Interview

»Rache spielte eine Rolle«

Herr Kleemann, welche Erinnerung haben Sie an den 6. Juni 1944?
Viele Menschen denken beim D-Day an Heldenmut, Tapferkeit und Stärke. Ich war dabei und kann Ihnen sagen: Meine Erinnerung an diesen Tag ist geprägt von der Höllenangst, die ich damals hatte. Als unsere Division mit dem Landeboot an den Küstenabschnitt Utah Beach gefahren wurde, wusste ich: Jetzt wird es ernst. Jetzt fallen deine Würfel. Entweder du überlebst, oder das war es für immer.

In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, dass Sie bei der Landung zugleich auch erleichtert waren.
Ja, meine Division und ich wurden mehrere Monate auf diesen Tag vorbereitet. Hinzu kam das tagelange Warten im Vorfeld der Landung. Das war wirklich entsetzlich. Ich war auf dem Transportschiff USS LST 282 stationiert: Viel zu viele Männer auf viel zu wenig Raum. In gewisser Weise war ich froh, dass es losging. Die Zeit des Stillstands war endlich vorbei.

Wie erlebten Sie den Moment, als die Luke Ihres Schiffes sich öffnete und Sie mit Ihrer Division auf den von den Deutschen besetzten Strand zusteuerten?
Es war unbeschreiblich laut. Explosionen erschütterten den Strand, Schüsse peitschten durch die Luft, und von überall her hörte ich Soldaten schreien. Nie wieder in meinem Leben habe ich solch einen Lärm erlebt. Gleichzeitig hörte ich ganz laut meinen eigenen Herzschlag – und obwohl um mich herum Kameraden getroffen wurden und in sich zusammensackten, befahl meine innere Stimme: Weitermarschieren, Werner! Weitermarschieren! In der Ausbildung wurde uns eingetrichtert, bei der Landung die Waffe übers Wasser zu halten, zu gehen, nicht zu rennen und den Anschluss an die Kameraden zu halten.

Sie wuchsen in der unterfränkischen Stadt Gaukönigshofen auf. Nur mit viel Glück überlebten Sie das KZ Dachau. Hatten Sie bei der Landung in der Normandie so etwas wie Rachegefühle?
Ich wollte zuallererst dabei helfen, meine alte Heimat von den Nazis zu befreien. Rache spielte aber auch eine Rolle, ja. Das zu leugnen, wäre gelogen. Unter uns Soldaten gab es viele Geschichten darüber, wie erbarmungslos die Deutschen waren. Dass sie keine Gefangenen machen, Juden zu Seife verarbeiten. Das soll mir nicht geschehen, dachte ich. Ich werde mich wehren bis zum Schluss. Ich wollte mein Leben nicht in diesem gottverlassenen Ort lassen.

Wie ging es weiter?
Wie durch ein Wunder habe ich es irgendwie an Land geschafft. Meine Kameraden und ich sind der Vierten Division gefolgt, der es gelang, Cherbourg zu besetzen. Wir konnten die Deutschen Stück für Stück zurückdrängen und haben dann Paris befreit. Im September 1944 überquerten wir die deutsche Grenze – ein seltsames Gefühl. Weil ich einer der wenigen Soldaten war, die fließend Deutsch sprachen, arbeitete ich als Dolmetscher. Als die Deutschen kapitulierten, war ich in Heidelberg stationiert, keine vier Stunden von Gaukönigshofen entfernt.

Genau dorthin sind Sie kurz darauf zurückgekehrt.
Ich wollte meine jüdischen Freunde suchen, die ich nach meiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Dachau im Dezember 1938 und meiner Flucht in die USA zurückgelassen hatte. Aber es war keiner mehr dort. Die Nazis hatten alle verschleppt, viele auch ermordet. Stattdessen traf ich zu Hause viele Menschen, die sich am 9. November 1938 an den Pogromen beteiligt hatten. Ich schrieb ihre Namen auf und übergab die Liste der Polizei. Den Gastwirt, der mich damals verraten hatte, verhaftete ich selbst – in US-Uniform und mit gezückter Waffe.

Ein Stück Genugtuung?
Absolut!

Nachdem Sie in die USA zurückgekehrt waren, haben Sie vier Jahrzehnte mit niemandem über das Erlebte gesprochen. Warum nicht?
Aus drei Gründen. Erstens: Es hat sich lange Zeit niemand für die Geschichten von uns Schoa-Überlebenden interessiert. Zweitens: Ich war nach 1945 in den USA mit Arbeit und Familie vollauf beschäftigt. Drittens: Ich konnte lange Zeit auch nicht wirklich über das Geschehene sprechen. Meine Erlebnisse in Dachau und am D-Day machen jede Beschreibung schwer.

Denken Sie oft an diese Zeit zurück?
Je älter ich werde, desto mehr denke ich daran. Ich erinnere mich an all die vielen jungen Männer, die nicht so viel Glück hatten wie ich.

In Erinnerung an den D-Day findet am Freitag in der Normandie im Beisein von vielen Staatspräsidenten eine Gedenkfeier statt. Wie werden Sie diesen Tag begehen?
Ich werde mir im Fernsehen die Berichte über den Gedenkakt ansehen. Ich habe früher selbst daran teilgenommen, auch mit meinen beiden Töchtern. Mit 94 Jahren bin ich mittlerweile zu alt dafür geworden. Schade, ich hätte Angela Merkel gern »Guten Tag« gesagt. Sie hat als Deutsche die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen.

Mit dem Veteran sprach Philipp Peyman Engel.

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