Wahlen in den USA

Jews for Bernie?

Ein Junge aus Brooklyn: Bernie Sanders will erster jüdischer Präsident der USA werden. Foto: dpa

Bernie Sanders’ Wahlkampf ist überaus erfolgreich in Brooklyn, dem jüngsten und coolsten Stadtviertel der USA. Kaum anderswo im Land gibt es eine derart große Konzentration an progressiven, linksgerichteten Wählern, für die das Label »Sozialist«, das Sanders sich selbst gibt, kein Handicap, sondern eine Auszeichnung ist. Dennoch war Sanders’ Besuch im Brooklyner Wohnbezirk Midwood, in dem er aufgewachsen ist, am vergangenen Wochenende alles andere als ein Erfolg.

skepsis Midwood ist eine Wohngegend, in der die Zeit stehen geblieben ist, die Hipster-Cafés und veganen Restaurants sind hier noch nicht angekommen. Wie in den 50er-Jahren, als der kleine Bernie hier auf der Straße Baseball spielte, ist Midwood noch immer eine vorwiegend jüdische Gegend. Und die sieht den Kandidaten aus ihrer Mitte eher skeptisch.

»Er ist sehr kritisch gegenüber Israel«, sagt etwa David Rosenberg, der nur drei Häuser von dem Block entfernt wohnt, in dem Sanders aufgewachsen ist. »Wir Juden haben es satt, attackiert zu werden.« Davids Freund Baruch stört sich nicht so sehr an Sanders’ Haltung zu Israel. »Ich glaube nicht, dass er unser Existenzrecht anzweifelt.« Doch Sanders’ Rhetorik des sozialen Ausgleichs ist dem jungen Mann zu kämpferisch: »Er sät Zwietracht statt Frieden.«

Die Zurückhaltung in seinem eigenen Heimatkiez ist symptomatisch für die Schwierigkeiten, die Bernie Sanders bei jüdischen Amerikanern hat. Das jüdische Amerika steht nicht geeint hinter ihm, ganz im Gegenteil. »Es ist mir völlig gleichgültig, dass er ein jüdischer New Yorker ist«, sagt etwa Zahava Alter-Lipton, eine junge Mathematikerin aus Queens. »Ich wähle keinen Präsidenten aufgrund seiner Religion oder aufgrund der Stadt, in der er aufgewachsen ist.«

Auch für Lipton ist die klassenkämpferische Rhetorik von Sanders zu extrem. »Leute sind keine schlechten Menschen, nur weil sie reich sind.« Und Sanders’ Äußerungen zu Israel und Palästina stimmen sie ebenfalls »besorgt«. Sanders hatte mehrfach betont, dass er den israelischen Einsatz in den besetzten Gebieten für »überzogen« hält. In einem Interview mit den New York Daily News behauptete er gar, Israel habe in Gaza 10.000 unschuldige Palästinenser getötet, eine Zahl, die er später offiziell korrigieren ließ. Das Interview veranlasste die Daily News zu einem Editorial, in dem die Zeitung amerikanischen Juden davon abriet, für Sanders zu stimmen.

judentum Mehr noch als an seiner Haltung zu Israel stören sich jedoch viele jüdische Amerikaner daran, dass Sanders sich nicht eindeutig genug zu seinem Judentum bekennt. So fanden es viele jüdische Wähler merkwürdig, dass er sich nach seinem Wahlsieg in New Hampshire »als Sohn polnischer Einwanderer« bezeichnete, aber kein Wort über sein Judentum verlor. »Er leugnet sein Judentum zwar nicht«, sagt etwa Steve Rabinowitz, Direktor einer PR-Firma in Washington, der eine Kampagne von »Juden für Hillary Clinton« leitet. »Aber wir hätten es lieber, wenn er sich etwas deutlicher dazu bekennen würde.«

Ein Teil des Problems, das Sanders mit der jüdischen Wählerschaft hat, ist, dass ihm Religion nicht viel bedeutet. Sanders ging zwar als kleiner Junge, wie alle Juden in Midwood, zur Sonntagsschule und nahm Hebräischunterricht. Seine Eltern gingen jedoch nur einmal im Jahr in die Synagoge, zu Jom Kippur.

Seine Mutter war eine Gewerkschaftsfunktionärin, sein Vater, ein Farbenverkäufer, überzeugter Kommunist. Das war für Juden im Brooklyn der 50er-Jahre typisch. Doch heute wirkt Bernie Sanders ein wenig wie ein Relikt einer anderen Epoche, ein verspäteter Erbe »einer 150 Jahre alten Tradition von jüdischen Radikalen, die sich mehr darauf konzentrierten, die Welt zu verbessern, als ihre Religion auszuüben«, wie es die New York Times ausdrückt.

Gespräche So neigen gerade in New York die meisten jüdischen Wähler dazu, für Hillary Clinton zu stimmen. In jüngsten Umfragen haben 59 Prozent der New Yorker Juden für Clinton votiert. Das liegt auch daran, dass die Clintons über Jahrzehnte sorgsam Beziehungen zur jüdischen Gemeinde gepflegt haben. So sagt Rabbiner David Niederman, Direktor der Vereinigung jüdischer Organisationen in Brooklyn, er sei offen für Gespräche mit Sanders’ Leuten – doch es sei nie ein Anruf gekommen. Hillary Clinton hingegen habe ihn zweimal persönlich besucht.

So wird Niederman wohl am 19. April bei den New Yorker Vorwahlen der Demokraten für Clinton stimmen: »Ich kenne sie, sie weiß, was das Land braucht, und sie respektiert die jüdische Gemeinschaft.« Bernie Sanders hingegen bleibt für Leute wie Rabbiner Niederman nur sehr schwer einzuschätzen.

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

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