Interview

»Was habe ich schon erreicht?«

Elie Wiesel Foto: Bärbel Högner

Herr Wiesel, in Ihrem neuen Buch »Mit offenem Herzen« ziehen Sie eine Bilanz Ihres Lebens. Wie fällt diese aus?
Ich bin immer äußerst kritisch mit mir gewesen. Was auch immer ich in meinem Leben gemacht habe – es war nie genug. Als Holocaust‐Überlebender hätte ich noch mehr Zeugnis ablegen müssen von den Schrecken der Schoa, ich hätte noch mehr für die Menschenrechte kämpfen müssen, noch mehr helfen müssen. Es war einfach nicht genug. Sagen Sie es mir: Was habe ich schon erreicht?

Sie haben all jenen eine Stimme gegeben, die von den Nazis ermordet wurden.
Und doch ist alles umsonst gewesen. Die Welt ist seit dem Holocaust kein besserer Ort geworden. Die Menschheit hat seit Auschwitz nicht dazugelernt. In Syrien zum Beispiel metzeln Assad und seine Schergen in diesem Moment vor den Augen der Welt ihr Volk nieder. Wo bleibt der Aufschrei der Welt? Wer hält Assad von seinen Morden ab? Niemand!

Haben Sie angesichts der Ungerechtigkeiten in der Welt resigniert?
Niemals! Das Eintreten für Frieden und Gerechtigkeit ist wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt. Uns bleibt trotzdem nichts anderes übrig, als weiter dafür zu kämpfen. Wir haben keine andere Wahl. Das gilt auch für mich: Was ich während der Schoa erlitten habe, verpflichtet mich, ein Leben lang mit allen Mitteln für die Menschenrechte einzutreten.

Konnten Sie je auch nur einen Moment vergessen, was Sie in Auschwitz erlebt haben?
Nein. Die Erinnerung daran ist immer da.

Sie haben oft Unverständnis darüber geäußert, dass Juden sich für Deutschland als Heimat entscheiden. Fühlen Sie sich durch die Beschneidungsdebatte bestätigt?
Ich persönlich könnte zwar nie in Deutschland leben. Aber ich bin nicht in der Position, anderen Juden etwas vorzuschreiben. Gleichwohl bin ich natürlich über die Debatte schockiert. Die Brit Mila verbieten zu wollen, ist so skandalös, dass es mich zutiefst schmerzt.

Stichwort Iran: Wie sollte die Weltgemeinschaft dem Vernichtungsstreben Teherans begegnen?
Das iranische Régime plant systematisch die Auslöschung Israels. Man hätte Ahmadinedschad in New York bei seiner Teilnahme an der UN‐Vollversammlung festnehmen und Den Haag überstellen müssen. Darum habe ich Präsident Obama in meinem letzten Gespräch gebeten. Das iranische Régime ist eine ernste Gefahr für Israel – und die ganze Welt.

Sie sind schwer krank. Wie geht es Ihnen zurzeit?
Mir geht es zum Glück wieder besser. Mittlerweile kann ich sogar fast so viel arbeiten wie zuvor. Das ist für mich ein Wunder: Nach der schweren Herzoperation im vergangenen Jahr sah es wirklich schlecht aus. Ich bereitete mich darauf vor, zu sterben. Vielleicht wird mir noch ein bisschen Zeit geschenkt, um weiter zur Verbesserung der Welt beizutragen. Wir werden sehen, welchen Plan Gott für mich bereithält.

Mit dem Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger sprach Philipp Peyman Engel.

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