Islam

Verschleierter Blick

Aussortiert: Dieses Foto ist Teil einer Kampagne der Internationalen Gesellschaft fur Menschenrechte gegen das Burkatragen. Foto: igfm.de

Burka und Kopftuch sind, genauso wie Scheitel und Kippa, keine religiösen Symbole. Religiöse Symbole – das sind die siebenarmige Menora, das Kreuz oder der Halbmond. Sie bringen die transzendente Botschaft ihrer jeweiligen Religion bildlich auf den Punkt. Wer sich in einem Symbol wiedererkennt, bezieht sich zugleich auf eine ganz große Botschaft. Kopfbedeckungen – egal, ob bei Frauen oder bei Männern – drücken keine transzendente Botschaft aus. Sie sind im Laufe der Geschichte entstanden und inzwischen Brauch geworden. Aus ihnen wurde das Zeichen einer Identität. Genau darum geht es in der gegenwärtigen Debatte über ein Burka-Verbot. Frauen, die sich ganz verschleiern, bekunden – freiwillig oder unfreiwillig –, eine Identität zu haben, die mit der westlichen unvereinbar ist.

Unglücklicherweise vermischt sich die Diskussion um das Burka-Verbot mit der um ein Kopftuch-Verbot. Beide Verbote sind abzulehnen – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Denn Welten trennen die Burka vom Kopftuch.

Moderne Kopftuchträgerinnen signalisieren nach außen eine weitgefächerte Bandbreite von Identitäten. Wenn sich heute junge Musliminnen in Europa die Haare mit feschem perlenbesetztem oder mit Bordüren verziertem Stoff bedecken, ist das etwas völlig anderes, als sich gänzlich zu verhüllen. Sie unternehmen den schwierigen Versuch, sowohl ihre kulturelle Herkunft als auch ihr Leben als moderne Muslima zu einer neuen Identität zu formen. Das Kopftuch zeugt dabei oftmals nicht von Unterdrückung, sondern vielmehr von Selbstbewusstsein.

Den nichtmuslimischen Zeitgenossen zeigt es: Eine westliche Identität ist im islamischen Gewande möglich. Wenn uns an einer solchen Entwicklung gelegen ist, sollten wir genau diese Frauen stärken, statt sie mit undifferenzierten, unsensiblen Verboten zusätzlich zu belasten. Sie tun dasselbe wie einst jüdische Frauen, die Kopftücher gegen Perücken tauschten. Auch sie fanden damit den Kompromiss zwischen traditionalistischem Brauchtum und einer Umgebung, in der die Frauen ihr Haar offen trugen. Zu Recht fühlt sich niemand vom Scheitel bedroht. Und so sollte man auch im Kopftuch grundsätzlich keine Gefahr sehen.

Individualität Ganz anders verhält es sich mit der Burka: Sie muss jeden westlich sozialisierten Menschen bestürzen, verwirft sie doch Jahrhunderte abendländischen Kampfes um Individualität und Selbstausdruck als Bedingungen unserer gesamtgesellschaftlichen Freiheit. Die demokratische Kultur kann nur funktionieren, wenn sich die Bürger einbringen. Dies setzt voraus, dass sie sich zu erkennen geben – also sichtbar sind.

Religionen müssen hierzu ihren eigenen Beitrag leisten. Denn sie sind, auch wenn sie sich historisch anders gebärdet haben, ursprünglich nicht dazu da, Menschen zu unterdrücken. Alle Religionen erheben den Anspruch, dem Menschsein zu seiner Vollständigkeit zu verhelfen. Das sollte auch der Islam unter Anerkennung der westlichen Freiheitswerte zu leisten in der Lage sein. Die Burka verkörpert jedoch das genaue Gegenteil jener Freiheitswerte. Sollte man ihr Tragen deshalb unter Strafe stellen?

freiheit Mit einem Verbot, so begründet das belgische Parlament seinen Gesetzesvorstoß, werde die Unterwanderung ihrer Gesellschaft durch den radikalen Islam wirksam bekämpft. Allerdings ist fraglich, ob die ohnehin wenigen Frauen mit Burka radikale Islamistinnen sind. Ihnen die Verschleierung zu verbieten, spielt letztlich nur ihren Ehemännern in die Hände. Diese können die Unterdrückung ihrer Frauen – nunmehr staatlich abgesegnet – sogar noch ausweiten. Denn das Verbot nimmt den Frauen das letzte bisschen Freiheit, auf die Straße zu gehen. Sie werden sich ganz gewiss nicht strafbar machen wollen, verfügen sie in ihren Lebenszusammenhängen doch nicht über die Freiheit, den Schleier aus eigener Entscheidung abzulegen.

In diesem Fall wird die Parallelgesellschaft nicht vom Islam, sondern vom belgischen Gesetzgeber selbst gefördert. Das kann für eine Demokratie, die von der Identifizierung ihrer Bürger mit dem Rechtsstaat lebt, nicht der Schritt in die richtige Richtung sein. Statt die Gräben zu vertiefen, sollte die Politik progressive muslimische Kräfte stärken. Damit diese in ihren eigenen Reihen überzeugend für das Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung werben können. Diese Ordnung schließt allerdings das Recht ein, sich so zu kleiden, wie man es für richtig hält. Darauf wollen auch wir Juden nicht verzichten.

Die Autorin ist Rabbinerin des Egalitären Minjans in Frankfurt am Main.

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