Interview

»Verschwörungsglaube führt zu Scheinsicherheit«

Herr Blume, wir sind wegen der Corona-Pandemie verstärkt mit Verschwörungstheorien konfrontiert. Woher kommt dieses Denken plötzlich?
Das passiert immer dann besonders schnell, wenn etwas Schlimmes da ist, das wir nicht sehen können - ein Virus zum Beispiel. Wir brauchen also jemanden, der uns das erklären kann. Doch Wissenschaft, wie auch der Journalismus und die Politik nähern sich Wahrheit stets nur an. Da passieren auch Fehler und es kommt zu unterschiedlichen Ansichten. Das ist für Menschen schwer zu ertragen, die Schwierigkeiten haben, mit Unsicherheit umzugehen. Dann kommt jemand um die Ecke und sagt, ich habe alle Antworten: Es ist eine riesige Verschwörung und ich sage dir, wer daran schuld ist: der Bill Gates, die Rothschilds. Damit sind alle Fragen beantwortet. Das hat eine unmittelbare Entlastungsfunktion. Anstatt die Unsicherheit ertragen zu müssen, führt der Verschwörungsglaube zu einer Scheinsicherheit.

Gibt es aktuell eine Haupterzählung?
Ja. Wir haben derzeit vor allem den sogenannten libertären Antisemitismus. Der hat sich im 20. Jahrhundert in den USA und in Europa entwickelt. Die Leute glauben, dass eine große Verschwörung aus Juden und Nichtjuden ihre Freiheit bedroht. Da wird zum Beispiel gesagt, die Rothschilds - eine jüdische Bankiersfamilie - habe alle demokratischen Staaten unter ihrer Kontrolle. Bis heute glauben Leute, dass solche Verschwörer hinter der Eurokrise stecken, hinter der Flüchtlingskrise und jetzt eben hinter Covid-19.

Rothschild? Ich höre vor allem die Erzählung, wonach Microsoft-Gründer Bill Gates hinter der Pandemie stecke, um Zwangsimpfungen durchzusetzen.
Es wird behauptet, die Rothschilds finanzieren Bill Gates. Bis heute glauben Verschwörer immer, dass Juden hinter angeblichen Verschwörungen stehen.

Wie erklären Sie sich diesen Reflex?
Das Judentum war die erste Religion auf Basis eines Alphabets. Juden sagten, jedes Kind soll lesen und schreiben lernen. Bar- oder Batmizwa wird ein Kind dann, wenn es lesen und schreiben kann. Dann wird es zum Erwachsenen. Weil Juden gebildeter waren als andere, glaubten Verschwörungsideologen immer, dass Juden hinter allem Übel stünden. Im Mittelalter etwa gab es, immer wenn die Pest ausbrach, Vorwürfe, die Juden hätten Brunnen vergiftet. Damals hatten wir Pestpogrome, wo Mobs losgezogen sind und Synagogen angezündet haben. Heute ist es nicht mehr so schlimm, aber es sind immer noch viel zu viele Leute, die auf solche Erzählungen hereinfallen.

Sie widmen sich auch in einem Podcast dem Thema »Verschwörungsfragen«. In einer Episode sagen Sie, dass Religion natürlich sei, die Wissenschaft aber kulturell gelernt werden müsse. Was hat denn Religion mit Verschwörungsdenken zu tun?
In Religionen glauben wir an höhere Wesen, an Gott, Engel und dergleichen. Verschwörungsideologen benennen ein Feindbild. Es ist eigentlich wie eine umgekehrte Form von Religion: Der Glaube an böse Mächte. In der Wissenschaft hingegen – ich als Religionswissenschaftler arbeite ja genau an diesem Schnittpunkt – lernen wir Erklärungen zu finden und Theorien zu formulieren, die ohne höhere Wesen auskommen. Da heißt es, ein Virus entsteht nicht, weil Gott eine Strafe verhängt oder uns prüfen will, sondern durch eine zufällige Mutation, durch Zufall also. Das ist für Menschen schwer zu ertragen.

Inwiefern?
Wir wollen instinktiv wissen, wer hat das verursacht. Wir müssen uns klarmachen, dass wir von der Evolution her nicht auf Wissenschaft gepolt sind. Die müssen wir erst einmal lernen. Idealerweise gelingt es uns, das miteinander in Einklang zu bringen: religiös zu sein, aber zu wissen, was Religion ist. Dann kann ich Religion und Wissenschaft gleichermaßen respektieren. Wenn ich das aber verwechsele, dann wird es wild.

Welchen Einfluss hat das Internet?
Wir hatten in der Geschichte immer eine Phase der Destabilisierung, wenn neue Medien aufkamen: Der Buchdruck machte den Hexenhammer möglich, eine Schrift, mit der die Hexenverfolgung begründet wurde. Damals tauchte dieser Glaube auf, wonach Frauen und Juden Kinder töten, um aus ihnen Hexensalbe zu machen. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Zeit von Radio und Film: Nazis nutzten diese Medien auf ihrem Vormarsch. Jetzt haben wir das Internet. Immer wenn wir neue Medien haben, beschleunigt sich alles: Das hektische und emotionale Denken drängt das langsame, vernünftige Denken ab und kommt in den Vordergrund. Wenn dann noch eine Krise dazu kommt, dann wirft das viele aus der Bahn.

Für wie gefährlich halten Sie das derzeitige Verschwörungsdenken?
Ich gehe nicht davon aus, dass wir Vergleichbares wie die Pestpogrome erleben werden. Nach einer ersten Welle beruhigt sich auch ein Teil der Leute meist wieder. Was wir aber haben und haben werden, ist die Radikalisierung von Einzelnen über das Internet. Da glauben die Leute wirklich - wie der Sänger Xavier Naidoo zum Beispiel - sie leben in einem Land, das von Juden und Satanen beherrscht wird. Für ihn fühlt es sich tatsächlich so an und das dürfen wir nicht unterschätzen. Naidoo, der Vegan-Koch Attila Hildmann und andere folgen dem Denken der sogenannten QAnon-Bewegung. Die ist in den USA verbreitet und glaubt, dass US-Präsident Donald Trump als Heilsbringer sozusagen dabei ist, eine große Verschwörung zu zerschlagen. Es gab schon mehrere Termine, an denen das hätte passieren sollen. Die Anhänger dieser Erzählung werden mit jeder fehlgeschlagenen Prophezeiung zorniger. Hier bitte ich um Wachsamkeit, denn das kann durchaus noch eskalieren.

Mit dem Antisemitismusbeauftragten der Landesregierung von Baden-Württemberg sprach Mey Dudin.

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