Meinung

Nicht gesellschaftsfähig?

Pro-Israel-Demonstration am 13. Juni 2010 auf dem Breitscheidplatz in Berlin Foto: Gregor Zielke

Ich verspreche, dass ich in dem Moment aufhören werde, so vehement für Israel zu streiten, in dem die Mehrheit empathisch gegenüber dem jüdischen Staat ist. Derzeit aber ist die antiisraelische Palästina-Solidaritätsfront in Deutschland nicht unterversorgt. Selbst der Iran kann sich darauf verlassen, dass es genügend einfühlsame Fürsprecher in Deutschland gibt, die ihm entspannt die Atombombe gönnen.

Professoren wie Altvater, Dürr, Fetscher, Narr und Negt haben vor einiger Zeit einen Aufruf unterzeichnet, sofort die Sanktionen gegen den Iran zu beenden. Seit’ an Seit’ streiten sie damit mit der Fleischer-Innung Nürnberg und deren Obermeister Manfred Seitz, der alarmiert auf die Verteuerung seiner Nürnberger Bratwürstchen verweist. Durch die Sanktionen nämlich hat sich der Preis für Schafsaitlinge verdoppelt! Professoren und Fleischer gemeinsam gegen den Wirtschaftsboykott und damit gegen das letzte Mittel, um die Bombe ohne Militäraktionen zu verhindern. Deutlicher kann man nicht zum Ausdruck bringen, dass man Israel allein und die Juden ihrem Schicksal überlässt. Wieder einmal.

Fanatiker »Warum die schwarze Antwort des Hasses auf dein Dasein, Israel?«, fragte die Dichterin Nelly Sachs verzweifelt. Ich gestehe: Mich macht die Schwärze des Hasses oft sprachlos. Wie soll ich reden von meiner tiefen Sorge um die Zukunft dieses kleinen Landes und seiner Bevölkerung angesichts der Existenzbedrohung durch feindliche Nachbarn, religiöse Fanatiker, eifernde Politiker und Kriegsdrohungen aus dem Iran?

Wie kann ich vermitteln, dass die von allen so selbstverständlich geforderte Zwei-Staaten-Lösung voraussetzt, dass beide Völker die Existenz des anderen nicht als temporäre Zwischenlösung bis zur Erreichung des eigentlichen Ziels, der Auslöschung des anderen, ansehen?

Und wie kann ich verständlich machen, dass es sich nicht einfach als politische Ausflucht abtun lässt, wenn ein Volk, das schon einmal knapp der Vernichtung entronnen ist, die Morddrohung in der Charta der Hamas ernst nimmt und »Auslöschung Israels« nicht bereitwillig mit »friedliche Nachbarschaft« übersetzt?

Dabei hilft das populäre Klischee von den palästinensischen Opfern und den israelischen Tätern nicht einmal dem vermeintlichen palästinensischen Mündel, das mit rassistischer Überheblichkeit in seiner Opferrolle gehalten und eben nicht ernst genommen wird.

Echte Anteilnahme verlangt Hinsehen und das Aushalten unbequemer Wahrheit. Das Herz mag heftig für die eine oder die andere Seite schlagen. Die nicht nur journalistische Herausforderung aber besteht eben darin, nicht einfach alte Bilder zu wie-derholen, sondern neue zu finden, nachzufragen, auf Antworten zu bestehen und diese auch dann zu verbreiten, wenn sie die politische Ruhe stören.

Medien Ich will nicht verhehlen, dass mich immer wieder vieles an der Politik Israels irritiert. Darunter auch der unsinnige und politisch dumme Ausbau der Siedlungen im Westjordanland. Der Triumph des Irrationalen ängstigt mich. Gleichzeitig verstört mich die Wonne, mit der die Medien Israel vorführen, und die Gefühlskälte, mit der zurzeit wieder darüber diskutiert wird, wie die Chancen dafür stehen, dass der Iran eine Atombombe gegen Israel auch wirklich einsetzen könnte. Dass er sie bekommen wird, ist dabei schon ausgemachte Sache. Diskutiert wird lediglich die Bedrohung für den Weltfrieden, also für uns hier. »Israel droht mit Selbstverteidigung«, titelte der Focus vor einiger Zeit. Deutlicher, entlarvender kann man es nicht sagen.

»Warum die schwarze Antwort des Hasses auf dein Dasein, Israel?« Juden haben bittere Erfahrung mit dem tödlichen Hass der Antisemiten gemacht. Sie wissen, dass es keine Grundlage gibt, Drohungen nicht ernst zu nehmen, egal, ob sie aus Berlin kamen oder heute aus Gaza oder Teheran kommen. Sie haben gelernt, wie gefährlich »Freunde« sind und wie wenig Verlass im Ernstfall auf die Hilfe von außen ist und wie wichtig es ist, eine eigene Armee zu haben, sich wehren zu können.

Israel lebt seit seiner Gründung im permanenten Ausnahmezustand. Es ist der einzige jüdische Staat der Welt. Und er hat mehr als einmal erfahren, wie wahr die jüdische Lebensweisheit ist: »Gott schütze mich vor meinen Freunden. Vor meinen Feinden schütze ich mich selbst.«

Ich weiß: Langfristig sichern nicht Waffen das Überleben, sondern nur der Frieden. Und auch, wenn im Moment wenig dafür spricht, ich bin unverdrossen hoffnungsvoll. Aus dem arabischen Frühling wird leider gerade ein arabischer Herbst. Lang- und vielleicht sogar schon mittelfristig aber wird es Sommer werden, die Jungen auf arabischer und israelischer Seite werden den Hass der Alten überwinden. Vorausgesetzt, es bleibt genug Zeit dafür. Vorausgesetzt, der Iran erhält keine Atombombe. Vorausgesetzt, Israel bleibt nicht allein.

Die Autorin ist Ressortleiterin Zeitgeschehen beim Fernsehen des Hessischen Rundfunks.

Iran

Ist Modschtaba Chamenei noch am Leben?

Äußerungen aus dem Umfeld der Regierung von Präsident Masoud Peseschkian lassen aufhorchen

 10.08.2026

Medien

Wo steckt die palästinensische Opposition?

Zwei taz-Essays erzählen eindringlich von palästinensischer und muslimischer Entfremdung in Deutschland. Sie lassen zugleich einen entscheidenden blinden Fleck im Nahostkonflikts unerwähnt

von Leeor Engländer  10.08.2026

Bayern

Erneut Ermittlungen gegen Aiwangers Ex-Lehrer

Vor drei Jahren rüttelte die Flugblattaffäre um Hubert Aiwanger die bayerische Landespolitik heftig durcheinander. Viele haben das schon wieder vergessen. Nicht so die Staatsanwaltschaft Regensburg

 10.08.2026

Meinung

Renten: Her mit der aufrichtigen Debatte!

Eine Reform, die lediglich das Bestehende in noch teurer absichert, löst das Problem nicht

von Günter Jek  10.08.2026

Magdeburg

Sachsen-Anhalt: AfD und BSW legen zu

Die Rechtsaußenpartei baut ihren Vorsprung in Sachsen-Anhalt einer neuen Umfrage zufolge weiter aus. Die Wagenknecht-Partei wiederum könnte zum entscheidenden Machtfaktor werden

 10.08.2026

Berlin

Ron Prosor unterstützt deutsche Olympia-Bewerbung

»Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland wären ein starkes Zeichen. Nicht trotz seiner Geschichte, sondern gerade wegen seiner Geschichte«, sagt der israelische Botschafter

 10.08.2026

Interview

»Aufklärung im Hier und Jetzt«

Marina Müller über antisemitismuskritische Bildungsarbeit, die Rolle von Lehrern und das neue Projekt von »Zeugen der Zeitzeugen«

von Leon Stork  10.08.2026

Berlin

Bund gibt mehr Geld für Gedenkstätten

Die deutschen Gedenkstätten erhalten von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mehr Fördermittel - für Projekte, aber auch für den Schutz der Orte und Mitarbeiter.

 10.08.2026

Washington D.C.

Trump ernennt jüdischen Juristen zum neuen Rechtsberater des Weißen Hauses

»Will ist hart, stark und klug! Er liebt auch unser Land und respektiert das Gesetz«, sagt der amerikanische Präsident

 10.08.2026