Brüssel

»Nehmt Abschied, Brüder«

Liliana Segre (2.v.l.) bei ihrer Rede im EU-Parlament in Brüssel Foto: Michael Thaidigsmann

Nicht nur im Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Brüssel, auch auf den Besuchertribünen war am Mittwochnachmittag kaum noch ein Platz frei.

Oben standen Fotografen mit langen Teleobjektiven dicht gedrängt nebeneinander, unten spielten sich ungewöhnliche Szenen ab: Abgeordnete umarmten sich, machten Selfies. Ehemalige Brüssel-Veteranen wie Hans-Gert Pöttering und Elmar Brok waren da. Es war die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen.

Austrittsabkommen Für die 73 britischen Abgeordneten in der EU-Volksvertretung war es nämlich die letzte Plenarsitzung vor dem Brexit, der in der Nacht von Freitag auf Samstag vollzogen wird. Auf der Tagesordnung stand denn auch noch die Ratifizierung des Austrittsabkommens. Das war aber Formsache.

Doch bevor Parlamentspräsident David Sassoli diesen Tagesordnungspunkt aufrufen konnte, wurde es noch einmal still und ernst im Plenum: Die Gedenkstunde zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau stand auf dem Programm. »Nazismus und Rassismus sind keine Meinungen, es sind Verbrechen«, rief Sassoli den Abgeordneten zu und erhielt dafür lang anhaltenden Applaus.

Erst seit einigen Jahren hält das Europäische Parlament regelmäßig zum Internationalen Holocaust-Gedenktag eine Stunde lang inne, um Überlebenden der Schoa zuzuhören. Fand die Feierstunde früher noch in einem separaten Raum statt, in dem sich nur die wenigsten Abgeordneten sehen ließen, ist sie jetzt Teil der regulären Session im großen Plenarsaal.

Dieses Jahr war die Auschwitz-Überlebende Liliana Segre aus Italien Ehrengast in Brüssel.

Vergangenes Jahr hatte Charlotte Knobloch zu den 750 Abgeordneten gesprochen, dieses Jahr war Liliana Segre aus Italien Ehrengast in Brüssel. Die 1930 in Mailand geborene Jüdin war 1944 nach Auschwitz deportiert und später auf einen Todesmarsch geschickt worden. Solange sie lebe, fühle sie sich in der Pflicht, Zeugnis darüber abzulegen, sagte sie.

Gästebuch Sie sei aber auch gekommen, um eine Botschaft der Hoffnung zu geben, sagte Segre. Als Großmutter könne sie gar nicht anders. Segre zeigte sich auch gerührt über Sassolis Einladung. »Ich existiere, und auch das Europäische Parlament existiert. Das war von niemandem geplant«, schrieb sie in das Gästebuch.

Segre ist in Italien seit 2018 Senatorin auf Lebenszeit. Sie war in den letzten Wochen in den Schlagzeilen, weil sie mehrfach antisemitische Schmähungen und Drohungen erhalten hatte. Seitdem sind bei Veranstaltungen mit ihr ständig zwei Sicherheitsbeamte dabei. Vor einigen Tagen teilte Segre mit, in Kürze ihre Vorträge in Schulen einzustellen – aus Altersgründen.

In Brüssel warnte die 89-Jährige eindringlich vor wachsendem Hass – und auch vor der Leugnung der Schoa. »Selbst heute wollen viele nicht hinsehen. Selbst jetzt sagen sie, dass es nicht wahr ist.« Antisemitismus und Rassismus habe es zwar immer gegeben, aber die momentane politische Konjunktur lasse ihn wieder offen zum Vorschein treten. Das Denken sei »verwurzelt in den Köpfen der geistig Armen«, sagte Segre.

Applaus »Es gibt Zeiten, in denen wir uns der anderen Seite zuwenden, in denen es einfacher ist so zu tun, als sei damals gar nichts geschehen«, fügte sie hinzu. Für ihre Rede erhielt sie minutenlangen stehenden Applaus der Abgeordneten.

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier unter anderem vom Star-Cellisten Mischa Maisky. Die Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch saß in der ersten Reihe neben Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und hörte ihm zu.

Lasker-Wallfisch und ihre Schwester, die Journalistin Renate Lasker-Harpprecht, hatten Auschwitz als Jugendliche überlebt, weil Anita als Cellistin in das Mädchenorchester des Todeslagers eingeteilt wurde und so auch ihrer Schwester helfen konnte.

Zahlreiche Abgeordnete waren schon noch vor der offiziellen Gedenkveranstaltung zu einem Empfang des Parlamentspräsidenten gekommen. Dort erzählte Lasker-Wallfisch ihre Lebensgeschichte. Die gebürtige Breslauerin war 1945 von britischen Soldaten in Bergen-Belsen befreit, wie auch ihre Schwester Renate.

Déjà-vu Damals hätten sie gedacht, das müsse das Ende des Antisemitismus sein. Heute befalle sie aber »ein schreckliches Gefühl von Déjà-vu«, sagte die 94-Jährige. Dennoch habe sie persönlich ihren Glauben an Anstand und Gemeinsinn der Mehrheit der Gesellschaft nicht verloren, so Lasker-Wallfisch.

Später im Plenum ergriff auch Ursula von der Leyen noch das Wort. Auf Englisch, Deutsch und Französisch erklärte die neue EU-Kommissionschefin den Abgeordneten, dass sie als Deutsche eine schwere Schuld empfinde. »Die Opfer, vor denen wir uns verneigen, wurden im Namen meiner Nation umgebracht.«

Europa werde aber nicht schweigen, wenn sich heute wieder Hass und Antisemitismus ausbreite. Sie wolle sich »für ein normales Leben für Juden in Europa« stark machen, so von der Leyen.

Dann war die Gedenkstunde vorbei, und nach einer kurzen Pause stiegen die Europaabgeordneten in die Brexit-Debatte ein und verabschiedeten das Ausstiegsabkommen mit Großbritannien.

Am Ende der Sitzung erhoben sich die Abgeordneten, nahmen sich mit verschränkten Armen an der Hand und sangen das schottische Volkslied »Auld lang syne«. In der deutschen Version beginnt das Lied mit folgenden Worten: »Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr, die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer.«

Das hätte wohl auch auf die Gefühle der Schoa-Überlebenden gepasst, die dieser Tage an den Gedenkfeiern in Brüssel und anderswo teilnahmen.

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