
Ja, sie hatte sich als Jugendliche von einer konservativen Synagoge distanziert, die ihr verweigerte, als Tochter das Kaddisch für ihre Mutter zu sprechen. Sie war enttäuscht. Als Jüdin.
Umschreibung jüdischer Identitäten
Der Fall ist symptomatisch, weil er zeigt, wie weit die Umschreibung jüdischer Identitäten bereits vorangeschritten ist. Wenn die »New York Times« beispielsweise in Todesanzeigen von einem »Sohn russischer Immigranten« spricht, obgleich dieser Mann als jüdischer Nobody auf die Welt gekommen ist und dann so erfolgreich wurde, dass er sich einen solchen Nachruf verdient hatte. Er mag vielleicht Schinken und Shrimps gegessen haben und war nur zu Jom Kippur in der Synagoge erschienen. Na und? Sein Denken und Sozialbewusstsein waren in der jüdischen Ethik verwurzelt. Eine Ethik, die seit der Befreiung aus Ägypten aus erlebter Verfolgung und Verwundbarkeit eine Verantwortung für sich und andere herleitete.
Und die dazu führte, dass »der wandernde Jude«, sobald sich auch nur ein Hauch von Freiheit bot, nicht verbittert zurückschaute, wie der britische Autor Louis Golding bewundernd schrieb, sondern der Welt ein »Hallo, hier bin ich. Was kann ich tun?« zurief.
Diese Haltung sollte Generationen prägen. So kam es, dass jüdische Emigranten und ihre Kinder die Bürgerrechtsbewegung unterstützten, den Begriff des Völkermords entwickelten oder an der Erklärung der Menschenrechte mitwirkten. Davon abgesehen, dass es etwas zutiefst Respektloses hat, Menschen, die vor blutigen Pogromen geflohen waren, posthum zu normalen Bürgern zu erklären, wurden in solchen Nachrufen jüdische Identität und Geschichte mit einem Tastenklick ausgelöscht.
Kultur der jüdischen Widerständigkeit
Doch wenn man die Kultur der jüdischen Widerständigkeit ignoriert, wenn man die Ethik der Eigenverantwortung oder den hohen Stellenwert des Lernens im Judentum ausradiert – dann stehen jüdische Leistungen nicht mehr für Resilienz und harte Arbeit, sondern werden zu einem Indiz für Privilegien, kurzum für Positionen der Macht.
Rassismus? Die Schoa sei leider ein Verbrechen von Weißen an Weißen – Pech gehabt.
Und genauso war es intendiert. Die Umschreibung war kein Ausrutscher, sondern eine Notwendigkeit für das progressive Milieu in seinem ideologischen Kampf gegen Israel, einen Staat, dessen Verletzlichkeit sie ebenfalls nicht anerkannten, oder, wie Eva Illouz es besser benennt, den sie »entwerteten«. Israel ist für sie nur ein Apartheid-Regime oder eine Kolonialmacht. Schon dazu hatten sie Geschichte umschreiben und jede Komplexität aus einem jahrhundertealten Konflikt entfernen müssen.
Dummerweise ließ sich Israel jedoch schlecht als strukturell böse definieren, wenn man die Mehrheit seiner Unterstützer – amerikanische Juden – als eine historisch verletzliche Minderheit versteht. Es ist also nicht weiter überraschend, dass die größte jüdische Gemeinschaft außerhalb Israels langsam, aber stetig neu verortet wurde, und zwar als weiß, privilegiert und zionistisch.
Geschichtsfälschung und ihre Bedeutung in der Realität
In progressiven Augen hieß das, für ein koloniales Unterdrückungsprojekt einzutreten. Was diese, nennen wir es einmal, Geschichtsfälschung in der Realität sonst noch so bedeutete, fanden Juden bald heraus: Studierende mussten gekritzelte Hakenkreuze oder Galgen von ihren Zimmertüren putzen. Jüdische Referenten konnten Vorträge oft nur unter Schreikonzerten oder, wenn die Proteste zu gewalttätig wurden, gar nicht halten. Dem sowjetischen Dissidenten und israelischen Politiker Natan Sharansky flog 2003 sogar eine Torte ins Gesicht.
Jüdische Studierende wurden aus genau den sozialen Zirkeln herausgemobbt, in denen Minderheiten zusammenarbeiteten. Leider sei, wie Kommilitonen den Nachfahren von Auschwitz-Überlebenden erklärten, die Schoa ein »white-on-white crime« – ein Verbrechen von Weißen an Weißen. Pech gehabt. Damit fielen Juden nicht mehr unter die Kategorie »Opfer von Rassismus«, die in progressiven Diskursen zum neuen Goldstandard in Sachen Moral geworden war.
So geschah es, dass eine der Initiatorinnen des ersten Women’s March 2017 gegen Präsident Trump – eine Jüdin – später von genau jenen »marginalisierten« Frauen ausgegrenzt wurde, für deren Akzeptanz sie zuvor gekämpft hatte. Ihren Zionismus behielten jüdische Feministinnen damals ohnehin besser für sich.
Aggression gegen schutzbedürftige Gruppen
Nur intern diskutierten sie zunächst darüber, wie man mit dem Antisemitismus umgehen sollte, der von anderen Minderheiten kam. Und fragten sich in solchen Treffen verwundert, warum es wohl nicht mehr Empathie auslöste, dass immer mehr Juden beleidigt, körperlich angegriffen und verletzt wurden, während sonst jede Aggression gegen schutzbedürftige Gruppen Schlagzeilen machte. Und dennoch marschierten viele Jüdinnen weiterhin mit. Schließlich ging es um die Demokratie.
Seit dem 7. Oktober hat das Ausblenden jüdischer Realität ein Orwell’sches Ausmaß angenommen. Es überwältigt viele Jüdinnen und Juden. Doch dass die Wirklichkeit so manipuliert und jedes kritische Denken ausgeschaltet werden kann, sollte nicht nur ihnen Angst machen.
Die Autorin lebt als Publizistin in San Francisco.