Angriffe

Schmierereien und Drohungen: Antisemitismus an NS-Gedenkstätten nimmt zu

Gedenkstätten und -orte sind immer häufiger das Ziel ganz unterschiedlicher Angriffe Foto: dpa

Antisemitismus an NS-Gedenkstätten in Deutschland zeigt sich Fachleuten zufolge besonders häufig in Einträgen von Gästebüchern. Hinzu kommen Drohungen gegen das Personal und Störungen von Führungen, wie am Mittwoch der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) in Berlin mitteilte. Der Verband veröffentlichte am selben Tag eine Broschüre zu dem Thema. Antisemitismus an Gedenkstätten zeige sich sowohl anonym als auch ganz offen oder in gezielt inszenierten Handlungen, heißt es darin.

Insgesamt liegen die Zahlen den Angaben zufolge auf einem weiterhin hohen Niveau. So wurden 2024 mit 211 Vorfällen fast doppelt so viele wie im Jahr davor registriert. Bei fast der Hälfte sei israelbezogener Antisemitismus erfasst worden: Beispielsweise zeigten Einträge in Gästebüchern, dass regelmäßig das Handeln Israels mit den Verbrechen der Nazis gleichgesetzt werde. Laut Rias hat sich die Situation insgesamt seit dem Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem folgenden Gazakrieg verschärft.

Unterschiede zwischen Stadt und Land

Oft stammten die Vorfälle aus dem rechtsextremen Spektrum, wie es hieß. Zugleich würden verstärkt auch solche mit »links antiimperialistischem und antiisraelischem Hintergrund« dokumentiert. Eine qualitative Auswertung von Vorfällen vermittele zudem den Eindruck, dass in ländlichen Gegenden eher allgemeine, teils rechtsextreme Formen der »Erinnerungsabwehr« aufträten. Damit ist der Wunsch gemeint, die NS-Verbrechen aus der Erinnerung zu verdrängen. In städtischen Regionen seien dagegen verstärkt Vorfälle zu beobachten, die sich auf Israel beziehen – wenn etwa Juden für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht würden.

Rias zufolge müssen Mitarbeitende von Gedenkstätten zunehmend mit geschichtsrevisionistischen Argumentationen von Jugendlichen umgehen, also mit Versuchen, historische Erkenntnisse etwa über den Holocaust umzudeuten oder zu leugnen. Auch hätten sich Lehrkräfte bereits gezwungen gesehen, einen Gedenkstättenbesuch abzusagen, weil sie befürchtet hätten, dass Jugendliche sich dort nicht angemessen verhalten oder das Programm boykottieren würden. Gedenkstättenbesuche dürften nicht als »Allheilmittel« verstanden werden, heißt es in der Broschüre. Gleichwohl könne dort auch Raum sein für kritische Fragen.

Psychischer Druck auf Guides

Das Fazit von Rias: Das Gedenkstättenpersonal benötige vermehrt Fort- und Weiterbildungen, was wiederum Zeit und Geld beanspruche, die beide eigentlich für die inhaltliche Arbeit eingeplant seien. »Diese zusätzlichen Belastungen bleiben nicht folgenlos – der psychische Druck auf freie Guides und pädagogische Mitarbeitende nimmt zu.«

Anlässlich der Veröffentlichung der Broschüre appellierte die Leiterin der Berliner Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Deborah Hartmann, denn auch an die politisch Verantwortlichen, dass es mehr finanzielle Mittel brauche. »Nicht erst seit dem 7. Oktober 2023, aber durch die folgende Welle antisemitischer Übergriffe verstärkt, beschäftigen wir uns mit der antisemitismuskritischen Reflexion unserer Bildungsangebote.« Das betreffe zum Beispiel Ausstellungen und Sprachgebrauch in Führungen.

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