Bundestag

»Passen Sie auf auf unser Land!«

Gedenken im Bundestag zum 27. Januar Foto: imago images/Eibner

In einer bewegenden Rede hat Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, am Mittwoch in der Gedenkstunde des Bundestags zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus, über die Verfolgungserfahrungen ihrer KIndheit gesprochen. Ihre Rede begann sie mit den Worten: »Ich stehe vor Ihnen als stolze Deutsche«.

FAMILIENGESCHICHTE Zweimal wurde Knobloch, die den Krieg versteckt in einem bayerischen Dorf überlebte, von Emotionen überwältigt – als sie über ihre Mutter und als sie über ihre Großmutter sprach. »Ich bin neun, als wir informiert werden: Ein Alten- und Kindertransport nach Theresienstadt. Großmutter oder ich müssen in den Zug. Meine starke Großmutter trifft augenblicklich die unmögliche Entscheidung. Früh am nächsten Tag wird Vater mich wegbringen – in erhoffte Sicherheit. Zuvor, der schwerste Moment meines Lebens: Großmutter sagt, sie gehe zur Kur und komme bald zurück. Ich weiß, was das bedeutet.«

Charlotte Knobloch, die sich nach dem Krieg entgegen ursprünglicher Auswanderungspläne entschied, in Deutschland zu bleiben, erklärte: »Ich hatte meine Heimat verloren. Ich habe für sie gekämpft. Ich habe sie wieder gewonnen. Und ich werde sie verteidigen! Ich stehe als stolze Deutsche vor Ihnen. Obwohl alles dagegensprach; und noch immer vieles dagegenspricht. Trauer, Schmerz, Verzweiflung und Einsamkeit be- gleiten mich. Aber ich weiß: Unser Land leistet viel, damit jüdische Menschen sicher sind – und hoffentlich nie wieder allein!«

POLIZEI Über ihre Erfahrungen in der NS-Zeit sagte die 88-Jährige unter anderem: »Ich wurde als Kind von Männern in deutscher Uniform bedrängt und geschlagen, weil ich den Aufenthaltsort meines Vaters nicht preisgeben wollte. Heute beschützen mich seit Jahren Beamte des Polizeipräsidiums München – mit ihrem Leben.« Ihre Rede wurde mehrmals von Beifall unterbrochen – zweimal an der Stelle, als sie sich »explizit nicht an die ganz rechte Seite des Plenums« wandte, wo die Abgeordneten der AfD sitzen.

»Ich kann nicht so tun, als kümmere es mich nicht, dass Sie hier sitzen«, sagte Knobloch. »Ich spreche Sie nicht pauschal an! Vielleicht ist die eine oder der andere noch bereit zu erkennen, an welche Tradition da angeknüpft wird. Zu den übrigen in Ihrer ›Bewegung‹: Sie werden weiter für Ihr Deutschland kämpfen. Und wir werden weiter für unser Deutschland kämpfen. Ich sage Ihnen: Sie haben Ihren Kampf vor 76 Jahren verloren!

Nach ihrer Rede standen die Abgeordneten auf, um zu applaudieren. Aus den Reihen der AfD blieben allerdings einige Abgeordnete sitzen, darunter Albrecht Glaser, der als erster AfD-Abgeordneter mit seiner Kandidatur für den Posten des Bundestagsvize gescheitert war.

ERÖFFNUNG Die Gedenkstunde wurde von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble eröffnet, der vor neuen Formen von Rassismus und Antisemitismus in Deutschland warnte. «An Gedenktagen wird stets Verantwortung angemahnt, aber werden wir ihr auch gerecht? Auch bei uns zeigen sich Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wieder offen, hemmungslos, auch gewaltbereit», sagte der CDU-Politiker.

Nach Knobloch sprach die Publizistin Marina Weisband, die die Herausforderungen für die junge jüdische Generation in Deutschland in den Blick rückte. Weisband sagte, bald werde es keine Zeitzeugen der Schoah mehr geben. Es sei Aufgabe der Nachkommen, das Gedenken weiterzutragen und Lehren für eine Zukunft zu ziehen, in der die jüdische Kultur selbstverständlich gelebt werden könne. Anlass des Gedenktages ist die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945.

TRAUMATA Die 33-jährige Publizistin und frühere Netzpolitikerin sagte, Jüdin in Deutschland zu sein, bedeute die Schoa in sich zu tragen und mit den Traumata der Eltern und Großeltern zu leben. Anders als ihre Eltern und Großeltern gehofft hatten, könnten Juden in Deutschland nicht einfach als Menschen wie andere leben. Zum Gebet gehe sie durch Sicherheitskontrollen, sagte Weisband. Sie sei dankbar für diesen Schutz: «Aber es macht was mit uns.»

Weisband wurde 1987 als Tochter jüdischer Eltern in Kiew geboren und kam 1994 mit ihrer Familie im Rahmen der Regelung für Kontingentflüchtlinge aus der Ukraine nach Deutschland. Sie engagierte sich zunächst bei der Piratenpartei und gehört seit 2018 den Grünen an.

MORDDROHUNGEN Antisemitismus beginne mit Verschwörungserzählungen, sagte Weisband und bilanzierte: «Wir können den Anfängen nicht wehren». Sie bekomme längst Morddrohungen. Während sie eine Rede halte, würden anderswo Waffen gesammelt. «Umso schmerzhafter ist für mich diese Debatte um einen vermeintlichen Schlussstrich - solange wir keinen ziehen», sagte Weisband unter Beifall.

Seit 25 Jahren erinnert der Bundestag rund um den 27. Januar mit einer Gedenkstunde an die Opfer der Nationalsozialisten. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog hatte den Tag der Befreiung des NS-Konzentrationslagers Auschwitz (27. Januar 1945) im Jahr 1996 als Gedenktag proklamiert. In Auschwitz starben rund 1,1 Millionen Menschen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden rund sechs Millionen Juden ermordet.

In diesem Jahr stand die Gedenkstunde im Zeichen des Jubiläumsjahrs zu 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland. Es erinnert an die erste erwähnte jüdische Gemeinde im Jahr 321 in Köln und soll verdeutlichen, wie lange das Judentum hierzulande heimisch ist. (mit dpa und epd)

Nahost

Abbas verschiebt Parlaments- und Präsidentenwahl

Der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, vertagt die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen bis in den Herbst 2027. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gab es keine Parlamentswahl mehr

 11.10.2026

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

Nahost

Bericht: Iran kann noch immer Raketen und Drohnen produzieren

Teheran soll demnach weiterhin gut ausgestattet mit Raketen sein und schnell nachproduzieren können. Die USA sollen zudem Israel gedrängt haben, Iran erneut anzugreifen – alleine

 11.10.2026

Teilnehmer einer Demonstration »United4Palestine« halten Palästinenserflaggen, auch eine Flagge der Linken und eine Queer-Flagge sind zu sehen.

Berlin

Israelfeindliche Demonstration durchs Regierungsviertel

Rund 3.500 Menschen nehmen an der Demonstration unter dem Motto »United4Palestine« teil. Auch Politiker und Aktivisten der Linkspartei waren dabei. Einige Demonstranten wurden festgenommen

 11.10.2026

Feuer am Flughafen von Riad

Saudi-Arabien

Mindestens zwölf Tote bei Angriff auf Flughafen in Riad

Der Konflikt zwischen den vom Iran unterstützten Huthi im Jemen und Saudi-Arabien eskaliert. Bei dem Angriff auf den Flughafen King Chalid gibt es Tote und Hunderte Verletzte. Wie reagiert Washington?

 11.10.2026

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  10.10.2026

Hans-Georg Lindenau in seinem Ladengeschäft »M99 Gemischtwaren mit Revolutionsbedarf«

Deutschland

Berlin-Kreuzberg: Aushänge gegen Judenhass - Jugendliche greifen Geschäftsinhaber an

Der Staatsschutz ermittelt

 10.10.2026 Aktualisiert

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Eklat in Halle

AfD-Mann Tillschneider will an Anschlags-Gedenken teilnehmen

Aktivisten der Jüdischen Studierendenunion Deutschland verhinderten, dass der Landtags-Vizepräsident die Synagoge betrat

von André Anchuelo  09.10.2026

Meinung

Nein, Frau Pillay hat den Friedensnobelpreis nicht verdient!

Die Südafrikanerin hat Israel vorverurteilt und Antisemitismus in den Reihen ihrer Kommission nicht ernstgenommen. Ihre Auszeichnung durch das Nobelpreiskomitee ist ein großer Fehler, meint der Direktor von UN Watch

von Hillel Neuer  09.10.2026