Berlin

Meldestellen für Antisemitismus verzeichnen 40 Prozent mehr judenfeindliche Vorfälle

Stellten heute den Jahresbericht vor: Benjamin Steinitz (l.) und Felix Klein Beauftragter Foto: picture alliance/dpa

Verletzendes Verhalten, Bedrohungen, Angriffe, Gewalt: Für das vergangene Jahr hat der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) 2738 judenfeindliche Vorfälle in Deutschland erfasst. Damit stieg die Zahl im Vergleich zu 2020, als die einzelnen Rias-Meldestellen bundesweit 1957 Ereignisse registriert hatten, dramatisch.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Die Experten rechnen außerdem mit einer hohen Dunkelziffer. Das geht aus dem Jahresbericht des Rias-Bundesverbandes hervor, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach ist der Anstieg zum Teil auf eine veränderte Datengrundlage zurückzuführen.

Die Präsentation des Jahresberichts fand in Anwesenheit von Benjamin Steinitz, dem geschäftsführenden Vorstand des Bundesverband Rias, statt. Er verwies auf die antisemitischen Werke auf der documenta, um zu versinnbildlichen, wie verwoben verschiedene Formen von Judenhass oft sind.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

»Der Antisemitismus auf der documenta veranschaulicht, dass israelbezogener Antisemitismus auf ganz klassische antisemitische Stereotype zurückgreift«, sagte Steinitz. In diesem Zusammenhang verwies er auch darauf, dass die antisemitische BDS-Bewegung ein »Einfallstor für offen antisemitische Positionen« sei.

Ebenfalls anwesend war Marina Chernivsky, Geschäftsführerin der Antisemitismus-Beratungsstelle OFEK e.V. Sie nannte die Zahlen einerseits »sehr beunruhigend«, andererseits aber auch »wenig überraschend«. Für Chernivsky, die auch die Leiterin des Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland ist, zeigen die Ergebnisse des Berichts das antisemitische »Grundrauschen, das die jüdische Gemeinschaft umgibt«.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, warnt: »Die stetig steigende Zahl antisemitischer Vorfälle macht seit einigen Jahren eine Enthemmung in Teilen der Bevölkerung sichtbar. Antisemitische Haltungen werden immer häufiger ohne Scheu offen artikuliert, sowohl im Netz als auch auf der Straße.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Das wurde etwa bei den Demonstrationen der Corona-Leugner und Impfgegner deutlich, betonte Schuster. Diese Enthemmung sei ein ge­fährlicher Nährboden, denn aus Worten werden Taten. Die erschreckend hohe Zahl extremer antisemitischer Gewalttaten im Berichtsjahr 2021 sei daher kein Zufall. »Wir brauchen die langfristige po­litische Stärkung zivilgesellschaftlicher Initiativen sowie flächendeckend Fortbildung bei Polizei und Justiz, um den Antisemitismus in der Gesellschaft zu erkennen, zu ahnden und endlich wieder zurückzudrängen«, fordert der Zentralratspräsident.

In dem Rias-Bericht wird betont, dass die Zahl der registrierten Vorfälle, die nicht in jedem Fall strafbar sind, statistisch nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung seien: »Ziel des vorliegenden Berichts ist es vielmehr, die alltägliche Dimension von Antisemitismus in Deutschland zu verdeutlichen.« Im Mai hatte das Bundeskriminalamt einen starken Anstieg antisemitischer Straftaten für 2021 um 29 Prozent auf den Höchststand von 3027 Delikten bekanntgegeben.

»Wir brauchen die langfristige po­litische Stärkung zivilgesellschaftlicher Initiativen sowie flächendeckend Fortbildung bei Polizei und Justiz.«

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden

Laut dem Rias-Bericht prägten das Gesamtbild vor allem die Proteste gegen staatliche Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Diese Proteste seien besonders für Anhänger des verschwörungsideologischen Spektrums »vielfach ein Anlass für antisemitische Äußerungen oder Handlungen« gewesen. Hinzu sei der Nahostkonflikt von Mai 2021 gekommen, der auch zu judenfeindlichen Beleidigungen oder Bedrohungen sowie Angriffen geführt habe. Auch rund um Gedenktage sei erneut eine Vielzahl an Vorfällen registriert worden.

Antisemitismus äußerte sich laut Bericht »häufig niedrigschwellig, mitunter aber auch extrem gewaltförmig«. Demnach dokumentierten die Meldestellen sechs Fälle extremer Gewalt. Fast die Hälfte aller 13 seit 2017 bekannt gewordenen Fälle von extremer Gewalt hätten sich 2021 ereignet. Abseits davon würden Juden in Deutschland »in ganz alltäglichen Situationen mit verletzenden antisemitischen Bemerkungen konfrontiert«.

Die Experten rechnen mit einer hohen Dunkelziffer.

Am häufigsten erfassten die Meldestellen laut Bericht verletzendes Verhalten mit 2182 Vorfällen. Darüber hinaus gab es demnach 101 Bedrohungen, 204 gezielte Sachbeschädigungen, 182 Massenzuschriften und 63 Angriffe. Von den betroffenen Institutionen seien es am häufigsten jüdische und israelische (521 Fälle) gewesen. Dieses Bild ergebe sich auch bei den betroffenen Einzelpersonen mit 518 Fällen. Allerdings seien auch Nichtjuden und nichtjüdische Einrichtungen zur Zielscheibe geworden.

Die häufigsten Tatorte waren dem Bericht zufolge erneut das Internet und die Straße. Was den politisch-weltanschaulichen Hintergrund von Vorfällen angeht, stiegen antiisraelischer Aktivismus auf 9 Prozent (2020: 4) und verschwörungsideologisches Milieu auf 16 Prozent (2020: 13). Gesunken sei der Anteil von rechtsextrem/rechtspopulistisch auf 17 Prozent (2020: 25). In vielen Fällen ist der Hintergrund laut Bericht jedoch unbekannt.

In den Bericht für 2020 sind Daten aus vier regionalen Meldestellen eingeflossen, jetzt seien es bereits acht gewesen.

Der Jahresbericht beruht auf Meldungen von Betroffenen oder Zeugen beziehungsweise Organisationen an den Bundesverband von Rias oder Meldestellen, die es in einigen Bundesländern gibt. Der Bericht berücksichtigt erstmals Daten von drei neuen Meldestellen. »Es ist davon auszugehen, dass aufgrund der Arbeit dieser Meldestellen mehr Vorfälle aus den jeweiligen Regionen bekannt wurden«, heißt es. In den Bericht für 2020 seien Daten aus vier regionalen Meldestellen eingeflossen, jetzt seien es bereits acht gewesen.

Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, war ebenfalls bei der Vorstellung des Berichts anwesend. Für ihn seien die hohen Zahlen antisemitischer Vorfälle erschreckend. Gleichzeitig »bedeuten sie indirekt auch einen Erfolg«. Durch zusätzlich Meldestellen und eine erhöhte Bereitschaft der Betroffenen, Vorfälle auch zu melden, ergebe sich »ein realistischeres Lagebild«.

Lesen Sie mehr zu dem Thema in der kommenden Printausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Initiative

Hessen dringt auf Strafen für Leugnung des Existenzrechts Israels

Die hessische Landesregierung dringt darauf, dass ihr Vorschlag zur Strafbarkeit israelfeindlicher Äußerungen umgesetzt wird. Die Bundesregierung bleibt aber skeptisch. Auch der Zentralrat der Juden ist nicht restlos überzeugt

 05.10.2026

Magdeburg

BSW: Wählen den AfD-Kandidaten zum Landtagspräsidenten

Am Dienstag kommt der neu gewählte Landtag von Sachsen-Anhalt erstmals zusammen. Die AfD hat die Zusage des BSW für die nötigen Stimmen

 05.10.2026

Berlin

Parteien in der Hauptstadt bereiten sich auf drittes Vorgespräch vor

Nach der Abgeordnetenhauswahl setzen Linke, Grüne und SPD auf ein drittes Vorgespräch. Details bleiben geheim – und keiner weiß, wo das Ganze hinführt

 05.10.2026

Berlin

Israelis selbst schuld an Empathielosigkeit? SPD-Politiker in der Kritik

Der Sozialdemokrat Lars Castellucci machte am Samstag mit einem X-Post zum versuchten Anschlag auf ein Flugzeug mit israelischen Passagieren von sich reden. Viele sehen darin eine Täter-Opfer-Umkehrung

 05.10.2026

Kommentar

Die Linke sollte nicht den Berliner Bürgermeister stellen

Die Partei sollte sich erst einmal in der Opposition regenerieren und gegen Rassismus einsetzen

von Herbert Rubinstein  05.10.2026

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Kommentar

Fair Play – es sei denn, es geht um Israel

Irlands Nationalspieler verweigern Israelis den Handschlag, diskutieren darüber, ob sie überhaupt gegen sie antreten wollen – und die UEFA schweigt. So funktioniert die schleichende Etablierung von Antisemitismus als Akt des vermeintlichen humanitären Widerstandes

von Dorothea Schupelius  02.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026