Studie

Juden schauen pessimistisch in die Zukunft

Antisemitismus wird von den Befragten als kollektives Phänomen wahrgenommen. Foto: dpa

Eine deutliche Mehrheit der Juden in Deutschland nimmt Antisemitismus als großes Problem wahr und sieht deswegen sehr pessimistisch in die Zukunft. Dies geht aus einer Studie der University of Applied Sciences Frankfurt am Main (UAS) und des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt‐ und Gewaltforschung (IKG) hervor, die am Montag veröffentlicht wurde.

Die Studie »Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland« von Julia Bernstein vom Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der UAS und Andreas Zick, Andreas Hövermann und Silke Jensen vom IKG besteht aus zwei Teilen: Einer quantitativen Online‐Befragung von 533 Jüdinnen und Juden sowie 31 Einzelinterviews und Expertenberichten. Auftraggeber war der »Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus« des Deutschen Bundestages.

Verbale Angriffe Von den Online‐Befragten haben in den vergangenen zwölf Monaten 62 Prozent Antisemitismus in Form von versteckten Andeutungen erlebt. 29 Prozent berichteten von verbalen Beleidigungen beziehungsweise Belästigungen und drei Prozent von körperlichen Angriffen.

Die Hälfte der Befragten hatte Angst vor Andeutungen und verbalen Angriffen, 37 Prozent fürchteten sich vor körperlichen Attacken. Deswegen zeigten sie ihre jüdische Identität, etwa durch erkennbare Symbole, selten im öffentlichen Leben oder im Internet, berichteten die Forscher. Nichtbeachtung des Antisemitismus sei Teil ihrer Bewältigungsstrategie.

In den Interviews zeigten sich den Angaben zufolge ähnliche Ergebnisse wie in der Online‐Umfrage. »Viele der befragten Jüdinnen und Juden fühlen sich in unserer Gesellschaft verunsichert, denn Diskriminierung findet in vielen Lebenslagen statt, sei es in der Schule, dem Job oder bei Behördengängen«, sagte Bernstein.

Im Schulsystem, so die Befragten, werde man mit den aggressivsten Formen von Antisemitismus konfrontiert. Dazu zählten Provokationsangriffe mit positiven Bezügen auf die NS‐Zeit, eine starke antiisraelische Haltung, sowohl von Schülern als auch von einigen Lehrkräften zum Ausdruck gebracht, sowie vor allem die häufige Nutzung des Wortes Jude als Schimpfwort.

Hass‐Rede Auch werde Antisemitismus von den Befragten als kollektives Phänomen wahrgenommen, welches Freunde, Bekannte und Verwandte von Betroffenen einbezieht. »Das zeigt sich vor allem durch antisemitische Hass‐Reden und stereotype abwertende Darstellungen im Internet. Die meisten Angehörigen der jüdischen Bevölkerung in Deutschland trauen sich nicht, ihren Glauben in der Öffentlichkeit auszuleben – die Angst ist zu groß, Opfer von psychischer und physischer Gewalt zu werden«, sagte Bernstein.

Alle Interviewpartner und 85 Prozent der Online‐Befragten äußerten nach den Angaben der Frankfurter und Bielefelder Forscher eine starke Besorgnis über die Zunahme von Abwertungen gegenüber Jüdinnen und Juden. Antisemitische Vorurteile würden in den vergangenen Jahren von ganz unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft viel offener geäußert, insbesondere solche, die sich auf den Staat Israel beziehen.

Überdies trügen herabwürdigende Äußerungen gegenüber Muslimen dazu bei, dass auch antijüdische Äußerungen salonfähiger würden. Die Studienteilnehmer befürchteten auch vor dem Hintergrund der islamistischen Radikalisierung und der Zuwanderung aus muslimischen Ländern eine Zunahme des Antisemitismus, hieß es. epd

Stutthof

Anklage gegen ehemaligen SS-Wachmann

Der 92-Jährige soll die heimtückische und grausame Tötung jüdischer Häftlinge unterstützt haben

 18.04.2019

Pro & Contra

Soll Impfen Pflicht werden?

Zwei Positionen zur Debatte, ob Impfungen mehr Vorteile als Nachteile haben

von Hadassa Moscovici, Rabbiner Raphael Evers  18.04.2019

Notre-Dame

Aufstehen nach der Trauer

Rabbiner Avichai Apel hofft, dass die Kathedrale bald wieder zum Gebet genutzt werden kann. Ein Kommentar

von Avichai Apel  18.04.2019