In Gießen sind an drei Stellen Hinweise auf die Städtepartnerschaft mit der israelischen Stadt Netanya entfernt worden. Der Partnerschaftsverein Gießen-Netanya wertet den Vorfall als möglichen Ausdruck israelbezogenen Antisemitismus.
Die Organisation zeigt sich empört über die gezielte Entfernung von drei Plaketten, die auf die Partnerschaft zwischen der mittelhessischen Stadt und Netanya aufmerksam machen. Der Verein vermutet einen politischen Hintergrund. In einer Erklärung bezeichnet der Vorstand den Vorfall als »Anschlag auf die Versöhnung zwischen Juden und Deutschen«.
Entdeckt wurde die erste fehlende Plakette am Montag an einem Schild am Steinberger Weg. Dort sind die Partnerstädte Gießens mit ihren Namen, Nationalflaggen und den jeweiligen Gründungsjahren aufgeführt. Unter dem Schild lagen Teile der Befestigung. Bei einer anschließenden Kontrolle stellte sich heraus, dass auch an den Standorten Wißmarer Weg und Krofdorfer Straße die Netanya-Hinweise abmontiert worden waren.
Israelbezogener Antisemitismus
An vier großen Ausfallstraßen – der Licher und der Grünberger Straße, der Marburger Straße sowie dem Schiffenberger Weg – sind die Schilder hingegen unbeschädigt. Der Verein vermutet, dass die hohe Verkehrsdichte dort das Risiko für die Täter erhöht hätte, beim Abschrauben entdeckt zu werden. Die Stadtverwaltung wurde über die Vorfälle informiert.
Für den Partnerschaftsverein geht es bei der Demontage nicht allein um beschädigte oder fehlende Hinweistafeln. Die Entfernung der Plaketten sei ein Versuch, die israelische Partnerstadt aus dem öffentlichen Erscheinungsbild Gießens zu verdrängen. Der Vorstand schreibt: »Ganz egal, aus welcher politischen Ecke die Täter stammen: Der offensichtliche Versuch, unsere israelische Partnerstadt aus Gießens Stadtbild zu verbannen, ist nur eines von vielen Beispielen für einen grassierenden, israelbezogenen Antisemitismus, der mit Kritik an konkreter israelischer Regierungspolitik nichts zu tun hat.«
Wer für die Demontage verantwortlich ist, ist bislang nicht bekannt. Auch das vermutete politische Motiv ist noch nicht bestätigt. »Leider müssen wir davon ausgehen, dass die Schilder bewusst entfernt wurden«, sagte jedoch eine Sprecherin der Stadt Gießen laut einem Bericht der »Gießener Allgemeinen«.
Stadt verurteilt Tat
»Auch wenn wir nicht über die Motivation zu dieser möglichen Sachbeschädigung mutmaßen wollen, so möchten wir doch sehr deutlich machen, dass wir diese Tat verurteilen. Wir beabsichtigen daher, Strafanzeige bei der Polizei zu stellen, und hoffen, dass sich diese Tat aufklären lässt«, hieß es. »Wir werden nicht nachlassen, an diese wichtige Städtepartnerschaft und ihre Geschichte zu erinnern und insofern auch auf jüdisches Leben in Gießen und in der Welt hinzuweisen.«
Eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Mittelhessen erklärte gegenüber der Jüdischen Allgemeinen am Donnerstagfrüh, eine Strafanzeige sei noch nicht eingegangen. Der Fall sei jedoch bekannt.
Immerhin muss die Stadt nicht alle drei Schilder ersetzen, denn eins ist am Mittwoch wieder aufgetaucht. Es lehnte an einer Mauer auf Höhe des Kanuverleihs an der Lahn. Somit dürfte es sich um jenes von der Krofdorfer Straße handeln.
Historische Bedeutung
Die Partnerschaft zwischen Gießen und Netanya hat eine besondere historische Bedeutung. Abraham Bar-Menachem, der aus dem Gießener Stadtteil Wieseck stammte, verließ in den 1930er Jahren angesichts der nationalsozialistischen Judenverfolgung seine oberhessische Heimat und wanderte in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina aus. Später wurde er Oberbürgermeister von Netanya. Von dort aus knüpfte er seit den 1960er Jahren Kontakte nach Gießen – trotz Widerständen, die es auch in Israel gab.
1978 entstand daraus eine der ersten Städtepartnerschaften zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel. Der Verein sieht in der Verbindung ein gewachsenes Zeichen der Aussöhnung. Gerade angesichts der jüngsten Vorfälle müsse die Stadt deutlich machen, dass sie an dieser Partnerschaft festhalte. im