Justiz

Saal 600

Kleiner Raum mit großer Bedeutung: Saal 600 des Nürnberger Justizpalastes Foto: dpa

Über 40 Stufen führen durch das lichtdurchflutete Treppenhaus des Nürnberger Justizpalastes bis hoch in den zweiten Stock. Der Gang endet vor einer großen braunen Holztür. »Schwurgerichtssitzungssaal« steht in goldenen Lettern darüber, die Ziffer 600 hängt schlicht neben der Klinke. Dort hinter der Tür wurde zwischen November 1945 und Oktober 1946 Geschichte geschrieben, denn hier fanden die sogenannten Nürnberger Prozesse statt, bei denen Hauptkriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs verurteilt wurden.

Gemurmel Wenn man in den Saal geht, lebt ein Hauch Vergangenheit auf. Etwas muffig riecht es, nach Holzlasur und Auslegeware. Dunkelbraune Paneele hängen an den Wänden und der Decke. Dass draußen die viel befahrene Fürther Straße liegt, merkt man im Saal 600 nicht. Kein Geräusch dringt hinein, und selbst im Raum scheinen Worte verschluckt zu werden. Trotzdem ist es, als höre man das Gemurmel von vielen Stimmen während des Prozesses. Die Anklagebänke sind aus massivem Holz, die Stühle schlicht grün bezogen. Nur vier große Kronleuchter verleihen dem Saal etwas Erhabenes. Über dem Richterstuhl hängt ein großes Kreuz. »Das war damals noch nicht da«, sagt Stefan Franke, Präsident des Oberlandesgerichts Nürnberg. Als er 2003 sein Amt antrat, wusste er: »Aus diesem Saal muss man etwas machen.«

Zwar werden schon seit dem Jahr 2000 Führungen durch den historischen Raum angeboten, doch schon bald haben die Besucherzahlen die Kapazitäten überstiegen. Auch begrenzte Öffnungszeiten und lange Anreisewege hinderten Menschen nicht daran, diesen Ort der Rechtsgeschichte zu besuchen. An einige Touristen erinnert sich Franke noch heute, weil sie von so weit her kamen: Zwei LKW‐Fahrer aus Rumänien standen an einem späten Sonntagabend vor dem Justizpalast und fragten, ob sie hinein dürfen. »Der Saal 600 ist auch heute noch ein Ort der Rechtsprechung«, sagt Franke. Und das fasziniere Menschen.

Memorium Wenn der Saal ab November wieder für alle geöffnet ist, werden wohl einige neugierige Blicke in Richtung der linken Anklagebank gehen, auf der sie saßen: Göring, Heß, von Ribbentrop oder Keitel. Da stört auch keinem, dass die Bank nicht das Original ist. Das steht nämlich ein Stockwerk höher, im Dachstuhl des Justizpalastes, wo derzeit das »Memorium Nürnberger Prozesse« aufgebaut wird. Die Ausstellung soll Vorgeschichte und Verlauf des Prozesses und der zwölf Nachfolgeverfahren zeigen.

Die Bauarbeiten schränken den normalen Betrieb des Gerichts ein. »Die Situation ist nicht so einfach«, sagt Henrike Zentgraf, die die Ausstellung konzipiert hat. »Auch in Zukunft muss sich das Schwurgericht auf Besucher einstellen.« Wenn verhandelt wird, darf keiner hinein. Und wenn der Richter nicht möchte, dass die Besucher durch die neu in den Dachstuhl eingebauten vier Fenster in den Saal 600 schauen, müssen diese verdunkelt werden, erklärt Stefan Franke. Durch diese kleinen Fenster, etwa einen halben mal einen halben Meter groß, lässt sich der Raum aus der Vogelperspektive betrachten. Von oben sehen selbst die wuchtigen Kronleuchter und die Anklagebänke wie in einer Puppenstube aus. Dass während der Nürnberger Prozesse 200 Berichterstatter neben Angeklagten, Militärpolizisten und Gericht hier hineingepasst haben, scheinfast unglaublich.

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