Einspruch

Jeder nach seiner Fasson jüdisch

Jochanan Shelliem Foto: dpa

Einspruch

Jeder nach seiner Fasson jüdisch

Jochanan Shelliem lobt das Frankfurter Modell der Einheitsgemeinde in Vielfalt

von Jochanan Shelliem  09.03.2015 18:41 Uhr

Es gibt Sätze, die verschwinden im Äther, sobald sie ausgesprochen wurden. Und es gibt Sätze, die bleiben. Ignatz Bubis’ Diktum »Jeder soll nach seiner Fasson jüdisch sein« gehört zweifellos zur letzteren Kategorie. Als der langjährige Frankfurter Gemeindevorsitzende sich 1995 für die Gründung eines Egalitären Minjans aussprach, waren Erstaunen und Widerstand der anderen Gemeindevertreter groß. Seit der Schoa verstand sich seine Gemeinde als orthodox.

Ignatz Bubis aber sah die Gründung des Egalitären Minjans nicht als Angriff auf, sondern als Gewinn für das jüdische Leben. Aufmerksam hatte er registriert, dass sich abseits der orthodoxen Gemeinde vornehmlich bei jungen Mitgliedern das Bedürfnis nach einem neuen, vom jüdischen Leben in den USA inspirierten liberalen Judentum entwickelt hatte. Weit früher als andere hatte er verstanden, dass die Zukunft jüdischer Gemeinden darin liegt, jeden dort abzuholen, wo er steht. Vielfalt in der Einheit – von diesem Konzept war er überzeugt.

jubiläum
Exakt 20 Jahre später hat der Egalitäre Minjan nun am Sonntag unter dem Dach der Jüdischen Gemeinde Frankfurt sein zweites rundes Jubiläum gefeiert. Und die liberale Beterschaft wächst. Das »Frankfurter Modell« der Einheitsgemeinde hat sich bewährt. Die Frömmigkeit hat vielleicht abgenommen, aber für alle, die Kinder haben, wirft ihr jüdisches Erbe existenzielle Fragen auf. Fragen, die nach einer jüdischen Gemeinschaft suchen, die auch neue Antworten, Alternativen und Integrationsmöglichkeiten anbieten kann. Vorbilder werden gesucht, die neue Wege gehen.

Eine Einheitsgemeinde voller Vielfalt, daran sollten sich auch andere Gemeinden in Deutschland orientieren. Als Gemeinschaft sind wir viel zu klein, als dass wir es uns leisten könnten, Strömungen in der Gemeinde zu unterdrücken. Debatten über spirituelle Fragen beleben die Gemeinschaft, daher braucht es Integration statt Ausgrenzung. »Mehr Offenheit wagen!« – auch so ein Leitsatz des genialen Pragmatikers Bubis.

Der Autor ist ARD-Hörfunkjournalist und lebt in Frankfurt am Main.

Berlin

Remmo: Koçak hat bei mir im Büro gesessen

Wie eng war der Kontakt des Linken-Bundestagsabgeordneten Koçak zur Großfamilie Remmo? Nach der Berliner Wahl kamen Chatnachrichten ans Licht, die er als Fehler bezeichnete. Gab es auch ein Treffen?

 16.10.2026

Berliner Sondierungen

Özdemir: Berliner Linke hat sich »radikalisiert«

Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir schaut mit Sorge auf die politischen Geschehnisse in der Bundeshauptstadt. Seiner Ansicht nach hat sich die Berliner Linke radikalisiert

 16.10.2026

Kommentar

Deutsche Iran-Politik: Urkomische Dinge und pure Realitätsverweigerung

Der neue Botschafter der Bundesrepublik in Teheran, Axel Dittmann, produziert mit seinen Instagram-Videos unfreiwillig Realsatire

von Saba Farzan  16.10.2026

Meinung

Keine Wahlen in Palästina: Armutszeugnis für den Westen

Mahmud Abbas hat die Wahlen in den Palästinensergebieten erneut um ein Jahr verschoben und bricht damit seine Zusagen. Wann zieht man in Europa endlich Konsequenzen?

von Jacques Abramowicz  16.10.2026

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD)

Rede des Bundesratspräsidenten

Bovenschulte zu AfD-Verbot: »Prüfen heißt nicht verbieten«

Seine letzte Rede als Bundesratspräsident nutzt Andreas Bovenschulte für einen Appell. Es geht darum, wie weit die Demokratie im Umgang mit der AfD gehen sollte – und warum kein Fehler passieren darf

 16.10.2026

München

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Steffen Alisch

Meinung

Die Berliner Linke und ihr DDR-Vorleben

Linker Antisemitismus, Israelfeindschaft und Genozid-Vorwurf – all das gab es bereits in der DDR unter dem Regime der Linkspartei-Vorläuferin SED

von Steffen Alisch  16.10.2026

Staatsanwaltschaft

Der Bundestag hebt die Immunität von SPD-Abgeordnetem Adis Ahmetovic auf

Ermittler durchsuchen sein Büro und Wohnungen wegen des Verdachts verbotener Absprachen

von Leonard Fischer  16.10.2026

Annäherung

Warum die FPÖ auf ein Gütesiegel aus Israel hofft - Österreichs Rechte knüpfen Verbindungen zum Likud

Noch stehen in Österreich keine Wahlen an. Dennoch will die rechte FPÖ ihr aktuelles Umfrage-Hoch mit einer Strategie untermauern, die verwundert: Die einstige Altnazi-Partei sucht Unterstützung aus Israel

von Markus Schönherr  16.10.2026